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Infos über Missbrauch


Meine Folgen des SMB & des seelischen MB

Jeder sexuelle Missbrauch hat Folgen. Selbst beim geringsten überschreiten der Grenzen eines Kindes in dem Bereich Sexualität kommt es zu folgen. Es muss dabei nicht zu einer direkten Berührung des Kindes kommen.  Es reicht, wenn es z.B. durch seine Neugierde zufällig Pornos der Erwachsenen sieht und nicht versteht. Hier werden die Folgen zwar eher gering sein, aber sie sind da. 

Anders sieht es aus, wenn es zum aktiven Missbrauch kommt. Angefangen von eher zärtlichen Berührungen im Genitalbereich bis hin zum absoluten gewalttätigen Eindringen in ein Kind, oft begleitet von körperlicher Gewalt, kommt es zu massiven Auswirkungen in der kindlichen Seele und in der Entwicklung des Kindes zum Erwachsenen hin. Auch reine Gewalt hat ähnliche Folgen. Nicht vergessen möchte ich den nicht zu unterschätzenden seelischen Missbrauch und der Entzug notwendiger Zuneigung. Zusammen ergibt dies eine Vielzahl von negativen Folgen für das Kind und den späteren Erwachsenen. Hier versuche ich nun meine Folgen offen zu schildern.

Ich weise noch mal darauf hin: Jede der Folgen kann die unterschiedlichsten Ursachen haben. Der Schluss heißt Missbrauch also Folgen und nicht Folgen also Missbrauch!

 

Nach meinem Erwachen am 9.6.2003 wurde mir im Laufe der Zeit immer klarer und bewusster, was der Missbrauch bei mir alles an Folgen hinterließ. Es ist für einen Menschen schon erschreckend, wenn er auf über 40 Jahre seines Lebens zurückblickt und immer wieder sieht, wie sehr das alles sein Leben beeinflusst hat. Um es gleich vorweg zu sagen: Es gibt natürlich auch irgendwie positive Folgen. So wurde ich zu einem nachdenklichen und friedlichen Menschen. Ich bin auch nie Rassist gewesen, respektiere andere Menschen, egal welchen Alters, Geschlechts oder Hautfarbe.  Ich bin auch zu einem wissensdurstigen Menschen geworden. Ob das alles so gekommen wäre ohne den Missbrauch weiß ich nicht. Kommen wir aber zu den negativen Folgen.

Organische Folgen 

Ein junger Mensch, dem schon im Babyalter schlimmes angetan wird, kann sich kaum wehren. Der Körper versucht es aber. Verbal konnte ich mich nicht wehren. Ich konnte noch nicht sprechen. Geweint habe ich viel, dass weiß ich aus Erzählungen meiner Mutter. Es hat wohl nichts genutzt. Aber mein Körper fing an, sich zu wehren, besonders gegen eine bestimmte Praktik. Mit ca. einem Jahr bekam ich eine Bronchitis. Sie wurde chronisch und ich habe sie bis heute. Oft führt ein SMB zu solchen chronischen Erkrankungen. Besonders häufig bei Frauen im Vaginalbereich, bei Männern im Analbereich. Bei mir liegt eine Schädigung des Schließmuskels und des letzten Stückes des Darms (Mastdarm) vor. Ich stehe inzwischen dazu, dass ich nicht ganz so dicht bin wie andere. Feuchtes Toilettenpapier ist bei mir Pflicht, damit ich es wenigstens halbwegs in den Griff bekomme. Vor meinem Erwachen habe ich mich dafür immer sehr geschämt und dachte, dass ich einfach zu blöd bin, mich richtig zu säubern. Und wirklich richtig sauber bin ich auch nur dann, wenn ich anschließend ein Bidet benutzen würde oder unter die Dusche gehen würde. Nur ist das wiederum mit der triggernden Handlung verbunden, dass ich selber in mich eindringen muss, um es richtig zu machen. Dies ist für mich bis heute eine Qual. 

