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Nach meinem Erwachen am 9.6.2003 wurde mir
im Laufe der Zeit immer klarer und bewusster, was der
Missbrauch bei mir alles an Folgen hinterließ. Es ist für
einen Menschen schon erschreckend, wenn er auf über 40
Jahre seines Lebens zurückblickt und immer wieder sieht,
wie sehr das alles sein Leben beeinflusst hat. Um es gleich
vorweg zu sagen: Es gibt natürlich auch irgendwie positive
Folgen. So wurde ich zu einem nachdenklichen und friedlichen
Menschen. Ich bin auch nie Rassist gewesen, respektiere
andere Menschen, egal welchen Alters, Geschlechts oder
Hautfarbe. Ich bin auch zu einem wissensdurstigen
Menschen geworden. Ob das alles so gekommen wäre ohne den
Missbrauch weiß ich nicht. Kommen wir aber zu den negativen
Folgen.
Organische Folgen
Ein junger Mensch, dem schon im Babyalter
schlimmes angetan wird, kann sich kaum wehren. Der Körper
versucht es aber. Verbal konnte ich mich nicht wehren. Ich
konnte noch nicht sprechen. Geweint habe ich viel, dass
weiß ich aus Erzählungen meiner Mutter. Es hat wohl nichts
genutzt. Aber mein Körper fing an, sich zu wehren,
besonders gegen eine bestimmte Praktik. Mit ca. einem Jahr
bekam ich eine Bronchitis. Sie wurde chronisch und ich habe
sie bis heute. Oft führt ein SMB zu solchen chronischen
Erkrankungen. Besonders häufig bei Frauen im
Vaginalbereich, bei Männern im Analbereich. Bei mir liegt
eine Schädigung des Schließmuskels und des letzten
Stückes des Darms (Mastdarm) vor. Ich stehe inzwischen
dazu, dass ich nicht ganz so dicht bin wie andere. Feuchtes
Toilettenpapier ist bei mir Pflicht, damit ich es wenigstens
halbwegs in den Griff bekomme. Vor meinem Erwachen habe ich
mich dafür immer sehr geschämt und dachte, dass ich
einfach zu blöd bin, mich richtig zu säubern. Und wirklich
richtig sauber bin ich auch nur dann, wenn ich anschließend
ein Bidet benutzen würde oder unter die Dusche gehen
würde. Nur ist das wiederum mit der triggernden Handlung
verbunden, dass ich selber in mich eindringen muss, um es
richtig zu machen. Dies ist für mich bis heute eine
Qual.
Auch von einer anderen häufigen Folge
wurde ich nicht verschont. Mit 11 Jahren hatte ich meine
ersten schlimmen Migräneanfall. Ich kann mich bis heute an
diesen Tag erinnern. Unsere Tante aus Niedersachsen besuchte
uns zusammen mit ihren Kindern. Ich hatte mich riesig
darüber gefreut. Solche Besuche waren bei uns sehr selten.
Ich spielte mit meiner Cousine und meinem Cousin auf einer
Wiese vor unserem Haus. Es war ein super Wetter und ich
fühlte mich sehr wohl. Was nun den Anfall auslöste, kann
ich nur vermuten. Vielleicht setzte bei mir die Pubertät
schon früh ein. Meine Cousine war ein sehr hübsches
Mädchen, ungefähr in meinem Alter. Und ich hatte sonst
fast nie direkten Kontakt zu Mädchen. Wäre jedenfalls eine
mögliche Erklärung (eine von vielen). Ich weiß noch, wie
mir komisch wurde. Irgendwas stimmte nicht und ich sagte zu
den Beiden, dass ich mal kurz ins Haus gehen würde. Ich
ging auf mein Zimmer, setzte mich auf mein Bett und im
nächsten Moment explodierte etwas in meinem Kopf. Sekunden
später war ich ohnmächtig und wachte erst wieder auf, als
es schon dämmerte. Ich war für Stunden weggetreten. Erst
kamen diese Anfälle in größeren Abständen. Mit 13, 14 so
rum wurden sie immer häufiger, bald hatte ich sie
mindestens alle 2 Tage. Zu der Zeit schleppte mich meine
Mutter von Arzt zu Arzt, fütterte mich mit harten
Medikamenten (Zu dem Thema siehe Tagebuch des Erwachens, Und
immer noch keine Ende in Sicht....).
