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Offener Brief an die Bevölkerung der BRD Nummer 2


Menschen werden geboren, Menschen leben, Menschen sterben irgendwann, der eine/die eine früher, die eine/der eine später. Manche Menschen leisten große Dinge, andere Leben im Verborgenen und keiner beachtet sie. Die unscheinbaren Menschen leben ihr Leben, arbeiten, essen, trinken, schlafen wie auch jene Menschen, deren Namen man in der Presse liest, weil sie Großes bewegt haben, im Guten wie im Bösen. Große Politiker, Helden, die Leben anderer Menschen retteten, Manager, die große Unternehmen leiten, Literaten, die große Bücher schrieben, Wissenschaftler, die große Entdeckungen und Erfindungen der Menschheit schenkten, aber auch Verbrecher, die mordeten, stahlen und viel Unheil anrichteten, Kriegsverbrecher, die ganze Völker auslöschen wollten, dass sind jene, die in der Presse auftauchen. Was zeichnet sie aus, dass wir, die kleinen Menschen lesen wollen über sie, über ihr Leben? Wissen Politiker, wie es dem kleinen Mann/Frau auf der Straße geht? Hat der Millionär eine Ahnung davon, was es heißt mit ein paar Euro im Monat auszukommen. Ich will keinen Kaviar essen, keine Spezialität die Unsummen kosten. Ich verzichte gerne auf Lacoste oder so, aber ein wenig will auch ich haben. Es ist nicht viel, was ich beanspruche. Ich möchte satt werden, ab und zu mit Freunden ein paar Biere trinken und in Frieden leben. Nicht mehr und nicht weniger. Ach ja, und ein Dach über dem Kopf hätte ich auch gerne und ein wenig Arbeit. Alles relativ bescheidene Wünsche für einen Menschen aus einem der reichsten Industrienationen dieser Welt.

Nach und nach sehe ich mittlerweile Dinge, die mir für lange Zeit verborgen blieben. Große Ungerechtigkeiten kann jeder Denkende einfach erkennen. Es ist heute problemlos Möglich an den großen Verbrechen teilzunehmen. Unsere internationale Presse reist dafür täglich sicher mehrfach um den Erdball, um all die interessanten Dinge festzuhalten und zu ergründen, die auch im entlegensten Winkel dieser Welt geschehen, ob Kriege, Morde, Völkermorde, Seuchen, Flüchtlingsdramen usw., sie landen fast sofort in unserem Wohnzimmer. Was ich aber oft vermisse sind die kleinen Dramen des Alltags, jene Dinge, die uns kleinen einzelnen Menschen berühren. Nur ganz selten sind sie eine Meldung wert. Sie müssen schon irgendwie spektakulär sein. Und sie dürfen die Menschen nicht zu sehr aufschrecken. Sollten sie gegen die allgemeine Meinung verstoßen, dann wandern sie sowieso fast immer in den Papierkorb. Die Presse lebt ja von dem Konsum ihrer Nachrichten. Sie will sich ja nicht ins eigene Fleisch schneiden. Das darf es nicht geben. Früher sagte man: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch die Presse macht da keine Ausnahme. Der kleine Mann/die kleine Frau sind die Konsumenten, bestimmen die Einschaltquoten. Da machen sich Helden besser als Aufmacher. Oder Kriege, mit Hunderten von Toten. Ich will damit nicht sagen, dass grade die Berichterstattung über Kriege und große Verbrechen nicht wichtig wären, Berichte über die Machenschaften der Mafia und ähnliches. Solche Dinge müssen auch aufgedeckt werden und die Schuldigen an den Pranger gestellt werden. Doch die Vorkommnisse, die ich meine, sind in meinen Augen genauso brutal. Nur geschehen sie mitten unter uns. Und nur in Einzelfällen kommen sie ans Tageslicht, dann wenn sie besonders brutal waren oder wenn man sicher sein kann, dass man damit das Mitgefühl (Sensationslust?) der Mitbürger wecken kann. Die Fälle, die ich meine, davon lese ich täglich, aber nicht in der Presse, nicht im TV. Ich lese davon in verschwiegenen Ecken im Internet. Dort kann ich wahre Horrorgeschichten lesen. Und es sind nicht etwa Einzelfälle, die ich lesen muss, nein es sind immer und immer wieder ähnliche Erlebnisse von Menschen wie du und ich, die ich da lese. Ganz selten, dann wenn es sich um besonders harte Fälle handelt, kann man diese Geschichten auch in der allgemeinen Presse finden. Dutroux ist so ein Fall. Oder die Sache mit Pascal, der Junge, dessen Leiche bis heute gesucht wird.