Auch von einer anderen häufigen Folge wurde ich nicht verschont. Mit 11 Jahren hatte ich meine ersten schlimmen Migräneanfall. Ich kann mich bis heute an diesen Tag erinnern. Unsere Tante aus Niedersachsen besuchte uns zusammen mit ihren Kindern. Ich hatte mich riesig darüber gefreut. Solche Besuche waren bei uns sehr selten. Ich spielte mit meiner Cousine und meinem Cousin auf einer Wiese vor unserem Haus. Es war ein super Wetter und ich fühlte mich sehr wohl. Was nun den Anfall auslöste, kann ich nur vermuten. Vielleicht setzte bei mir die Pubertät schon früh ein. Meine Cousine war ein sehr hübsches Mädchen, ungefähr in meinem Alter. Und ich hatte sonst fast nie direkten Kontakt zu Mädchen. Wäre jedenfalls eine mögliche Erklärung (eine von vielen). Ich weiß noch, wie mir komisch wurde. Irgendwas stimmte nicht und ich sagte zu den Beiden, dass ich mal kurz ins Haus gehen würde. Ich ging auf mein Zimmer, setzte mich auf mein Bett und im nächsten Moment explodierte etwas in meinem Kopf. Sekunden später war ich ohnmächtig und wachte erst wieder auf, als es schon dämmerte. Ich war für Stunden weggetreten. Erst kamen diese Anfälle in größeren Abständen. Mit 13, 14 so rum wurden sie immer häufiger, bald hatte ich sie mindestens alle 2 Tage. Zu der Zeit schleppte mich meine Mutter von Arzt zu Arzt, fütterte mich mit harten Medikamenten (Zu dem Thema siehe Tagebuch des Erwachens, Und immer noch keine Ende in Sicht....).

Fast gleichzeitig begannen die Probleme mit der Wirbelsäule. Die Veranlagung (Bindegewebsschwäche) könnte ich von meiner Mutter geerbt haben. Aber was folgte, waren klare Folgen des SMB. Ein Kind, das gelernt hatte, ständig auf der Hut zu sein, sich vor allen Gefahren selber schützen zu müssen, sich ständig umdreht usw. wird immer eine geduckte Haltung einnehmen. Ständig war ich fluchbereit. Und dann kam die Wachstumsphase. Verkrampft und gebeugt wie ich nun mal war, konnte sich die Wirbelsäule nicht normal entwickeln. Ein Arzt stellte zwar eine andere Ursache fest, ich halte diese aber für falsch. Die Krümmung kam von oben nach unten, und nicht umgekehrt. Das Ende vom Lied war, dass er mir ein Gipsbett verpasste. Dort lag ich nun nachts drin, damit sich meine Wirbelsäule strecken konnte. Tagsüber übernahm dies ein Korsett. Das Gipsbett begleitete mich bis zum 15. Lebensjahr, das Korsett sogar bis zum 17. Lebensjahr. Das Gipsbett war grausam. Jeden Abend musste ich mich in die kalte Schale legen, konnte mich nachts nicht drehen und lag immer auf dem Rücken. Das Bettdeck war immer undicht, d.h. es zog immer irgendwo. Oft genug wachte ich morgens zittern vor Kälte auf, weil die Decke einfach nicht dicht war. Ich habe später gesagt, ich lag darin wie Jesus am Kreuz hing. Denn auch für die Arme gab es ein Ablage. Ich lag mit gespreizten Armen darin und konnte mich nicht rühren. Und das Korsett gab mir tagsüber den Rest. Wie soll ein pubertierender Junge einem Mädchen erklären, dass er mit einem Korsett herumlaufen muss. Also lässt man es bleiben. Ich lebte immer mit der Angst, dass es jemand bemerken würde, dass ich da so was anhatte. Ich hatte einfach Angst vor dem Spott, mit dem sie mich dann überhäuft hätten. Ein Mitschüler kämpfte mal mit mir. Es war eine der üblichen Kräftevergleiche, wie sie 14 jährige Jungs machen. Wir kämpften fair miteinander, also keine Tiefschläge oder so, eher ein zähes Ringen. Wir waren ungefähr gleichstark. Plötzlich merkte er, dass ich da etwas unter der Kleidung hatte. Er hatte mein Korsett erwischt. Ich hatte Panik. Aber er schaute mich nur verwundert  an und fragte, was ich da hätte. Ich gestand ihm, dass ich ein Korsett tragen müsse. Er entschuldigte sich sofort dafür, dass er mich angegriffen hatte und hat nie mit anderen darüber gesprochen. Ich habe ihm das bis heute hoch angerechnet. 

