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Gedanken über mein Leben
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Zitternd werfen die Kerzen ihren Schein an die Wand. Im Widerschein sehe
ich seltsame Fratzen entstehen. Fasziniert starre ich auf die Wand und
denke bei mir: Was war alles geschehen. Was treibt Menschen dazu an so was
mit anderen zu tun? Ich lese und lese immer wieder von Schicksalen, die
meinem ähneln. Warum habe ich nicht schon früher reagiert? Habe ich es
nicht sehen wollen, wie schlecht der Mensch ist. Ich habe es doch gewusst.
Vor über 20 Jahren habe ich mich schon beklagt. Also wusste ich doch wie
schlecht der Mensch sein kann. Und habe einfach daneben gesessen und
dachte, die paar Worte reichen doch.
Habe ich meine Leben bis hierher umsonst gelebt? Oder war dann da doch
mehr dahinter. Dinge, die man so einfach gar nicht erfassen kann. Wie
kommt es, dass ich heute im Gegensatz zu anderen auf eine ganze Menge gute
Freunde und Freundinnen zurückblicken kann. Ich habe mal versucht sie
zusammen zu zählen. Ich komme neben der Familie auf mindestens 18
Menschen, denen ich viel bedeute, die heute in meiner schlimmen Situation
jeder auf seine Art mir zur Seite stehen. Fast alle wissen von dem, was
mir passierte. Nie kam nur auch der Hauch eines Zweifels auf. Egal wie
schlimm die Dinge waren, die ich berichtete, jeder glaubte mir ungefragt.
Von anderen hörte ich da schlimmes. Unglaube bis hin zu Erklärung, dass
der oder die jenige einfach lüge. Nur ein einziges Mal wurde ich gefragt,
ob ich mir sicher sei. Nach meiner Bejahung wurde mir aber dann sofort
geglaubt.
Also scheint es mir doch so, dass ich trotz aller meiner Probleme, meine
Gefühle zu äußern, etwas vorgelebt habe, dass den Menschen, die mich
wirklich kennen klar machte, dass es todernst ist, was ich ihnen da
berichtete. Man konnte es mir auch ansehen. Ich erschrak mehrfach über
Fotos von mir. Schaute ich in den Spiegel, sah ich den tiefen Schmerz in
meinen Augen, aber es war auch immer noch Hoffnung darin. Abgesehen von
sehr schwarzen Momenten wusste ich, dass ich den Verlust meiner bisherigen
Kindheit verkraften konnte. Es wird nicht leicht, das ist mir klar, aber
es geht. Ich stehe heute hier und muss lernen. Ich muss lernen mit meinen
neuen Gefühlen umzugehen, ich muss lernen zu akzeptieren, dass nicht alles
so war wie es schien. Ich muss verstehen, was da in mir vorgeht.
Ängste überwältigen mich immer noch. Tief in mir verwurzelt liegen sie und
warten immer noch auf die Momente, in denen sie durch äußere Einflüsse
nach oben geschwemmt werden. Ich lerne auch damit umzugehen, zitternd in
einer Ecke zu sitzen und vor Angst zu schreien. Immer wieder muss ich die
Schmerzen bekämpfen, die ich damals hatte, den Ekel überwinden, der
bestimmte Praktiken in mir hervorrufen. Wie soll ich jemanden beschreiben
was ich empfinde, wenn ich die Hände eines anderen Menschen fühle, der vor
42 Jahren mich festhielt. Ich spüre bis heute sein Eindringen in meinen
kleinen Körper und kann es immer noch nicht verhindern, so wie ich es
damals nicht verhindern konnte. Ich spüre jeden Schlag, mit dem er mich
versucht hatte klein zu kriegen. Bis heute habe ich Angst vor Schlägen.