Auf Grund der Berichterstattung könnte die Allgemeinheit auf die Idee kommen, dass es sich um Einzelfälle handelt. Und jeder regt sich mal für kurze Zeit auf und vergisst dann das ganze schneller als man es für möglich hält.

Jetzt komme ich auf den Punkt, den ich meine. Denn es sind nun wirklich keine Einzelfälle. Das Schlimme ist, es ist eher die Regel. Die Geschichten, die ich tagtäglich lese im Internet beweisen mir das. Ich will jetzt nun wirklich nicht meine eigene Geschichte erwähnen, aber sie ist exemplarisch für all die anderen Geschichten. Wir Opfer sexueller Gewalt stellen einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung dar. Die Ausübung sexueller und körperlicher Gewalt gegenüber Schwächeren, besonders gegenüber Kinder und Behinderte, ist sehr weit verbreitet in unserer ach so humanen Gesellschaft. Und sie wird von allen Altersgruppen und von allen Geschlechtern und von allen sozialen Schichten gleichermaßen ausgeübt. Und sie wird soweit möglich totgeschwiegen. Im Grunde wissen es die Menschen, was da in unmittelbarer Nähe passiert, nur wollen sie es nicht sehen. Und verschwindet wieder Mal ein Kind und kommt dann heraus, dass es der gute Nachbar war, dann ist das Erstaunen groß. Und war es der Onkel des Kindes, dann fallen alle aus allen Wolken. Nein! Das hätte man nie gedacht, er war doch ein so guter Mensch, seit Jahren im Vorstand vom Obst- und Gartenbauverein oder so. Immer hilfsbereit, immer nett zu den Kindern und so weiter.

Wer hat schon mal von einem sexuellen Missbrauch durch eine Frau gelesen? Davon, dass die eigene Mutter ihren Sohn oder ihre Tochter missbraucht hat? Also in der Presse habe ich davon noch nichts gelesen. Vielleicht gab es irgendwo schon mal eine kurze Notiz darüber, wer weiß? Im realen Leben ist das jedoch nicht etwa der absolute Einzelfall! Es kommt immer wieder vor, dass die eigenen Mütter ihre Kinder sexuell missbrauchen. Gerade in diesem Bereich ist die Dunkelziffer sehr hoch. Welches Kind stellt sich schon hin und zeigt die eigene Mutter an? Selbst als Erwachsener Mensch kommt das sicherlich sehr selten vor. Die Schätzungen gehen davon aus, dass 20 % aller Fälle von Frauen ausgeübt werden. In dieser Zahl sind nicht jene Fälle beinhaltet, bei denen Frauen den sexuellen Missbrauch ermöglicht haben, also Mittäterinnen sind. Hier liegt die Zahl wesentlich höher. Aus mit unerklärlichen Gründen werden immer wieder Kinder, Jungs wie Mädchen, von Ehegatten und Lebensgefährten mit Wissen und oft auch mit Unterstützung der eigenen Mutter sexuell missbraucht. Ich finde diesen Umstand ähnlich grausam und schlimm wie die Tat selber. Sicher, der überwiegende Teil der Täter sind „Männer“. Ich selber bin ein Mann und halte mich auch dafür. Darum habe ich den Begriff „Männer“ hier in Anführungszeichen gesetzt. Denn in meinen Augen ist es eine Beleidigung für uns Männer, die nie auf die Idee kämen, einem anderen Menschen, geschweige denn einem Kind so was anzutun solche Unmenschen als „Männer“ zu bezeichnen. Es sind nämlich keine Männer, es sind einfach Monster in der Gestalt eines Mannes.