Einige organische Folgen traten erst im Zusammenhang mit dem Erwachen oder erst kurz davor auf. Das eine ist ein Ekzeme am Bein. Erst dachte ich, es gehört zu meiner Allergie, die ich schon ewig habe. Allergien können auch eine Folge von SMB sein. Allergien gehören auch unter anderem zu dem Bereich der psychosomatischen Erkrankungen. Ich habe seit Jahren ein Allergie gegen die Zusatzstoffe in Waschmitteln. Seit ich allerdings ein Waschmittel verwende, das solche Zusatzstoffe nicht enthält, ist sie ziemlich zurückgegangen. Das Ekzeme tauchte ca. 1/2 Jahr vor dem Erwachen auf und ist sehr hartnäckig. 

Eine andere Folge betrifft meine Augen. Ich habe sehr gute Augen und habe bis heute keine Sehhilfe gebraucht. Nur nach der Trennung 2001 fingen die Probleme an. Ich dachte erst, dass es die Tränen sind, die ich ab zu vergoss. Doch da ich zu der Zeit noch nicht viel weinen konnte lag der Grund wohl wo anders. Ich machte mir Anfangs dann auch nicht zu viele Gedanken darüber, weil es sich schnell wieder besserte und meine Sehkraft fast so war wie früher. Kurz vor dem Erwachen fing das Ganze wieder an und hält bis heute an. Inzwischen weiß ich, das es was mit dem Augeninnendruck zu tun hat. Das Erklärt vor allem die schwankenden Sehprobleme. Ich hatte mit meiner Ärztin in der Klinik darüber gesprochen. Sie führt es auf die starke psychische Belastung zurück. Sehhilfen können da leider nichts ausrichten, weil die Sehstörungen stark schwanken. Es gibt Tage, da habe ich fast keine Probleme, dann sind sie wieder da und sie wechseln auch, mal das linke Auge, mal das rechte, mal alle beide Augen. 

Weitere organische Schäden habe ich bis heute zum Glück nicht gefunden. Die Migräne ging mit ca. 30 Jahren zurück, heute ist sie eher selten geworden. Die krumme Wirbelsäule führte mit ca. 35 Jahren zu einigen Bandscheibenproblemen. Meine Bronchitis plagt mich heute noch. Dummerweise habe ich mit 14 angefangen zu Rauchen. Zum Teil gehört dies zur Kompensation des Missbrauchs. Heute wäre ich froh, ich könnte aufhören.  Aber im Moment fehlen mir die Nerven dazu. Um 1992 so rum habe ich es mal versucht. 14 Tage hielt ich durch. Dann fing ich freiwillig wieder an. Ich war sehr aggressiv in dieser kurzen Zeit und war unausstehlich. Also fing ich wieder an. 

Seelische Folgen

Weitreichender sind die seelischen Folgen, die ein solcher Missbrauch mit sich bringt. Das gemeine an ihnen ist, dass man nicht weiß, warum man sich so verhält, wenn man alles verdrängt hat. Ich muss auch unterscheiden zwischen den Folgen vor und nach dem Erwachen. Schlimm ist auch, dass man sein Verhalten oft als ganz normal ansieht und nicht erkennt, dass man "komisch" reagiert. 