Ohnmächtig muss ich heute entgegennehmen, was er mir damals antat. Oft
gehe ich noch Stunden nach einem Zusammenbruch verkrampf durchs Haus, weil
ich ihn noch immer in mir spüre. Ungewollt rinnen mir Tränen übers
Gesicht. Ich war nie eine „Heulsuse“, aber heute bin ich froh um jede
Träne, die ich vergießen kann. Irgendwann habe ich das Weinen als kleine
Junge eingestellt und wenn nur ganz heimlich geweint. Es ging niemanden
etwas an, wenn ich traurig war. Alle Gefühle waren nur für mich. Leider
auch die Positiven. So wurde ich über die Jahre hinweg zu einem seelischen
Krüppel, der alles in sich hineinfraß und es als normal empfand. Alle
Ängste wurden einfach verdrängt und waren somit nicht vorhanden. Es war
meine Strategie mit allem fertig zu werden. Vergessen! Alles einfach
vergessen und dann klappt es auch. Ich hatte den größten Teil meiner
Kindheit einfach zusammen mit den schlimmen Dingen vergessen. Ich empfand
es als ganz normal. Es war unwichtig für mich. Nur hatte ich übersehen,
dass diese schlimmen Vorfälle immer da waren in mir und sich auswirkten.
Alles musste ich alleine Regeln. Immer die Kontrolle über mein wirkliches
Leben bewahren und ich ließ niemanden in meine Karten blicken. Geringsten
Veränderung stand ich meist misstrauisch gegenüber und versuchte sie zu
verhindern. Im Notfall verzog ich mich in meine Schneckenhaus und ließ
nichts mehr an mich heran. Dazu gehörten auch die schlimmen Berichte über
andere Menschen, die Opfer von Gewalt wurden. Ich nahm es einfach auf und
verdrängte es. Ich habe Bücher gelesen, Filme gesehen, in denen ging es
immer wieder um SMB von Kindern. Im Moment des Lesens, des Sehens
reagierte ich heftig, aber dann war es innerhalb kurzer Zeit wieder aus
meinem Gedächtnis verschwunden. So verhinderte mein Unterbewusstsein, dass
ich mich mit dieser Thematik auseinandersetzte. Besonders schlimm zeigten
sich die Auswirkungen beim allgemeinen Thema Sexualität. Mir war immer
alles peinlich, was damit zu tun hatte. Besonders wenn es um meine
persönliche Sexualität ging. Ich konnte und wollte mich damit nicht
auseinandersetzten. Dies hatte natürlich auch Auswirkungen auf meine
Beziehungen, zwei an der Zahl. Eine hielt es nur 1 1/2 Jahre mit mir aus,
die Andere immerhin 16 Jahre. Umso schlimmer waren beide Trennungen. Sie
brachten mich bis an den Rande des Suizides.
Die einzigste Möglichkeit, die ich in alle den Jahren fand, um meine
Hemmungen zu überwinden, war der Alkohol. Ohne ihn hätte ich wohl nie eine
Beziehung gehabt. Nur durch Überlistung meines ewig wachen
Unterbewusstseins wäre es nie zu einer Annäherung an einen anderen
Menschen gekommen. So musste es sich geschlagen geben und ich durfte den
Begriff Liebe erfahren. Sicher hatte mich meine Mutter auch geliebt. Aber
heute weiß ich, dass sie (wir) einige Probleme miteinander hatten. Immer
stand etwas zwischen uns. Heute weiß ich was es war. Leider viel zu spät.
Erst auf ihrem Sterbebett konnten wir diese Mauer zumindest für einen
Moment überwinden. Ich habe diese Situation bis heute vor Augen. Ich
empfand es immer als ganz normal, dass ich meine Mutter weder umarmen
konnte, noch dass ich ihr einen Kuss geben konnte. Es fällt mir selbst
heute immer noch schwer andere Menschen zu umarmen. Aber es hat sich schon
gebessert. Inzwischen freue ich mich bei bestimmten Menschen sogar auf
jede Umarmung, die ich bekomme. Ich merke zwar, dass ich noch viel an
meinem Empfinden verbessern muss, weil es immer noch so ist, als wäre oft
eine Wand zwischen mir und der anderen Person, aber es ist mir nicht mehr
unangenehm.