Und komme bitte keiner auf die Idee zu sagen, das hätte es früher nicht gegeben. Ich kenne mittlerweile Fälle von Menschen, die heute über 60 Jahre alt sind und in ihrer Kindheit massiv sexuelle Missbraucht wurden. Und es sind darunter Frauen wie Männer. Nur früher war es für ein Kind unmöglich, darüber zu reden. Heute haben die Kinder wenigstens eine kleine Lobby, früher war man der Ansicht, dass es so was einfach nicht gibt und nicht geben darf. Das machte es den Tätern und Täterinnen besonders einfach. Sie brauchten keinerlei Angst vor Bestrafung zu haben, sofern das Kind die Torturen überlebte. Mir sind sogar Fälle von Gruppensex mit Kindern bekannt innerhalb der eigenen Familie. Und das war ca. 1930 und mitten in einem kleinen beschaulichen Dorf, nicht etwa in einer „verkommenen“ Großstadt. Und bis heute hat sich das Bild kaum geändert. Ich vermute sogar, dass diese Fälle eher in kleineren Gemeinden vorkommen als in der Großstadt. In Großstädten gibt es eher für die Kinder Möglichkeiten sich bei entsprechenden Stellen zu melden. Auf dem Lande aber gibt es nur die Möglichkeit per Internet oder Telefon. Wie aber soll das Kind den Eltern erklären, warum es z. B. bei Dunkelziffer oder Wildwasser angerufen hat. In dem Bundesland, in dem ich wohne, gibt es sage und schreibe 2 mir bekannte Anlaufstellen. Die ein kümmert sich nur um Mädchen, die andere erstaunlicherweise auch um Jungs. Beide konzentrieren sich auf einen Umkreis von 10 km, nur was macht ein Kind, das 50 km von diesen Anlaufstellen weg wohnt? Es muss im Allgemeinen sein Martyrium ertragen und schweigt und hofft, irgendwann davon befreit zu werden. Nur wann? Dann wenn es alle Grausamkeiten erlebt hat, dann wenn sein Innerstes restlos zerstört ist? Es braucht keinen Dutroux, es reicht der eigene Vater, die eigene Mutter, der eigene Bruder oder nahe Verwandte, um diese Kinder für den Rest ihres Lebens zu zerstören. Das ist die Wahrheit! Wir Opfer kämpfen unser Leben lang gegen diese Dinge, die uns oft schon im Kleinkindesalter angetan wurden. Wir leben mit dem Horror, der uns angetan wurde und der einem Steven King gerecht werden würde. Ich glaube sogar, dass Herr King bei diesen Geschichten selber eine Gänsehaut bekommen würde, so brutal und grausam sind sie. Wie würde es einem „normalen“ Erwachsenen gehen, wenn er die Bilder von einen einjährigen Kind sehen würde, dass man vaginal oder rektal vergewaltig hatte, dessen Körperöffnungen brutal missbraucht und beschädigt wurden für die abartige sexuelle Befriedigung eines Erwachsenen oder Heranwachsenden? Und diese Verletzungen sind nur die erkennbaren Schäden. Die innerlichen Wunden in der Seele sind ungleich größer. Äußere Wunden heilen meist irgendwann. Die Seele heilt nie. Sie ist bis zum Lebensende beschädigt.