Nachdem viele Erinnerungen auch aus dem Alter vor dem 9. Lebensjahr zurückgekommen sind, kann ich mit meinem heutigen Wissen meine Entwicklung und mein Verhalten in den einzelnen Altersstufen besser erkennen und vor allem verstehen. Mein Denken und Handeln war immer vom MB beeinflusst. Keiner meiner Lebensabschnitte war frei davon. Bis heute wird mein Leben davon beeinflusst. Fehlender Ehrgeiz, das extreme Bedürfnis nach Ruhe und Friede, die Unfähigkeit über meine Bedürfnisse und Gefühle zu reden, die Unfähigkeit zu Trauern, das teilweise leben in einer Traumwelt und das klaglose hinnehmen aller negativen Dinge bestimmte mein Leben. Dazu kam eine Störung der normalen Sexualität. 

Wie oft zu meiner Jugendzeit gab es bei uns keinerlei Aufklärung. Das Thema Sex war bei uns ein absolutes Tabuthema. Ich vermute mal, dass meine Eltern sich da besonders schwer taten. Meine Mutter selber Opfer eines versuchten Missbrauchs, mein Vater im hintersten Winkel von Ostpreußen aufgewachsen, konnten wohl nicht mit dem Thema umgehen. Dazu kam ihr ältester Sohn, der schon in jungen Jahren so abartig war, dass er sich an ihrem Jüngsten sexuell verging. Also wurde über so was gar nicht gesprochen. Es bestand ja auch die Gefahr, dass ich mich vielleicht erinnern könnte. Und gerade dass wollte meine Mutter um jeden Preis verhindern. Ich wuchs also total verklemmt auf. Ich hatte zwar eine eigene Sexualität entwickelt, diese erschöpfte sich aber in Phantasien, Träumereien und Selbstbefriedigung. Mit 14 verliebte ich mich in ein etwa gleichaltriges Mädchen. Sie war einfach goldig. Es wurde nie etwas daraus. Sie wartete wohl darauf, dass ich aktiv wurde und ich darauf, dass sie es wurde. Ich war nicht dazu in der Lage, aktiv zu werden. Zu groß waren meine Hemmungen und meine Scham. Ich verlor sie dann aus den Augen und habe sie erst nach Jahren wieder gesehen. Wir verstanden uns immer noch. Leider starb sie kurz darauf an Krebs. 

Mit 24 Jahren war es dann soweit. Eine damals 19 jährige junge Frau verliebte sich in mich. Es war während einer Schulung. Ich sag sie und war verknallt bis über beide Ohren. Ich weiß es noch bis heute wie ich es schaffte ihr näher zukommen. Wir saßen uns in einer Pause in einer Gaststätte genau gegenüber an einem Tisch. Wie unbeabsichtigt nahm ich ihre Hände in meine und streichelte sie sanft. Sie zog sie nicht weg. Eine Stunde lang habe ich sie gestreichelt. Das erstemal in meinem Leben konnte ich mich überwinden und eine Frau berühren. Kurz drauf waren wir ein Paar. Ihr fiel auf, dass ich sehr vorsichtig war. Immer ging ich nur so weit wie sie ging. 3 Monate waren wir zusammen als es dann zum ersten sexuellen Kontakt kam. Es war wie eine Befreiung. Ich weiß nicht, ob sie bemerkte, dass es für mich das erstemal war. Sie hat es jedenfalls auch genossen. 

Nach 1 1/2 Jahren ging allerdings unsere Beziehung in die Brüche. Bis heute empfinde ich sehr viel für sie. Sie hatte es geschafft, meinen Panzer zu durchbrechen. Nur schlug damals schon der MB zu. Viele kleine Faktoren führten dazu, dass ich anfing, mich ganz langsam in mein Schneckenhaus zurückzuziehen. Ganz schlimm und für mich heute noch eingebrannt in meine Erinnerungen war der Tag, an dem ich es endlich schaffte jene drei kleinen Worte über die Lippen zu bringen: Ich liebe dich. Geliebt habe ich sie vom ersten Tag an. Nur meine inneren Hemmungen führten dazu, das ich diese Worte bis heute nur sehr schwer aussprechen kann. Sie lachte mich damals aus. Heute kann ich ihre Reaktion nachvollziehen. Ich hatte sie viel zu spät ausgesprochen. 