Früh hatte ich wohl schon gelernt, dass ich nur mir selber vertrauen
konnte. Genau weiß ich nicht, wann dieser Prozess zu einer Verfestigung
führte, die fast nicht mehr behebbar ist. Ich habe das Gefühl, dass ich
die erste Vergewaltigung irgendwann mir ca. 5, 6 Jahren überwunden und
total vergessen hatte. Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass ich sehr
an meiner Mutter hing. Ich werde ihr auch damals meine alltäglichen
Probleme erzählt haben. Als dann aber die Sache mit neun Jahren passierte
war das Verhältnis gestört. Als neunjähriger Junge versteht man die Welt
nicht mehr, wenn ein älterer (als kleiner Junge empfindet man einen gut
entwickelten 16 Jährigen als Erwachsenen) solch schlimme Dinge wie
Vergewaltigung, SMB und Folter mit einem macht. Ich habe sicher
automatisch ein Teil der Schuld meiner Mutter zugewiesen, die mich ja
dahin geschickt hatte. Heute weiß ich, dass sie gerade dafür nun wirklich
nichts konnte. Aber ab dieser Zeit lernte ich, dass ich niemanden trauen
durfte, den Eltern nicht, den Brüdern sowieso nicht und keinem Freund. Es
war auch die Zeit in der ich anfing, ernsthafte organische Schädigungen zu
zeigen. Ich hatte zwar seit meinem 2. Lebensjahr chronische Bronchitis, an
diese hatte ich mich aber gewöhnt. Heute weiß ich, dass sie eine Reaktion
meines Körpers auf die frühe Vergewaltigung darstellt, wahrscheinlich auf
besondere Praktiken, die mein ältester Bruder benutzte, um sich an mir
sexuell zu befriedigen. Dieses Andenken an diesen Unmenschen trage ich bis
heute mit mir herum. Dazu kommen andere rein organische Verletzungen, die
sich bis heute auswirken und mich jedes Mal an ihn erinnern. Sie gehören
zu den Dingen, die verhindern werden, dass ich irgendwann die Vorkommnisse
endgültig vergessen kann. Aber ich will sie auch nicht vergessen. Ich
weiß, dass dies heute nicht mehr geht. Dazu weiß ich wieder zuviel von
damals, selbst aus dem Alter von ca. 3 Jahren. Zu viele der Gefühle von
damals sind wieder da. Ich weiß heute wieder wie brutal er mit seinem
kleinen wehrlosen Bruder umgegangen ist. Neben dem SMB muss ich nun damit
leben, dass ein Mensch, dem ich eigentlich vertrauen sollte, der aus dem
innersten Schutzkreis „Familie“ stammte, mit einer fast beispielslosen
Brutalität vorging. Ich war ihm dabei völlig egal. Sicher habe ich als
kleiner Junge geweint, geschriene. Das sind die Mittel, mit denen man sich
in diesem alter wehrt. Vielleicht habe ich auch um mich geschlagen. Aber
was macht ein kleiner Junge gegen die Brutalität eines fast Erwachsenen.
