|
Menschen werden geboren, Menschen leben, Menschen sterben
irgendwann, der eine/die eine früher, die eine/der eine später. Manche
Menschen leisten große Dinge, andere Leben im Verborgenen und keiner
beachtet sie. Die unscheinbaren Menschen leben ihr Leben, arbeiten, essen,
trinken, schlafen wie auch jene Menschen, deren Namen man in der Presse
liest, weil sie Großes bewegt haben, im Guten wie im Bösen. Große
Politiker, Helden, die Leben anderer Menschen retteten, Manager, die große
Unternehmen leiten, Literaten, die große Bücher schrieben,
Wissenschaftler, die große Entdeckungen und Erfindungen der Menschheit
schenkten, aber auch Verbrecher, die mordeten, stahlen und viel Unheil
anrichteten, Kriegsverbrecher, die ganze Völker auslöschen wollten, dass
sind jene, die in der Presse auftauchen. Was zeichnet sie aus, dass wir,
die kleinen Menschen lesen wollen über sie, über ihr Leben? Wissen
Politiker, wie es dem kleinen Mann/Frau auf der Straße geht? Hat der
Millionär eine Ahnung davon, was es heißt mit ein paar Euro im Monat
auszukommen. Ich will keinen Kaviar essen, keine Spezialität die Unsummen
kosten. Ich verzichte gerne auf Lacoste oder so, aber ein wenig will auch
ich haben. Es ist nicht viel, was ich beanspruche. Ich möchte satt werden,
ab und zu mit Freunden ein paar Biere trinken und in Frieden leben. Nicht
mehr und nicht weniger. Ach ja, und ein Dach über dem Kopf hätte ich auch
gerne und ein wenig Arbeit. Alles relativ bescheidene Wünsche für einen
Menschen aus einem der reichsten Industrienationen dieser Welt.
Nach und nach sehe ich mittlerweile Dinge, die mir für lange Zeit
verborgen blieben. Große Ungerechtigkeiten kann jeder Denkende einfach
erkennen. Es ist heute problemlos Möglich an den großen Verbrechen
teilzunehmen. Unsere internationale Presse reist dafür täglich sicher
mehrfach um den Erdball, um all die interessanten Dinge festzuhalten und
zu ergründen, die auch im entlegensten Winkel dieser Welt geschehen, ob
Kriege, Morde, Völkermorde, Seuchen, Flüchtlingsdramen usw., sie landen
fast sofort in unserem Wohnzimmer. Was ich aber oft vermisse sind die
kleinen Dramen des Alltags, jene Dinge, die uns kleinen einzelnen Menschen
berühren. Nur ganz selten sind sie eine Meldung wert. Sie müssen schon
irgendwie spektakulär sein. Und sie dürfen die Menschen nicht zu sehr
aufschrecken. Sollten sie gegen die allgemeine Meinung verstoßen, dann
wandern sie sowieso fast immer in den Papierkorb. Die Presse lebt ja von
dem Konsum ihrer Nachrichten. Sie will sich ja nicht ins eigene Fleisch
schneiden. Das darf es nicht geben. Früher sagte man: „Wes Brot ich ess,
des Lied ich sing.“ Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch die
Presse macht da keine Ausnahme. Der kleine Mann/die kleine Frau sind die
Konsumenten, bestimmen die Einschaltquoten. Da machen sich Helden besser
als Aufmacher. Oder Kriege, mit Hunderten von Toten. Ich will damit nicht
sagen, dass grade die Berichterstattung über Kriege und große Verbrechen
nicht wichtig wären, Berichte über die Machenschaften der Mafia und
ähnliches. Solche Dinge müssen auch aufgedeckt werden und die Schuldigen
an den Pranger gestellt werden. Doch die Vorkommnisse, die ich meine, sind
in meinen Augen genauso brutal. Nur geschehen sie mitten unter uns. Und
nur in Einzelfällen kommen sie ans Tageslicht, dann wenn sie besonders
brutal waren oder wenn man sicher sein kann, dass man damit das Mitgefühl
(Sensationslust?) der Mitbürger wecken kann. Die Fälle, die ich meine,
davon lese ich täglich, aber nicht in der Presse, nicht im TV. Ich lese
davon in verschwiegenen Ecken im Internet. Dort kann ich wahre
Horrorgeschichten lesen. Und es sind nicht etwa Einzelfälle, die ich lesen
muss, nein es sind immer und immer wieder ähnliche Erlebnisse von Menschen
wie du und ich, die ich da lese. Ganz selten, dann wenn es sich um
besonders harte Fälle handelt, kann man diese Geschichten auch in der
allgemeinen Presse finden. Dutroux ist so ein Fall. Oder die Sache mit
Pascal, der Junge, dessen Leiche bis heute gesucht wird.