Und jetzt komme ich wieder zurück zur Presse. Wo habe ich schon mal gelesen, dass unsere Seelen bis zum bitteren Ende geschädigt sind, dass unser Leben immer von dem sexuellen Missbrauch stark beeinflusst wurde. Die Täter kommen zu oft mit ein geringen Strafen davon, oft sogar mit Bewährungsstrafen oder sogar mit einer einfachen Geldstrafe. Entschädigungen für unsere erlittenen Qualen fallen eigentlich fast immer unter den Tisch und wir müssen sehen, wie wir klarkommen. Und dann muss ich mir das Geschwafel der Politiker und Politikerinnen anhören, die sich nicht schämen in aller Öffentlichkeit uns Opfer zusätzlich durch gedankenlos dahingesagte Phrasen zu demütigen. Sie sind soweit weg von uns Opfern wie der fernste Fixstern. Und trotz aller Beteuerungen kümmern sie sich einen Dreck um uns Opfer und unsere Probleme. 20 Jahre ca. hat es gedauert, bis eine Strafrechtsreform durchgeführt wurde. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind die seelischen Probleme, mit denen wir tagtäglich zukämpfen haben. Abgesehen von der rein medizinischen Versorgung (Therapien) sind wir da ganz auf uns selber gestellt. Hier und da helfen Selbsthilfegruppen. Deren Zuschüsse werden aber Jahr für Jahr weiter eingeschränkt, als wären sie nur nutzloser Ballast und eigentlich völlig unnötig. Dabei sind gerade diese Selbsthilfegruppen die einzigen, die sich wirklich um das seelische Wohl von uns Opfern kümmern. Mir ist keine staatliche Stelle bekannt, die sich so mit uns Opfern auseinandersetzt. Der Staat sieht hier einfach keinen Handlungsbedarf. Das finde ich nicht nur traurig, sondern auch sehr enttäuschend. Der Staat repräsentiert unsere Gesellschaft, also auch jene die die Verantwortung für unsere Leiden tragen. Auch die Gesellschaft ist Mitschuld an unseren Leiden, allein schon aus dem Grund, weil sie uns und das Geschehene einfach ignoriert. So gesehen trägt also die Gesellschaft auch ein Teil der Verantwortung dafür und muss somit auch ein Teil der Folgen auffangen. Nur tut sie das nicht. Es ist einfacher das Problem totzuschweigen als etwas dagegen zu unternehmen. Wenn eine kleine Gruppe von Menschen, eine Firma z. B. ein Verbrechen ermöglicht und davon weiß, so wird jeder Einzelne dieser Gruppe als Mittäter verurteilt. Dies sollte doch auch für eine große Gruppe gelten, wie z. B. einem ganzen Land. Jeder hat doch die Möglichkeit, sich zu informieren, was los ist, jeder weiß doch, was tagtäglich passiert. Also hat er doch Kenntnis von den Verbrechen und tut in seinem Rahmen so gut wie nichts dagegen. Also ist jeder Mittäter und zu verurteilen.

Aber solange diese Mittäter nicht wach werden und selbst die direkten Täter und Täterinnen oft sogar an den entscheidenden Stellen sitzen, also als Richter, als Politiker, als Sozialarbeiter, als Pädagogen und Polizisten usw. arbeiten und wir Opfer in der Gesellschaft keine Lobby haben, wird sich kaum etwas ändern. Und gehen wir Opfer auf die Straße, dann ist es der Presse wieder Mal höchstens eine Randnotiz auf einer der hinteren Seiten wert. Solange sich hier in den Köpfen nichts ändert, solange wird es wohl fast zum normalen Leben dazugehören als Kind von irgendjemanden sexuelle missbraucht zu werden und alleine damit klarkommen zu müssen. Diese Art der Machtausübung gegenüber Schwächeren ist so was von alltäglich, dass wir Opfer in der heutigen modernen Gesellschaft immer noch kaum eine Chance haben, gehört zu werden. Was stimmt da nicht in den Köpfen meiner Mitmenschen, dass dem so ist? Jeder sagt da etwas von Kinderliebe, warum habe ich aber den Eindruck, dass hier sich nur jeder selber froh macht und dass das ganze einfach nur eine große Lüge ist und jeder am liebsten nur an sich selber denkt und mit Sicherheit nicht an die Kinder anderer? Und erst recht nicht an die Erwachsenen, die heute mit ihrem Schicksal kämpfen müssen, dass oft erst nur durch die allgemeine Haltung und Ignoranz der Gesellschaft möglich geworden ist!

Zahlen & Fakten:

Jedes 3. bis 4. Mädchen wird in seiner Kindheit sexuell missbraucht!
Jeder 5. bis 7. Junge wird in seiner Kindheit sexuell missbraucht!
Jährlich werden in der Bundesrepublik Deutschland 80.000 bis 300.000 Kinder sexuell Missbraucht!
Ein Kind muss ca. 7-mal vom Missbrauch berichten, bis ihm jemand zuhört und glaubt.

Oft handelt es sich um fortgesetzten Missbrauch innerhalb der Familie!
Oft beginnt der Missbrauch direkt nach der Geburt!
Jungs wie Mädchen sind fast gleichermaßen betroffen!
Der Missbrauch wird eigentlich immer auch von Gewalt (Schläge, Folter) begleitet!
Oft wissen oder ahnen andere etwas und schweigen!
Die gesundheitlichen Folgen kosten der Gesellschaft enorme Summen!


Michael - 18.6.2004

 

 
 

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