Nichts! Er muss auf Hilfe von außen hoffen. Fehlt diese, dann bleibt nur
noch die Flucht nach innen oder, wie ich inzwischen wieder weiß, die
Flucht nach vorne, z. B. ein Sprung aus einem Fenster. Aber klar war schon
damals, dass ich mir nur selber helfen konnte. Und so war es bis vor
kurzem. Ich nahm zwar dankbar Hilfestellungen an, aber ich behielt nach
Möglichkeit immer die Kontrolle über mein Leben und Denken, schluckte
lieber meine Ansicht zu einem Thema herunter. Bloß nicht auffallen, bloß
nicht groß Diskutieren, sonst kommt jemand auf deine wahren Gefühle und du
musst sie erklären. Das wollte ich nie. Also Maske auf und ab durchs
Leben. Lieber verstecken. So brauchte ich nie über mich und meine Gefühle
sprechen. Die Mauern um mich herum waren nahezu perfekt. Kaum einer hatte
sie je erkannt. Umso größer war der Knall, als sie zusammenbrachen. Gut
war nur, dass sie nach und nach zusammen krachten. Wäre alles mit einem
Male hochgekommen, hätte ich es nicht überlebt. Außer einigen bestimmten
Personen wünsche ich niemand solche Erlebnisse. Damals war es sicher schon
schlimm für mich, nur wusste ich ja nicht was da mit mir geschah. Erst
heute weiß ich es. Und das ist dann noch mal so schlimm. Ich durchlebe
jede einzelne Geschichte noch mal, soweit ich mich erinnern kann, dazu
kommt aber auch das Wissen darüber, was es war. Selbst der letzte,
scheinbar harmlosere MB verletzte mich tief. Er verhinderte den normalen
Ablauf in meiner Pubertät. Er machte mich zu einem Außenseiter, der nicht
mehr mit sich und seiner Sexualität klar kommen konnte. Ich schämte mich
dafür. Warum hatte ich es geschehen lassen? Ich empfinde bis heute
tiefsten Ekel für die Handlungen des alten Bocks. Es war die Zeit, in der
ich anfing mich unterbewusst gegen den MB zu wehren. War ich vorher schon
durch innere Wut aufgefallen so kam jetzt eine Nachlässigkeit in der
Körperhygiene hinzu. Ich stank sicher immer wieder wie ein Iltis. Obwohl
ich damals ein junges Mädchen kannte, zu dem ich mich hingezogen fühlte,
war es mir unmöglich, sie anzusprechen. Ich konnte einfach nicht. Sie war
ca. 14, ich 15. Und wenn ich an ihre Reaktionen von damals denke, weiß
ich, dass sie sehr wohl in mich verliebt war und es nur einer Reaktion von
mir bedurfte, um daraus eine Beziehung werden zu lassen. Aber ein so
dermaßen gestörter Junge ist dazu einfach nicht in der Lage. Erst viel
später konnte ich dies (mit 24).
Erst heute wird mir so vieles klar. Meine Reaktionen, die Reaktionen
meiner Eltern und der Personen, die etwas wussten. So vieles ergibt erst
heute einen Sinn. Ich hatte sicher auch glückliche Zeiten, war verliebt,
konnte mich an schönen Dingen erfreuen. Aber leider überwiegen die
negativen Einflüsse auf meine Leben. Vieles wäre anders gekommen. Meine
Intelligenz hätte zu einem Studium gereicht. So wurde mit Mühe und Not
eine Mittlere Reife daraus. Immer wieder haben mich mein Folgeerkrankungen
(Migräne, Bronchitis, Wirbelsäulenschädigung) behindert. Immer wieder
schreckte ich vor Veränderungen zurück. Nur meinem Dickkopf verdanke ich
es, dass ich überhaupt soweit gekommen bin. Irgendwie trauere ich sicher
den verpassten Chancen hinterher, ein wenig Selbstmitleid erlaube ich mir
auch. Mein Leben hat mir aber auch einiges mehr aufgeladen als anderen
Menschen. Es gibt viele (zu viele) die ähnliches Erfahren haben. Aber für
mich gilt das gleiche wie für sie: Es hätte nie sein dürfen. Die
Erwachsenen haben da versagt. Man kann es zwar nicht verhindern, aber sie
haben die Pflicht uns Opfern zu helfen, wo sie nur können. Warum tun sie
es so selten? Ich weiß es einfach nicht.
14.1.2004
Michael Sascha
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(C)
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