Danach kam eine Frau, mit der war ich fast 16 Jahre zusammen. Sogar verlobt waren wir. 2001 trennte sie sich von mir aus ähnlichen Gründen. Wieder hatte mich das Schneckenhaus erwischt. Heute weiß ich, dass ich mich über Jahre hinweg zurückgezogen habe. In den letzten 2, 3 Jahren unserer Beziehung lebten wir nur noch nebeneinander. Ich versuchte zwar meinen Gefühlen ihr gegenüber auf meiner Art Ausdruck zu geben. Nur kann ich verstehen, dass ihr das nicht genügte. Ich war für Gefühlsäußerungen nicht mehr empfänglich und konnte auch über mich nicht mehr reden. Ich lebte nur noch in meinem Schneckenhaus. Jede Berührung ihrerseits war mir unangenehm geworden. Sex gab es nicht mehr. Ich lebte isoliert vor mich hin. Es war für uns Beide eine sehr grausame Zeit.  Ich war unfähig dazu, dies zu erkennen. Für mich war weiterhin alle in Ordnung. Es war aber nichts mehr in Ordnung. Und damit setzte auch mein Erwachen ein. Es kam zu den ersten Erschütterungen. Als sie sich von mir trennte gab es den ersten größeren Knacks in mir. Im Februar 2002 sagte ich so nebenbei zu einem Freund: Na und, auch ich bin vergewaltigt worden, sag es aber niemanden. Das war das erstemal, dass ich so was sagte. In dem Moment war der 2. SMB für ganz kurze Zeit wieder da. 

Zu den seelischen Folgen zähle ich auch meine Unfähigkeit, für mich einzustehen. 1984 fing ich bei einer Firma an zu arbeiten. Erst als stellvertr. Lagerverwalter, dann in der Kundenbetreuung. 1986 wurde ich in ein Tochterunternehmen versetzt. Zu meinem Glück konnte ich sehr gut mit dem dortigen Betriebsleiter. Mein oberster Chef hatte bis dahin ausgenutzt, dass ich alle Arbeiten klaglos übernahm. Inzwischen hatte ich mich auch sehr intensiv mit der EDVA der Firma beschäftigt, hatte mir nebenbei die notwendigen Kenntnisse über die Programmierung der Anlage angeeignet. Ich übernahm die Betreuung der drei Unternehmen im Bereich EDV. Daneben war ich immer noch für die Kundenbetreuung zu ständig. 1988 kam es zu einem tragischen Zwischenfall. Der bisherige Lagerleiter brachte sich um in einem Anfall von Selbstmitleid und unter sehr starkem Alkoholeinfluss. Von heute auf Morgen übernahm ich auch seine Aufgaben. 'Das führte dazu, dass ich zw. 14 und 18 Stunden am Tag arbeitete, Samstags bis ca. 16 Uhr. Es gab Wochen, da hatte ich 80 Stunden Arbeitszeit. Und das ohne dass ich einen Heller mehr gesehen hätte. Ich konnte mich einfach nicht wehren. Und etwas für mich einzufordern war mir zuwider.  Erst der Betriebsleiter setzte eine Lohnerhöhung für mich durch. Ich bekam 2400 DM brutto. Üblich waren für vergleichbare Jobs zu der Zeit über 4000 DM. Ich war leitender Angestellter mit dem Lohn eines kleinen Kaufmannes. Jede Woche bewegte ich Ware in Millionenwert und war dafür verantwortlich (Ein- wie Verkauf und Auslieferung). Ich hatte ca. 25 Arbeiter unter mir. Und es hat immer alles geklappt. 1989 kam dann noch eine kurze Zeit hinzu, die mein Untergang hätte sein können. Wir eröffneten eine Gaststätte noch nebenbei. Dort arbeitete ich dann noch bis Mitternacht. Nur die letzte Stunde musste sie alleine machen. In der Zeit betrank ich mich sehr oft. Gut dass nach wenigen Monaten das ganze zu Ende war. 1990 bekam ich dann den Lohn für meine Arbeit. Mir wurde gekündigt. Der Betriebsleiter war in Ungnade gefallen und ich als sein direkter Vertrauter musste gehen. Ich war allerdings nicht böse darum. Ich war froh, dass der Alptraum ein Ende hatte. Meine weitere berufliche Laufbahn wurde nun zum Chaos. Auch eine typische Sache bei missbrauchten Menschen. Eines wusste ich, ich wollte nie wieder zurück in diese Branche. Ich bildete mich fort, lernte Programmieren, machte mich selbständig. Es waren ruhige Jahre für mich. Ich arbeitete viel zu Hause. 1996 fing es dann mir der kleinen EDV-Firma an. Bis 2003 arbeiteten wir zusammen. Ich verdiente nicht viel, war aber zufrieden, ich hatte meine Ruhe. 

