Texte
Mein Leben - Kapitel VIII

 

 

Schlussbemerkungen
 

Zum Abschluss noch einige Worte über Freunde, Freundinnen, Verwandte und Foren. Ich habe in den vorigen Kapiteln nur kurz darüber gesprochen. An dem Morgen, an dem ich erwachte und ich endlich wieder wusste, was ich als Kind erleben musste, wusste ich sofort, dass ich reden musste. Nie hatte ich es geschafft, richtig über mich und meine Gefühle zu reden. Ich ging in Gedanken alle Freunde/Freundinnen und Verwandte durch. Mit wem sollte ich reden? Am liebsten hätte ich mit meinem mittleren Bruder darüber gesprochen. Nur wollte ich es nicht per Telefon machen. Also musste es jemand anderes sein.

Ich suchte mir eine gute Freundin aus und lud sie ein. Ihr erzählte ich es als erstes. Morgens war ich noch relativ ruhig. Bei dem Gespräch aber brachen alle Gefühle aus mir heraus, der Damm war gebrochen. Kurz drauf informierte ich meinen mittleren Bruder per Telefon. Im Laufe der nächsten Monate informierte ich immer mehr aus meinem Freundeskreis. Es waren einige und die Gespräche waren immer sehr anstrengend. Ich hatte mir die Reihenfolge sehr genau festgelegt. Innerhalb von 2 Monaten war ich dann fast durch. Einige kamen erst später hinzu. Auch mein Ex-Chef informierte ich später über das, was mit mir los war.

Die Freundin meines mittleren Bruders war es auch, die mich auf das Internet aufmerksam machte. Sie schickte mir den ersten Link. Es war Tauwetter in Berlin. Sehr schüchtern und vorsichtig nahm ich Kontakt auf. Nach und nach wurde ich mutiger und fand dann irgendwann Zugang zu den ersten Foren. Und dann über entsprechende Links fand ich auch die Seite von Trotz-Allem. Hier können Opfer von SMB anonyme Webseiten einrichten. Dadurch kam ich dann zu meiner Webseite. Ich konnte damit viel von meinem Kummer mit anderen Teilen, konnte meine Gedichte anderen zur Verfügung stellen.

Im Laufe meines Weges durch meinen MB war ich auch in einigen Foren. Ich verkroch mich regelrecht in diesen Foren und auch in den Chats. Das war nicht unwichtig für meine Entwicklung. Nur nach dem ich in der Klinik war habe ich einige der Foren nach und nach verlassen. Übrig sind nur einige geblieben, denen ich mich besonders verbunden fühle. Hier habe ich immer Unterstützung erfahren, besonders wenn es mir sehr schlecht ging.

Auch mein Freundeskreis unterstütze mich sehr. Alle waren mehr oder weniger geschockt über das, was ich ihnen erzählen musste. Allerdings nur den Wenigsten erzählte ich die Details. Nicht jeder Mensch kann mit den grausamen Taten umgehen, die ich erleben musste. Ich kann sie verstehen. Oft spielt Angst eine Rolle, wenn andere mit unserem Schicksal nicht umgehen können. Auch die Reaktionen meiner direkten Verwandten, also meinen Brüdern und deren Kindern war sehr positiv. Sie sicherten mir alle ihre Hilfe zu und haben das auch bis heute getan. Ohne all diese Unterstützung hätte ich es nie so schnell geschafft wieder in das normale Leben zurückzukehren.

Anfangs versuchte ich es noch abzublocken. Aber mit der Zeit fing ich an, das zu akzeptieren, was diese 3 Menschen mir als Kind antaten und mich auch emotional von meiner Mutter abzunabeln. Ich fing auch an es nicht mehr zu beschönigen und es so zu bezeichnen wie es war: Grausam. Ich habe innerhalb eines Jahres verschüttete Erinnerungen bis zurück in das Alter von ca. 1 1/2 bekommen. Und es ist kaum eine dabei, die man nicht als unmenschlich und grausam bezeichnen müsste. Obwohl ich mein Wissen darum verloren hatte wirkten diese schlimmen Dinge in mir und prägten mich. Bis heute kämpfe ich mit den Folgen, versuche mich zu verstehen, warum ich immer so gehandelt habe in meinem Leben. Vieles blieb mir nicht vergönnt in meinem früheren Leben.

Ich will es nicht als schlecht bezeichnen, zu mindest ab dem 20. Lebensjahr. Nur fehlte vieles von dem, was ein normales Leben ausmacht. Eine Art Gefühlskälte schien mich zu umgeben. Innerlich war dem nicht so, ich machte mir schon früh sehr viele Gedanken über Menschen, Leben usw. Nur mich selber schloss ich davon aus.  Ich dachte über Kriege, Folter nach, schrieb Gedichte über das, was ich dachte.