Fast gleichzeitig begannen die Probleme
mit der Wirbelsäule. Die Veranlagung (Bindegewebsschwäche)
könnte ich von meiner Mutter geerbt haben. Aber was folgte,
waren klare Folgen des SMB. Ein Kind, das gelernt hatte,
ständig auf der Hut zu sein, sich vor allen Gefahren selber
schützen zu müssen, sich ständig umdreht usw. wird immer
eine geduckte Haltung einnehmen. Ständig war ich
fluchbereit. Und dann kam die Wachstumsphase. Verkrampft und
gebeugt wie ich nun mal war, konnte sich die Wirbelsäule
nicht normal entwickeln. Ein Arzt stellte zwar eine andere
Ursache fest, ich halte diese aber für falsch. Die
Krümmung kam von oben nach unten, und nicht umgekehrt. Das
Ende vom Lied war, dass er mir ein Gipsbett verpasste. Dort
lag ich nun nachts drin, damit sich meine Wirbelsäule
strecken konnte. Tagsüber übernahm dies ein Korsett. Das
Gipsbett begleitete mich bis zum 15. Lebensjahr, das Korsett
sogar bis zum 17. Lebensjahr. Das Gipsbett war grausam.
Jeden Abend musste ich mich in die kalte Schale legen,
konnte mich nachts nicht drehen und lag immer auf dem
Rücken. Das Bettdeck war immer undicht, d.h. es zog immer
irgendwo. Oft genug wachte ich morgens zittern vor Kälte
auf, weil die Decke einfach nicht dicht war. Ich habe
später gesagt, ich lag darin wie Jesus am Kreuz hing. Denn
auch für die Arme gab es ein Ablage. Ich lag mit
gespreizten Armen darin und konnte mich nicht rühren. Und
das Korsett gab mir tagsüber den Rest. Wie soll ein
pubertierender Junge einem Mädchen erklären, dass er mit
einem Korsett herumlaufen muss. Also lässt man es bleiben.
Ich lebte immer mit der Angst, dass es jemand bemerken
würde, dass ich da so was anhatte. Ich hatte einfach Angst
vor dem Spott, mit dem sie mich dann überhäuft hätten.
Ein Mitschüler kämpfte mal mit mir. Es war eine der
üblichen Kräftevergleiche, wie sie 14 jährige Jungs
machen. Wir kämpften fair miteinander, also keine
Tiefschläge oder so, eher ein zähes Ringen. Wir waren
ungefähr gleichstark. Plötzlich merkte er, dass ich da
etwas unter der Kleidung hatte. Er hatte mein Korsett
erwischt. Ich hatte Panik. Aber er schaute mich nur
verwundert an und fragte, was ich da hätte. Ich
gestand ihm, dass ich ein Korsett tragen müsse. Er
entschuldigte sich sofort dafür, dass er mich angegriffen
hatte und hat nie mit anderen darüber gesprochen. Ich habe
ihm das bis heute hoch angerechnet.
Einige organische Folgen traten erst im
Zusammenhang mit dem Erwachen oder erst kurz davor auf. Das
eine ist ein Ekzeme am Bein. Erst dachte ich, es gehört zu
meiner Allergie, die ich schon ewig habe. Allergien können
auch eine Folge von SMB sein. Allergien gehören auch unter
anderem zu dem Bereich der psychosomatischen Erkrankungen.
Ich habe seit Jahren ein Allergie gegen die Zusatzstoffe in
Waschmitteln. Seit ich allerdings ein Waschmittel verwende,
das solche Zusatzstoffe nicht enthält, ist sie ziemlich
zurückgegangen. Das Ekzeme tauchte ca. 1/2 Jahr vor dem
Erwachen auf und ist sehr hartnäckig.