Eine sehr schlimme Folge war meine Unfähigkeit zu Trauern. 1990 starb mein Vater. Ich habe bis heute kaum eine Träne vergießen können. Er hat mir nie etwas getan. Trotzdem konnte ich nicht trauern. Ich hatte verlernt zu weinen. Ein paar Tage war es mir komisch. Dann war alles wieder im Griff. Mein Leben ging weiter. Ich habe auch bis zu meinem Erwachen wenn nur immer ganz kurz heimlich über etwas traurig sein können. Nur nach der Trennung von der 1. Liebe habe ich manchmal offen geweint. Ich habe es aber gehasst und immer versucht zu unterdrücken. Als sich meine letzte Lebensgefährtin von mir trennte habe ich auch kaum weinen können. Ich schrie zwar vor Schmerzen, aber meine Augen blieben trocken. Fast jeden Abend brach ich nach der Arbeit erst mal zusammen. Einige male verbrannte ich mir die Finger, weil ich in dem Moment eine Zigarette in der Hand hatte. 

Alkohol! Das nächste Thema. Seit ich 16 bin trinke ich. Immer wieder habe ich versucht mit Alkohol meine Hemmungen zu überwinden. Mein Glück ist es, dass ich nie zum Alkoholiker wurde. Warum ist mir fast ein Rätsel. Gerade nach der Trennung von der 1. Liebe trank ich sehr viel. Ich soff. Literweise Bier, Schnaps usw. Nur so konnte ich mich aus mir selber loslösen. Nur unter der Woche war ich konsequent und trank kein Tropfen. Das war wohl meine Rettung. Heute bin ich sehr vorsichtig geworden. Ich bin zwar nicht abstinent, aber ich trinke wenig und mit Verstand, wie man so schön sagt. 

Ich schilderte schon meine Migräne. Im Zuge dieser Schmerzen dürfte mein SVV (Selbstverletzendes Verhalten) eingesetzt haben. Ich kann mich erinnern, wie ich versuchte den Schmerzen dadurch zu entgehen, dass ich voll mit dem Kopf gegen die Wand rannte. Anfangs half es, ich wurde ohnmächtig. Aber mit der Zeit war die einzigste Wirkung, dass die Schmerzen noch größer wurden. Ich verlegte mich dann darauf, dass ich enorm wütend auf mich wurde und mich dadurch bestrafte, dass ich mich selber schlug. Dieses hat sich so tief verinnerlicht, dass ich es bis heute mache. Ich schätze, dass ich mich ca. seit meinem 13. Lebensjahr selber schlage. Dazu kommen extreme Wutausbrüche. Bis heute kommen sie vor. Zum Glück sind sie seit meinem Erwachen seltener geworden. Sie haben sich immer gegen mich selber oder gegen Gegenstände gerichtet. Der kleinste Anlass reichte aus und ich explodierte. Oft kam es dann zu Verletzungen (Wunden, Verstauchungen). War der Ausbruch vorbei war ich entsetzt von mir selber. Meist war dann wieder etwas zu Bruch gegangen. Vor kurzem habe ich angefangen jenen Raum hier im haus zu renovieren, in dem ich die Zeit vom 15. bis zum ca. 30. Lebensjahr verbracht habe. Nachdem ich die Tapete entfernt hatte und die Wand zum Vorschein kam war ich entsetzt. Delle an Delle zeugt bis heute von meiner enormen Wut, die in mir kochte. Meine (angenommene) Schwester hat mir bestätigt, dass ich damals immer irgendwie wütend war.