Auch tiefe Liebe konnte ich empfinden, aber nie äußern. So vieles haben sie mir von meinem Leben genommen. Heute kämpfe ich darum, mir dies noch mal zurückzuerobern. Es ist ein sehr anstrengender Lernprozess. Mit knapp einem halben Jahr endete meine Kindheit. Nach all den Jahren fange ich heute erst an, manche Dinge zu lernen. Immer noch stecken alte Ängste in mir, vieles hat sich zum Glück aber schon geändert. Ich kann über so vieles reden, auch über mich und meine Sexualität, über meine Bedürfnisse. Früher hätte ich dies nicht gekonnt. Ich spüre mich endlich, merke dass mir vieles was mich betrifft, nicht mehr egal ist.

Viele kleine Erfolge, die ich heute sehe, verändern mich, geben mir das zurück, was sie mir nahmen.

Ich habe dieses, mein Leben aufgeschrieben für alle, die sich nicht vorstellen können, was einem Kind passieren kann und welche Auswirkungen das auf uns hat. Wir, die wir den grausamen Missbrauch in unserer Kindheit überlebten, wissen wie schlimm es ist und war. Leider machen sich viele der "normalen" Menschen kaum Gedanken darüber. Ich kann aber auch verstehen, wenn sie es einfach nicht erfassen können, wie schrecklich so etwas ist.

Unfälle, schwere Krankheiten, dass kann man erfassen. Wie aber soll man verstehen, welche Auswirkungen ein SMB und oder Gewalt in der Kindheit hat? Vielleicht konnte ich ein wenig davon mit diesem Text dazu beitragen. Vielleicht sehen dann einige Menschen ein, dass etwas geschehen muss. Täter müssen hart bestraft werden, es muss ihnen die Möglichkeit genommen werden, sich je wieder an einem Kind zu vergreifen. Auch die Verjährungen bei diesen Verbrechen sind unmöglich. Entweder dürfte es nie verjähren oder erst nach vielen Jahren.

Auch ist die Unterstützung für Opfer immer noch sehr dürftig. Würden wir uns nicht gegenseitig helfen wäre es unerträglich. Es ist traurig wenn ich sehe, dass in meinem Bundesland nur eine einzige Anlaufstelle für Mädchen existiert. Jungs haben gar keine Möglichkeit. Es ist schon eine Frechheit der Gesellschaft, das Problem so zu ignorieren. In den letzten Jahren hat sich schon einiges geändert, aber es reicht noch lange nicht aus. Vor allem wird es Zeit, dass die Bevölkerung versteht, dass es die Täter sind, die sich an Kindern vergreifen, die sich außerhalb aller Normen stellen.

Oft genug wird den Kindern auch noch ein Teil der Schuld zugewiesen. Das ist unhaltbar. Es sollte sogar unter Strafe stehen, solche Aussagen zu machen. Auch die Strafen für Kinderpornografie sind immer noch viel zu gering. Hier müssten immer Haftstrafen ausgesprochen, mindestens 2 Jahre ohne jegliche Bewährung. Zu oft werden hier nur Geldstrafen verhängt. Und vor allem müsste jeder Täter oder die Pädos, die sich in entsprechenden Foren treffen und sich dort immer mal wieder absprechen, von der Bevölkerung massiv geächtet werden. Ihnen muss klar gemacht werden, dass normale Menschen dies nicht akzeptieren. Solange dies nicht geschieht werden sie immer wieder versuchen ihren Forderungen nach Gesetzesänderungen unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung einfordern. Dies ist ein Schlag in das Gesicht von unseren Opfern, wenn diese gestörten Pädos so etwas fordern. Hier wären auch dringend Maßnahmen erforderlich.

Leider sind diese nicht in Sicht. Die Lobby dieser "Menschen", sowohl Frauen als auch Männer, scheint immer noch sehr stark zu sein. Das beweist die ab und zu auftauchende Skandale um Kinderpornos. Quer durch die Bevölkerungsschichten finden sich dabei die Täter, Richter, Anwälte, Politiker, Polizisten und Künstler tauchen dabei als Täter auf. Ich frage mich wie groß ist der Einfluss dieser Bestien?

Mein Leben geht weiter, einige Male stand ich auf der Kippe und konnte nicht mehr. Ich habe es bis hierher geschafft und will es weiterhin schaffen. Ein Teil meines Lebens wird wohl immer der Kampf gegen die Täter sein und bleiben. Und natürlich anderen Opfern, die wie ich im Netz nach Hilfe und Erklärungen suchen. Heute kann ich ihnen mit meinen Erfahrungen helfen, so wie andere mir halfen. Ich kann ihnen nicht genug danken für die Hilfe, die sie mir gaben, als ich am Boden war und ich nicht mehr leben wollte.

Ohne andere Menschen hätte ich es nie geschafft. Sie halfen ohne zu fragen, was es ihnen bringt. Ich danke euch dafür. Ihr habt mir bewiesen, dass es neben den Bestien auch immer noch gute Menschen gibt. Hört sich schwülstig an, es ist aber so.

 Danke

Michael Sascha 2005

 

 

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