Eine andere Folge betrifft meine Augen.
Ich habe sehr gute Augen und habe bis heute keine Sehhilfe
gebraucht. Nur nach der Trennung 2001 fingen die Probleme
an. Ich dachte erst, dass es die Tränen sind, die ich ab zu
vergoss. Doch da ich zu der Zeit noch nicht viel weinen
konnte lag der Grund wohl wo anders. Ich machte mir Anfangs
dann auch nicht zu viele Gedanken darüber, weil es sich
schnell wieder besserte und meine Sehkraft fast so war wie
früher. Kurz vor dem Erwachen fing das Ganze wieder an und
hält bis heute an. Inzwischen weiß ich, das es was mit dem
Augeninnendruck zu tun hat. Das Erklärt vor allem die
schwankenden Sehprobleme. Ich hatte mit meiner Ärztin in
der Klinik darüber gesprochen. Sie führt es auf die starke
psychische Belastung zurück. Sehhilfen können da leider
nichts ausrichten, weil die Sehstörungen stark schwanken.
Es gibt Tage, da habe ich fast keine Probleme, dann sind sie
wieder da und sie wechseln auch, mal das linke Auge, mal das
rechte, mal alle beide Augen.
Weitere organische Schäden habe ich bis
heute zum Glück nicht gefunden. Die Migräne ging mit ca.
30 Jahren zurück, heute ist sie eher selten geworden. Die
krumme Wirbelsäule führte mit ca. 35 Jahren zu einigen
Bandscheibenproblemen. Meine Bronchitis plagt mich heute
noch. Dummerweise habe ich mit 14 angefangen zu Rauchen. Zum
Teil gehört dies zur Kompensation des Missbrauchs. Heute
wäre ich froh, ich könnte aufhören. Aber im Moment
fehlen mir die Nerven dazu. Um 1992 so rum habe ich es mal
versucht. 14 Tage hielt ich durch. Dann fing ich freiwillig
wieder an. Ich war sehr aggressiv in dieser kurzen Zeit und
war unausstehlich. Also fing ich wieder an.
Seelische Folgen
Weitreichender sind die seelischen Folgen,
die ein solcher Missbrauch mit sich bringt. Das gemeine an
ihnen ist, dass man nicht weiß, warum man sich so verhält,
wenn man alles verdrängt hat. Ich muss auch unterscheiden
zwischen den Folgen vor und nach dem Erwachen. Schlimm ist
auch, dass man sein Verhalten oft als ganz normal ansieht
und nicht erkennt, dass man "komisch"
reagiert.
Nachdem viele Erinnerungen auch aus dem
Alter vor dem 9. Lebensjahr zurückgekommen sind, kann ich
mit meinem heutigen Wissen meine Entwicklung und mein
Verhalten in den einzelnen Altersstufen besser erkennen und
vor allem verstehen. Mein Denken und Handeln war immer vom
MB beeinflusst. Keiner meiner Lebensabschnitte war frei
davon. Bis heute wird mein Leben davon beeinflusst.
Fehlender Ehrgeiz, das extreme Bedürfnis nach Ruhe und
Friede, die Unfähigkeit über meine Bedürfnisse und
Gefühle zu reden, die Unfähigkeit zu Trauern, das
teilweise leben in einer Traumwelt und das klaglose
hinnehmen aller negativen Dinge bestimmte mein Leben. Dazu
kam eine Störung der normalen Sexualität.