Ein weiteres Thema ist auch sehr signifikant. Eine der ersten Fragen meiner Psychiaterin hier war, ob ich Kinder hätte. Ich wollte nie Kinder. In diese Welt auch noch ein Kind setzen? Das wollte ich nie. Selbst heute kann ich es mir nicht vorstellen. Ich mag Kinder sehr. Es ist einfach schön, wenn man die natürlichen Reaktionen eines Kindes beobachtet. Wie so ein kleiner Mensch nach und nach seine Welt erobert und versteht. Nur habe ich in mir eine tiefe Angst, dass diesen Kindern wehgetan wird. Alleine diese Vorstellung triggert mich heute noch sehr. Das will ich einfach nicht. Früher vor dem Erwachen war es eher mein Unterbewusstsein, dass dies verhinderte, heute ist dieser Wunsch eher bewusst. Auf der anderen Seite fehlt mir dadurch ein weiterer Sinn in meinem Leben.  

Ein Phänomen möchte ich auch noch erwähnen. Sehr oft fühlte ich mich ausgegrenzt von der Gesellschaft. Einsam inmitten von Menschen. Es ist ein fürchterliches Gefühl auf einer Party zu sein und doch nicht dabei zu sein. Jedenfalls empfand ich es so. Alles ging an mir vorbei. Bis heute kann ich diesem seltsamen Gefühl nicht ganz entgehen. 

Einsamkeit hat mein Leben auch schon früh bestimmt. Ich weiß wieder, dass ich auch als kleiner Junge schon die Einsamkeit gesucht habe. Ich wollte lieber alleine sein. Ich habe 4 Brüder, einer davon war eine Bestie. Nur habe ich nie echtes vertrauen zu den anderen 3 aufbauen können in meiner Kindheit. Das führte auch dazu, dass ich nie lernte zu schwimmen, ich kann nicht rad fahren und einen Führerschein habe ich auch nicht. Dazu hätte Vertrauen gehört (sowohl in andere als auch in mich selber). Nur gerade dass war für mich unmöglich.

Dazu kommen jede Menge Ängste. Ich habe eine ausgeprägte Verlustangst. Angst vor Veränderungen jeglicher Art, so dass ich mir schon Gedanken darüber machte, ob ich autistische Züge hätte. Und mit ca. 17 entwickelte sich eine sehr ausgeprägte Höhenangst. Sie ging soweit, dass ich in den letzten Jahren kaum eine Leiter betreten konnte. Seit meinem Erwachen ist diese so gut wie weg und ist einem normalen Unwohlsein gewichen, das viele ab eine bestimmten Höhe überkommt. Den Grund hierfür habe ich auch herausbekommen. Auch eine große Todesangst habe ich in mir. Auch diese hat seine Gründe. 

Nun noch das Thema Bad & Toiletten. Ich fühlte mich schon immer unwohl in Badewannen und in Wasser. Dies liegt daran, dass es mehrfach zum Missbrauch in einer Badewanne kam. Auch ein Mordversuch (fast ersäuft worden) tut sein übriges dazu. Und ich habe ein massives Problem mit Fäkalien aller Art, auch mit meinen eigenen Gerüchen. Ich kann immer nur ganz kurz auf der Toilette verweilen. Evtl. Gerüche von anderen Menschen und meine eigenen triggern mich bis heute. Ich will jetzt nicht schildern warum. Es ist aber eine ganz klare Folge. 