Auf Grund der Berichterstattung könnte die Allgemeinheit auf die Idee
kommen, dass es sich um Einzelfälle handelt. Und jeder regt sich mal für
kurze Zeit auf und vergisst dann das ganze schneller als man es für
möglich hält.
Jetzt komme ich auf den Punkt, den ich meine. Denn es sind nun wirklich
keine Einzelfälle. Das Schlimme ist, es ist eher die Regel. Die
Geschichten, die ich tagtäglich lese im Internet beweisen mir das. Ich
will jetzt nun wirklich nicht meine eigene Geschichte erwähnen, aber sie
ist exemplarisch für all die anderen Geschichten. Wir Opfer sexueller
Gewalt stellen einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung dar. Die
Ausübung sexueller und körperlicher Gewalt gegenüber Schwächeren,
besonders gegenüber Kinder und Behinderte, ist sehr weit verbreitet in
unserer ach so humanen Gesellschaft. Und sie wird von allen Altersgruppen
und von allen Geschlechtern und von allen sozialen Schichten gleichermaßen
ausgeübt. Und sie wird soweit möglich totgeschwiegen. Im Grunde wissen es
die Menschen, was da in unmittelbarer Nähe passiert, nur wollen sie es
nicht sehen. Und verschwindet wieder Mal ein Kind und kommt dann heraus,
dass es der gute Nachbar war, dann ist das Erstaunen groß. Und war es der
Onkel des Kindes, dann fallen alle aus allen Wolken. Nein! Das hätte man
nie gedacht, er war doch ein so guter Mensch, seit Jahren im Vorstand vom
Obst- und Gartenbauverein oder so. Immer hilfsbereit, immer nett zu den
Kindern und so weiter.
Wer hat schon mal von einem sexuellen Missbrauch durch eine Frau gelesen?
Davon, dass die eigene Mutter ihren Sohn oder ihre Tochter missbraucht
hat? Also in der Presse habe ich davon noch nichts gelesen. Vielleicht gab
es irgendwo schon mal eine kurze Notiz darüber, wer weiß? Im realen Leben
ist das jedoch nicht etwa der absolute Einzelfall! Es kommt immer wieder
vor, dass die eigenen Mütter ihre Kinder sexuell missbrauchen. Gerade in
diesem Bereich ist die Dunkelziffer sehr hoch. Welches Kind stellt sich
schon hin und zeigt die eigene Mutter an? Selbst als Erwachsener Mensch
kommt das sicherlich sehr selten vor. Die Schätzungen gehen davon aus,
dass 20 % aller Fälle von Frauen ausgeübt werden. In dieser Zahl sind
nicht jene Fälle beinhaltet, bei denen Frauen den sexuellen Missbrauch
ermöglicht haben, also Mittäterinnen sind. Hier liegt die Zahl wesentlich
höher. Aus mit unerklärlichen Gründen werden immer wieder Kinder, Jungs
wie Mädchen, von Ehegatten und Lebensgefährten mit Wissen und oft auch mit
Unterstützung der eigenen Mutter sexuell missbraucht. Ich finde diesen
Umstand ähnlich grausam und schlimm wie die Tat selber. Sicher, der
überwiegende Teil der Täter sind „Männer“. Ich selber bin ein Mann und
halte mich auch dafür. Darum habe ich den Begriff „Männer“ hier in
Anführungszeichen gesetzt. Denn in meinen Augen ist es eine Beleidigung
für uns Männer, die nie auf die Idee kämen, einem anderen Menschen,
geschweige denn einem Kind so was anzutun solche Unmenschen als „Männer“
zu bezeichnen. Es sind nämlich keine Männer, es sind einfach Monster in
der Gestalt eines Mannes.
Und komme bitte keiner auf die Idee zu sagen, das hätte es früher nicht
gegeben. Ich kenne mittlerweile Fälle von Menschen, die heute über 60
Jahre alt sind und in ihrer Kindheit massiv sexuelle Missbraucht wurden.