Wie oft zu meiner Jugendzeit gab es bei
uns keinerlei Aufklärung. Das Thema Sex war bei uns ein
absolutes Tabuthema. Ich vermute mal, dass meine Eltern sich
da besonders schwer taten. Meine Mutter selber Opfer eines
versuchten Missbrauchs, mein Vater im hintersten Winkel von
Ostpreußen aufgewachsen, konnten wohl nicht mit dem Thema
umgehen. Dazu kam ihr ältester Sohn, der schon in jungen
Jahren so abartig war, dass er sich an ihrem Jüngsten
sexuell verging. Also wurde über so was gar nicht
gesprochen. Es bestand ja auch die Gefahr, dass ich mich
vielleicht erinnern könnte. Und gerade dass wollte meine
Mutter um jeden Preis verhindern. Ich wuchs also total
verklemmt auf. Ich hatte zwar eine eigene Sexualität
entwickelt, diese erschöpfte sich aber in Phantasien,
Träumereien und Selbstbefriedigung. Mit 14 verliebte ich
mich in ein etwa gleichaltriges Mädchen. Sie war einfach
goldig. Es wurde nie etwas daraus. Sie wartete wohl darauf,
dass ich aktiv wurde und ich darauf, dass sie es wurde. Ich
war nicht dazu in der Lage, aktiv zu werden. Zu groß waren
meine Hemmungen und meine Scham. Ich verlor sie dann aus den
Augen und habe sie erst nach Jahren wieder gesehen. Wir
verstanden uns immer noch. Leider starb sie kurz darauf an
Krebs.
Mit 24 Jahren war es dann soweit. Eine
damals 19 jährige junge Frau verliebte sich in mich. Es war
während einer Schulung. Ich sag sie und war verknallt bis
über beide Ohren. Ich weiß es noch bis heute wie ich es
schaffte ihr näher zukommen. Wir saßen uns in einer Pause
in einer Gaststätte genau gegenüber an einem Tisch. Wie unbeabsichtigt
nahm ich ihre Hände in meine und streichelte sie sanft. Sie
zog sie nicht weg. Eine Stunde lang habe ich sie
gestreichelt. Das erstemal in meinem Leben konnte ich mich
überwinden und eine Frau berühren. Kurz drauf waren wir
ein Paar. Ihr fiel auf, dass ich sehr vorsichtig war. Immer
ging ich nur so weit wie sie ging. 3 Monate waren wir
zusammen als es dann zum ersten sexuellen Kontakt kam. Es
war wie eine Befreiung. Ich weiß nicht, ob sie bemerkte,
dass es für mich das erstemal war. Sie hat es jedenfalls
auch genossen.
Nach 1 1/2 Jahren ging allerdings unsere
Beziehung in die Brüche. Bis heute empfinde ich sehr viel
für sie. Sie hatte es geschafft, meinen Panzer zu
durchbrechen. Nur schlug damals schon der MB zu. Viele
kleine Faktoren führten dazu, dass ich anfing, mich ganz
langsam in mein Schneckenhaus zurückzuziehen. Ganz schlimm
und für mich heute noch eingebrannt in meine Erinnerungen
war der Tag, an dem ich es endlich schaffte jene drei
kleinen Worte über die Lippen zu bringen: Ich liebe dich.
Geliebt habe ich sie vom ersten Tag an. Nur meine inneren
Hemmungen führten dazu, das ich diese Worte bis heute nur
sehr schwer aussprechen kann. Sie lachte mich damals aus.
Heute kann ich ihre Reaktion nachvollziehen. Ich hatte sie
viel zu spät ausgesprochen.
Danach kam eine Frau, mit der war ich fast
16 Jahre zusammen. Sogar verlobt waren wir. 2001 trennte sie
sich von mir aus ähnlichen Gründen. Wieder hatte mich das
Schneckenhaus erwischt. Heute weiß ich, dass ich mich über
Jahre hinweg zurückgezogen habe. In den letzten 2, 3 Jahren
unserer Beziehung lebten wir nur noch nebeneinander. Ich
versuchte zwar meinen Gefühlen ihr gegenüber auf meiner
Art Ausdruck zu geben. Nur kann ich verstehen, dass ihr das
nicht genügte. Ich war für Gefühlsäußerungen nicht mehr
empfänglich und konnte auch über mich nicht mehr reden.