Die Folgen nach dem Tag X

Nach meinem Erwachen brach ich erst mal zusammen. Der erste Nervenzusammenbruch dauerte ca. 2 Monate. In der Zeit schlief ich fast nicht, meine Wahrnehmung war stark gestört. Ich weinte sehr viel. Und trotzdem meinte ich, ich würde mich normal verhalten. Dem war nicht so. Nur ganz langsam merkte ich, dass meine bisherige Welt zerbrochen war. In der ersten Zeit kam es fast nur zu bildhaften Flashs. Erinnerung um Erinnerung kam nach oben. Jede weitere Erinnerung war schlimmer wie die vorhergehende. Ich fing an, mich zu verkriechen. Ich traute mich fast nicht mehr aus dem Haus. Allein der Anblick eines Kindes, besonders von Jungen, triggerte mich. Einkäufe erledigte ich im Eiltempo. Essen war kein Thema mehr. Ich magerte ab bis auf 60 kg (10 % Untergewicht). Ich stand kurz vor einer Bulimie. Ich kann mich an den Tag erinnern, an dem ich tatsächlich etwas gegessen hatte. ich war auf dem Weg zur Toilette um es wieder auszubrechen. Vor der Tür stoppte ich und dachte nur noch: Was machst du da? Bist du ganz verrückt geworden? Seit dem ging es wieder. 

In der Folgezeit entdeckte ich das Internet für mich. Ich verkroch mich noch mehr. Ich lebte nur noch im Netz. Foren, Chats, das war mein Tagesablauf. 70 % des Tages war ich unterwegs im Netz. Ab September kamen zu den bildhaften Flashbacks auch die Gefühle zurück. Ich fühlte den Ekel, die Schmerzen von damals wieder. Hinzu kam dann nach einiger Zeit das Wissen um die Gewalt. Dies steigerte sich bis zum April 2004. Es kam zu heftigen Angst- und Panikattacken. Ich brach oft einfach auf der Stelle zusammen und konnte nur noch hilflos zucken. Selbst Schreien war oft nicht mehr möglich. Eine zeitlang habe ich befürchtet, dass ich diese Anfälle nicht mehr loswerden könnte. Sie überkamen mich einfach so, oft ohne direkten Anlass (Trigger). Es ist ein grausames Gefühl für einen erwachsenen Menschen schutzlos auf dem Boden zu liegen und nur noch wimmern zu können. Heute weiß ich, das es die verspäteten Reaktionen auf die enormen Auswüchse der Gewalt waren, die ich schon als Kleinkind erfahren hatte.  

Eine weitere Folge war die Ausbildung mehrerer innerer Kinder. Dies zählt neben meiner vorherigen Amnesie (also das verdrängen der Taten und aller anderen Erinnerungen aus der Kindheit) zu den sogenannten dissoziativen Störungen. Ich habe inzwischen 6 innere Kinder. Jedes steht für ein bestimmtes Vorkommnis aus der Kindheit. Die Erfahrungen in der Kur führte sogar zu zwei neunjährigen Kindern in mir. Ich bin auch der Ansicht, dass gerade die Angst- und Panikattacken von ihnen ausgelöst werden. Sie teilen so ihre Ängste mit, die sie in sich haben. 

Plötzliche Trauer überkommt mich bis heute, Wut ist leider immer noch selten. Die Angst- und Panikattacken sind fast weg. Meine anfänglichen Psychosen haben sich auch wieder gebessert. Meine Wahrnehmung der Umwelt ist auch nicht mehr so gestört wie früher. Stück für Stück erobere ich mir mein Leben zurück. Kurzzeitig hatte ich extreme Zukunftsängste und eine sehr starke Depression. Auch dies habe ich überwunden. 

Nun warte ich auf den Tag, an dem mir ein Mensch über den Weg läuft, den ich so lieben und vertrauen kann, dass ich die letzten Schmerzen in mir auch noch abschütteln kann, den Missbrauch in meiner Kindheit endlich so vergessen kann, dass er nicht mehr mein Leben bestimmt und ich endlich meine Gefühle, die ich in mir habe, mir einem lieben Menschen teilen kann. Wenn ich sie gefunden habe, weiß ich, dass ich den Missbrauch nicht nur überlebt habe, sondern dass ich auch endlich mein Leben leben werde. Es ist mein Wunsch. Ob er erfüllt wird, weiß ich leider nicht. Ich hoffe es. Irgendwie glaube ich heute, dass ich es verdient hätte. 
 

 
 Die Hoffnung stirbt zuletzt.....
 

  

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