Und es sind darunter Frauen wie Männer. Nur früher war es für ein Kind
unmöglich, darüber zu reden. Heute haben die Kinder wenigstens eine kleine
Lobby, früher war man der Ansicht, dass es so was einfach nicht gibt und
nicht geben darf. Das machte es den Tätern und Täterinnen besonders
einfach. Sie brauchten keinerlei Angst vor Bestrafung zu haben, sofern das
Kind die Torturen überlebte. Mir sind sogar Fälle von Gruppensex mit
Kindern bekannt innerhalb der eigenen Familie. Und das war ca. 1930 und
mitten in einem kleinen beschaulichen Dorf, nicht etwa in einer
„verkommenen“ Großstadt. Und bis heute hat sich das Bild kaum geändert.
Ich vermute sogar, dass diese Fälle eher in kleineren Gemeinden vorkommen
als in der Großstadt. In Großstädten gibt es eher für die Kinder
Möglichkeiten sich bei entsprechenden Stellen zu melden. Auf dem Lande
aber gibt es nur die Möglichkeit per Internet oder Telefon. Wie aber soll
das Kind den Eltern erklären, warum es z. B. bei Dunkelziffer oder
Wildwasser angerufen hat. In dem Bundesland, in dem ich wohne, gibt es
sage und schreibe 2 mir bekannte Anlaufstellen. Die ein kümmert sich nur
um Mädchen, die andere erstaunlicherweise auch um Jungs. Beide
konzentrieren sich auf einen Umkreis von 10 km, nur was macht ein Kind,
das 50 km von diesen Anlaufstellen weg wohnt? Es muss im Allgemeinen sein
Martyrium ertragen und schweigt und hofft, irgendwann davon befreit zu
werden. Nur wann? Dann wenn es alle Grausamkeiten erlebt hat, dann wenn
sein Innerstes restlos zerstört ist? Es braucht keinen Dutroux, es reicht
der eigene Vater, die eigene Mutter, der eigene Bruder oder nahe
Verwandte, um diese Kinder für den Rest ihres Lebens zu zerstören. Das ist
die Wahrheit! Wir Opfer kämpfen unser Leben lang gegen diese Dinge, die
uns oft schon im Kleinkindesalter angetan wurden. Wir leben mit dem
Horror, der uns angetan wurde und der einem Steven King gerecht werden
würde. Ich glaube sogar, dass Herr King bei diesen Geschichten selber eine
Gänsehaut bekommen würde, so brutal und grausam sind sie. Wie würde es
einem „normalen“ Erwachsenen gehen, wenn er die Bilder von einen
einjährigen Kind sehen würde, dass man vaginal oder rektal vergewaltig
hatte, dessen Körperöffnungen brutal missbraucht und beschädigt wurden für
die abartige sexuelle Befriedigung eines Erwachsenen oder Heranwachsenden?
Und diese Verletzungen sind nur die erkennbaren Schäden. Die innerlichen
Wunden in der Seele sind ungleich größer. Äußere Wunden heilen meist
irgendwann. Die Seele heilt nie. Sie ist bis zum Lebensende beschädigt.
Und jetzt komme ich wieder zurück zur Presse. Wo habe ich schon mal
gelesen, dass unsere Seelen bis zum bitteren Ende geschädigt sind, dass
unser Leben immer von dem sexuellen Missbrauch stark beeinflusst wurde.
Die Täter kommen zu oft mit ein geringen Strafen davon, oft sogar mit
Bewährungsstrafen oder sogar mit einer einfachen Geldstrafe.