Ich lebte nur noch in meinem Schneckenhaus. Jede Berührung
ihrerseits war mir unangenehm geworden. Sex gab es nicht
mehr. Ich lebte isoliert vor mich hin. Es war für uns Beide
eine sehr grausame Zeit. Ich war unfähig dazu, dies
zu erkennen. Für mich war weiterhin alle in Ordnung. Es war
aber nichts mehr in Ordnung. Und damit setzte auch mein
Erwachen ein. Es kam zu den ersten Erschütterungen. Als sie
sich von mir trennte gab es den ersten größeren Knacks in
mir. Im Februar 2002 sagte ich so nebenbei zu einem Freund:
Na und, auch ich bin vergewaltigt worden, sag es aber
niemanden. Das war das erstemal, dass ich so was sagte. In
dem Moment war der 2. SMB für ganz kurze Zeit wieder
da.
Zu den seelischen Folgen zähle ich auch
meine Unfähigkeit, für mich einzustehen. 1984 fing ich bei
einer Firma an zu arbeiten. Erst als stellvertr.
Lagerverwalter, dann in der Kundenbetreuung. 1986 wurde ich
in ein Tochterunternehmen versetzt. Zu meinem Glück konnte
ich sehr gut mit dem dortigen Betriebsleiter. Mein oberster
Chef hatte bis dahin ausgenutzt, dass ich alle Arbeiten
klaglos übernahm. Inzwischen hatte ich mich auch sehr
intensiv mit der EDVA der Firma beschäftigt, hatte mir
nebenbei die notwendigen Kenntnisse über die Programmierung
der Anlage angeeignet. Ich übernahm die Betreuung der drei
Unternehmen im Bereich EDV. Daneben war ich immer noch für
die Kundenbetreuung zu ständig. 1988 kam es zu einem
tragischen Zwischenfall. Der bisherige Lagerleiter brachte
sich um in einem Anfall von Selbstmitleid und unter sehr
starkem Alkoholeinfluss. Von heute auf Morgen übernahm ich
auch seine Aufgaben. 'Das führte dazu, dass ich zw. 14 und
18 Stunden am Tag arbeitete, Samstags bis ca. 16 Uhr. Es gab
Wochen, da hatte ich 80 Stunden Arbeitszeit. Und das ohne
dass ich einen Heller mehr gesehen hätte. Ich konnte mich
einfach nicht wehren. Und etwas für mich einzufordern war
mir zuwider. Erst der Betriebsleiter setzte eine
Lohnerhöhung für mich durch. Ich bekam 2400 DM brutto.
Üblich waren für vergleichbare Jobs zu der Zeit über 4000
DM. Ich war leitender Angestellter mit dem Lohn eines
kleinen Kaufmannes. Jede Woche bewegte ich Ware in
Millionenwert und war dafür verantwortlich (Ein- wie
Verkauf und Auslieferung). Ich hatte ca. 25 Arbeiter unter
mir. Und es hat immer alles geklappt. 1989 kam dann noch
eine kurze Zeit hinzu, die mein Untergang hätte sein
können. Wir eröffneten eine Gaststätte noch nebenbei.
Dort arbeitete ich dann noch bis Mitternacht. Nur die letzte
Stunde musste sie alleine machen. In der Zeit betrank ich
mich sehr oft. Gut dass nach wenigen Monaten das ganze zu
Ende war. 1990 bekam ich dann den Lohn für meine Arbeit.
Mir wurde gekündigt. Der Betriebsleiter war in Ungnade
gefallen und ich als sein direkter Vertrauter musste gehen.
Ich war allerdings nicht böse darum. Ich war froh, dass der
Alptraum ein Ende hatte. Meine weitere berufliche Laufbahn
wurde nun zum Chaos. Auch eine typische Sache bei
missbrauchten Menschen. Eines wusste ich, ich wollte nie
wieder zurück in diese Branche. Ich bildete mich fort,
lernte Programmieren, machte mich selbständig. Es waren
ruhige Jahre für mich. Ich arbeitete viel zu Hause. 1996
fing es dann mir der kleinen EDV-Firma an. Bis 2003
arbeiteten wir zusammen. Ich verdiente nicht viel, war aber
zufrieden, ich hatte meine Ruhe.
Eine sehr schlimme Folge war meine
Unfähigkeit zu Trauern. 1990 starb mein Vater. Ich habe bis
heute kaum eine Träne vergießen können. Er hat mir nie
etwas getan. Trotzdem konnte ich nicht trauern. Ich hatte
verlernt zu weinen. Ein paar Tage war es mir komisch. Dann
war alles wieder im Griff. Mein Leben ging weiter. Ich habe
auch bis zu meinem Erwachen wenn nur immer ganz kurz
heimlich über etwas traurig sein können. Nur nach der
Trennung von der 1. Liebe habe ich manchmal offen geweint.
Ich habe es aber gehasst und immer versucht zu
unterdrücken. Als sich meine letzte Lebensgefährtin von
mir trennte habe ich auch kaum weinen können. Ich schrie
zwar vor Schmerzen, aber meine Augen blieben trocken. Fast
jeden Abend brach ich nach der Arbeit erst mal zusammen.
Einige male verbrannte ich mir die Finger, weil ich in dem
Moment eine Zigarette in der Hand hatte.
Alkohol! Das nächste Thema. Seit ich 16
bin trinke ich. Immer wieder habe ich versucht mit Alkohol
meine Hemmungen zu überwinden. Mein Glück ist es, dass ich
nie zum Alkoholiker wurde. Warum ist mir fast ein Rätsel.
Gerade nach der Trennung von der 1. Liebe trank ich sehr
viel. Ich soff. Literweise Bier, Schnaps usw. Nur so konnte
ich mich aus mir selber loslösen. Nur unter der Woche war
ich konsequent und trank kein Tropfen. Das war wohl meine
Rettung. Heute bin ich sehr vorsichtig geworden. Ich bin
zwar nicht abstinent, aber ich trinke wenig und mit
Verstand, wie man so schön sagt.
Ich schilderte schon meine Migräne. Im
Zuge dieser Schmerzen dürfte mein SVV (Selbstverletzendes
Verhalten) eingesetzt haben. Ich kann mich erinnern, wie ich
versuchte den Schmerzen dadurch zu entgehen, dass ich voll
mit dem Kopf gegen die Wand rannte. Anfangs half es, ich
wurde ohnmächtig. Aber mit der Zeit war die einzigste
Wirkung, dass die Schmerzen noch größer wurden. Ich
verlegte mich dann darauf, dass ich enorm wütend auf mich
wurde und mich dadurch bestrafte, dass ich mich selber
schlug. Dieses hat sich so tief verinnerlicht, dass ich es
bis heute mache. Ich schätze, dass ich mich ca. seit meinem
13. Lebensjahr selber schlage. Dazu kommen extreme
Wutausbrüche. Bis heute kommen sie vor. Zum Glück sind sie
seit meinem Erwachen seltener geworden. Sie haben sich immer
gegen mich selber oder gegen Gegenstände gerichtet. Der
kleinste Anlass reichte aus und ich explodierte. Oft kam es
dann zu Verletzungen (Wunden, Verstauchungen). War der
Ausbruch vorbei war ich entsetzt von mir selber. Meist war
dann wieder etwas zu Bruch gegangen. Vor kurzem habe ich
angefangen jenen Raum hier im haus zu renovieren, in dem ich
die Zeit vom 15. bis zum ca. 30. Lebensjahr verbracht habe.
Nachdem ich die Tapete entfernt hatte und die Wand zum
Vorschein kam war ich entsetzt. Delle an Delle zeugt bis
heute von meiner enormen Wut, die in mir kochte. Meine
(angenommene) Schwester hat mir bestätigt, dass ich damals
immer irgendwie wütend war.