Entschädigungen für unsere erlittenen Qualen fallen eigentlich fast immer
unter den Tisch und wir müssen sehen, wie wir klarkommen. Und dann muss
ich mir das Geschwafel der Politiker und Politikerinnen anhören, die sich
nicht schämen in aller Öffentlichkeit uns Opfer zusätzlich durch
gedankenlos dahingesagte Phrasen zu demütigen. Sie sind soweit weg von uns
Opfern wie der fernste Fixstern. Und trotz aller Beteuerungen kümmern sie
sich einen Dreck um uns Opfer und unsere Probleme. 20 Jahre ca. hat es
gedauert, bis eine Strafrechtsreform durchgeführt wurde. Doch das ist nur
die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind die seelischen
Probleme, mit denen wir tagtäglich zukämpfen haben. Abgesehen von der rein
medizinischen Versorgung (Therapien) sind wir da ganz auf uns selber
gestellt. Hier und da helfen Selbsthilfegruppen. Deren Zuschüsse werden
aber Jahr für Jahr weiter eingeschränkt, als wären sie nur nutzloser
Ballast und eigentlich völlig unnötig. Dabei sind gerade diese
Selbsthilfegruppen die einzigen, die sich wirklich um das seelische Wohl
von uns Opfern kümmern. Mir ist keine staatliche Stelle bekannt, die sich
so mit uns Opfern auseinandersetzt. Der Staat sieht hier einfach keinen
Handlungsbedarf. Das finde ich nicht nur traurig, sondern auch sehr
enttäuschend. Der Staat repräsentiert unsere Gesellschaft, also auch jene
die die Verantwortung für unsere Leiden tragen. Auch die Gesellschaft ist
Mitschuld an unseren Leiden, allein schon aus dem Grund, weil sie uns und
das Geschehene einfach ignoriert. So gesehen trägt also die Gesellschaft
auch ein Teil der Verantwortung dafür und muss somit auch ein Teil der
Folgen auffangen. Nur tut sie das nicht. Es ist einfacher das Problem
totzuschweigen als etwas dagegen zu unternehmen. Wenn eine kleine Gruppe
von Menschen, eine Firma z. B. ein Verbrechen ermöglicht und davon weiß,
so wird jeder Einzelne dieser Gruppe als Mittäter verurteilt. Dies sollte
doch auch für eine große Gruppe gelten, wie z. B. einem ganzen Land. Jeder
hat doch die Möglichkeit, sich zu informieren, was los ist, jeder weiß
doch, was tagtäglich passiert. Also hat er doch Kenntnis von den
Verbrechen und tut in seinem Rahmen so gut wie nichts dagegen. Also ist
jeder Mittäter und zu verurteilen.
Aber solange diese Mittäter nicht wach werden und selbst die direkten
Täter und Täterinnen oft sogar an den entscheidenden Stellen sitzen, also
als Richter, als Politiker, als Sozialarbeiter, als Pädagogen und
Polizisten usw. arbeiten und wir Opfer in der Gesellschaft keine Lobby
haben, wird sich kaum etwas ändern. Und gehen wir Opfer auf die Straße,
dann ist es der Presse wieder Mal höchstens eine Randnotiz auf einer der
hinteren Seiten wert. Solange sich hier in den Köpfen nichts ändert,
solange wird es wohl fast zum normalen Leben dazugehören als Kind von
irgendjemanden sexuelle missbraucht zu werden und alleine damit klarkommen
zu müssen. Diese Art der Machtausübung gegenüber Schwächeren ist so was
von alltäglich, dass wir Opfer in der heutigen modernen Gesellschaft immer
noch kaum eine Chance haben, gehört zu werden. Was stimmt da nicht in den
Köpfen meiner Mitmenschen, dass dem so ist? Jeder sagt da etwas von
Kinderliebe, warum habe ich aber den Eindruck, dass hier sich nur jeder
selber froh macht und dass das ganze einfach nur eine große Lüge ist und
jeder am liebsten nur an sich selber denkt und mit Sicherheit nicht an die
Kinder anderer? Und erst recht nicht an die Erwachsenen, die heute mit
ihrem Schicksal kämpfen müssen, dass oft erst nur durch die allgemeine
Haltung und Ignoranz der Gesellschaft möglich geworden ist!
Zahlen & Fakten:
Jedes 3. bis 4. Mädchen wird in seiner Kindheit sexuell missbraucht!
Jeder 5. bis 7. Junge wird in seiner Kindheit sexuell missbraucht!
Jährlich werden in der Bundesrepublik Deutschland 80.000 bis 300.000
Kinder sexuell Missbraucht!
Ein Kind muss ca. 7-mal vom Missbrauch berichten, bis ihm jemand zuhört
und glaubt.
Oft handelt es sich um fortgesetzten Missbrauch innerhalb der Familie!
Oft beginnt der Missbrauch direkt nach der Geburt!
Jungs wie Mädchen sind fast gleichermaßen betroffen!
Der Missbrauch wird eigentlich immer auch von Gewalt (Schläge, Folter)
begleitet!
Oft wissen oder ahnen andere etwas und schweigen!
Die gesundheitlichen Folgen kosten der Gesellschaft enorme Summen!
Michael - 18.6.2004
|