Ein weiteres Thema ist auch sehr
signifikant. Eine der ersten Fragen meiner Psychiaterin hier
war, ob ich Kinder hätte. Ich wollte nie Kinder. In diese
Welt auch noch ein Kind setzen? Das wollte ich nie. Selbst
heute kann ich es mir nicht vorstellen. Ich mag Kinder sehr.
Es ist einfach schön, wenn man die natürlichen Reaktionen
eines Kindes beobachtet. Wie so ein kleiner Mensch nach und
nach seine Welt erobert und versteht. Nur habe ich in mir
eine tiefe Angst, dass diesen Kindern wehgetan wird. Alleine
diese Vorstellung triggert mich heute noch sehr. Das will
ich einfach nicht. Früher vor dem Erwachen war es eher mein
Unterbewusstsein, dass dies verhinderte, heute ist dieser
Wunsch eher bewusst. Auf der anderen Seite fehlt mir dadurch
ein weiterer Sinn in meinem Leben.
Ein Phänomen möchte ich auch noch
erwähnen. Sehr oft fühlte ich mich ausgegrenzt von der
Gesellschaft. Einsam inmitten von Menschen. Es ist ein
fürchterliches Gefühl auf einer Party zu sein und doch
nicht dabei zu sein. Jedenfalls empfand ich es so. Alles
ging an mir vorbei. Bis heute kann ich diesem seltsamen
Gefühl nicht ganz entgehen.
Einsamkeit hat mein Leben auch schon früh
bestimmt. Ich weiß wieder, dass ich auch als kleiner Junge
schon die Einsamkeit gesucht habe. Ich wollte lieber alleine
sein. Ich habe 4 Brüder, einer davon war eine Bestie. Nur
habe ich nie echtes vertrauen zu den anderen 3 aufbauen
können in meiner Kindheit. Das führte auch dazu, dass ich
nie lernte zu schwimmen, ich kann nicht rad fahren und einen
Führerschein habe ich auch nicht. Dazu hätte Vertrauen
gehört (sowohl in andere als auch in mich selber). Nur
gerade dass war für mich unmöglich.
Dazu kommen jede Menge Ängste. Ich habe
eine ausgeprägte Verlustangst. Angst vor Veränderungen
jeglicher Art, so dass ich mir schon Gedanken darüber
machte, ob ich autistische Züge hätte. Und mit ca. 17
entwickelte sich eine sehr ausgeprägte Höhenangst. Sie
ging soweit, dass ich in den letzten Jahren kaum eine Leiter
betreten konnte. Seit meinem Erwachen ist diese so gut wie
weg und ist einem normalen Unwohlsein gewichen, das viele ab
eine bestimmten Höhe überkommt. Den Grund hierfür habe
ich auch herausbekommen. Auch eine große Todesangst habe
ich in mir. Auch diese hat seine Gründe.
Nun noch das Thema Bad & Toiletten.
Ich fühlte mich schon immer unwohl in Badewannen und in
Wasser. Dies liegt daran, dass es mehrfach zum Missbrauch in
einer Badewanne kam. Auch ein Mordversuch (fast ersäuft
worden) tut sein übriges dazu. Und ich habe ein massives
Problem mit Fäkalien aller Art, auch mit meinen eigenen
Gerüchen. Ich kann immer nur ganz kurz auf der Toilette
verweilen. Evtl. Gerüche von anderen Menschen und meine
eigenen triggern mich bis heute. Ich will jetzt nicht
schildern warum. Es ist aber eine ganz klare Folge.
Die Folgen nach dem Tag X
Nach meinem Erwachen brach ich erst mal
zusammen. Der erste Nervenzusammenbruch dauerte ca. 2
Monate. In der Zeit schlief ich fast nicht, meine
Wahrnehmung war stark gestört. Ich weinte sehr viel. Und
trotzdem meinte ich, ich würde mich normal verhalten. Dem
war nicht so. Nur ganz langsam merkte ich, dass meine
bisherige Welt zerbrochen war. In der ersten Zeit kam es
fast nur zu bildhaften Flashs. Erinnerung um Erinnerung kam
nach oben. Jede weitere Erinnerung war schlimmer wie die
vorhergehende. Ich fing an, mich zu verkriechen. Ich traute
mich fast nicht mehr aus dem Haus. Allein der Anblick eines
Kindes, besonders von Jungen, triggerte mich. Einkäufe
erledigte ich im Eiltempo. Essen war kein Thema mehr. Ich
magerte ab bis auf 60 kg (10 % Untergewicht). Ich stand kurz
vor einer Bulimie. Ich kann mich an den Tag erinnern, an dem
ich tatsächlich etwas gegessen hatte. ich war auf dem Weg
zur Toilette um es wieder auszubrechen. Vor der Tür stoppte
ich und dachte nur noch: Was machst du da? Bist du ganz
verrückt geworden? Seit dem ging es wieder.
In der Folgezeit entdeckte ich das
Internet für mich. Ich verkroch mich noch mehr. Ich lebte
nur noch im Netz. Foren, Chats, das war mein Tagesablauf. 70
% des Tages war ich unterwegs im Netz. Ab September kamen zu
den bildhaften Flashbacks auch die Gefühle zurück. Ich
fühlte den Ekel, die Schmerzen von damals wieder. Hinzu kam
dann nach einiger Zeit das Wissen um die Gewalt. Dies
steigerte sich bis zum April 2004. Es kam zu heftigen Angst-
und Panikattacken. Ich brach oft einfach auf der Stelle
zusammen und konnte nur noch hilflos zucken. Selbst Schreien
war oft nicht mehr möglich. Eine zeitlang habe ich
befürchtet, dass ich diese Anfälle nicht mehr loswerden
könnte. Sie überkamen mich einfach so, oft ohne direkten
Anlass (Trigger). Es ist ein grausames Gefühl für einen
erwachsenen Menschen schutzlos auf dem Boden zu liegen und
nur noch wimmern zu können. Heute weiß ich, das es die
verspäteten Reaktionen auf die enormen Auswüchse der
Gewalt waren, die ich schon als Kleinkind erfahren
hatte.
Eine weitere Folge war die Ausbildung
mehrerer innerer Kinder. Dies zählt neben meiner vorherigen
Amnesie (also das verdrängen der Taten und aller anderen
Erinnerungen aus der Kindheit) zu den sogenannten
dissoziativen Störungen. Ich habe inzwischen 6 innere
Kinder. Jedes steht für ein bestimmtes Vorkommnis aus der
Kindheit. Die Erfahrungen in der Kur führte sogar zu zwei
neunjährigen Kindern in mir. Ich bin auch der Ansicht, dass
gerade die Angst- und Panikattacken von ihnen ausgelöst
werden. Sie teilen so ihre Ängste mit, die sie in sich
haben.
Plötzliche Trauer überkommt mich bis
heute, Wut ist leider immer noch selten. Die Angst- und
Panikattacken sind fast weg. Meine anfänglichen Psychosen
haben sich auch wieder gebessert. Meine Wahrnehmung der
Umwelt ist auch nicht mehr so gestört wie früher. Stück
für Stück erobere ich mir mein Leben zurück. Kurzzeitig
hatte ich extreme Zukunftsängste und eine sehr starke
Depression. Auch dies habe ich überwunden.
Nun warte ich auf den Tag, an dem mir ein
Mensch über den Weg läuft, den ich so lieben und vertrauen
kann, dass ich die letzten Schmerzen in mir auch noch
abschütteln kann, den Missbrauch in meiner Kindheit endlich
so vergessen kann, dass er nicht mehr mein Leben bestimmt
und ich endlich meine Gefühle, die ich in mir habe, mir
einem lieben Menschen teilen kann. Wenn ich sie gefunden
habe, weiß ich, dass ich den Missbrauch nicht nur überlebt
habe, sondern dass ich auch endlich mein Leben leben werde.
Es ist mein Wunsch. Ob er erfüllt wird, weiß ich leider
nicht. Ich hoffe es. Irgendwie glaube ich heute, dass ich es
verdient hätte.
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