Texte
Finstere Zeiten

Ich wusste es doch!
oder Woher kommt meine Höhenangst

Ich sitze in meinem Zimmer. Vor mir liegen Holzklötzchen, schöne Klötzchen in vielen Farben, rote, grüne, gelbe und blaue. Auch einige in naturfarben sind da. Ich spiele gerne mit ihnen. Wir haben ja auch noch nicht viel Spielzeug. Nicht wie heute, da haben die Kinder bei uns ja soviel Spielzeug. Ich habe meine Klötzchen, ach ja, und den alten Teddybär. Schon ganz zerzaust ist er. Und riechen tut er auch komisch. Den haben meine Eltern aus der DDR mit rausgeschmuggelt. Ich glaube, dass ist hier mein einzigster Freund. Ich kann leider die Uhr noch nicht lesen. Bin ja erst 2 ½ Jahre alt. Und hier ist alles noch so neu. Wir wohnen ja erst seit kurzem hier. Irgendwas in mir sagt jetzt, dass ich Hunger habe. Ich will aber keinen Hunger haben. Ich will einfach hier in Ruhe sitzen und spielen. Ich versuche zwei der Klötze übereinander zu stapeln. Wenn ich jetzt größer wäre, würde ich sagen, ich bin nervös. Ich Dummer habe versucht einen Runden auf einen Eckigen zu legen. Der muss ja herunterfallen. Dass weiß doch jeder. Jetzt nehme ich so einen komischen, der hat eine Kuhle und ist unten glatt. Da kann man den Runden reinlegen. Und untendrunter packe ich jetzt einen von den schönen hellblauen. Dass sieht gut aus.

Verdammt, ich habe immer noch Hunger. Ich will aber keinen Hunger haben! Mit gefällt es nicht, wenn ich nach dem Mittagessen wieder Hunger kriege. Nein, ich will das nicht. Ich schaue nach meinem Teddy. Er sitzt ganz ruhig in der Ecke und schaut mir zu. Der hat’s gut. Er hat sicher keinen Hunger. Denke einfach nicht daran, sage ich mir. Dann wird’s gut.

Mutti schaut nach mir. Will sie gar nicht sehen. Wenn sie so schaut, ist sie sicher gleich wieder weg. Sie sagt dann immer, muss mal kurz was einkaufen. Dann bin ich mit Teddy alleine in der Wohnung. Die anderen zwei spielen draußen. Hab sie gerade noch gehört. Und die Älteren sind auf ihr Arbeit. Ha, was ich alles schon weiß. Die denken doch alle, der Kleine kriegt nichts mit. Stimmt aber nicht. Ich will nicht soviel reden. Was sollte ich auch sagen. Hört mir ja doch keiner zu. Wenn mir was weh tut, dann erst recht nicht. Mutti sagt dann, ich soll mich nicht so anstellen und meine Brüder lachen mich nur aus. Also bin ich still und spiele, solange ich darf.

Mutti ruft mich jetzt. Sie ist im Wohnzimmer. Na ja, da sollte ich wohl besser hören. Sie sitzt auf der Couch und zieht sich ihre Schuhe an. Ob ich wohl mitdarf? Vielleicht krieg ich dann von dem netten Mann im Laden wieder so einen tollen Mohrenkopf. Die schmecken mir einfach so gut (heute würde man sagen sie wären super oder geil). Aber damals war das verboten. So ändern sich die Zeiten. Sie sagt zu mir, dass R. gleich kommt. Er würde solange auf mich aufpassen, bis sie zurück wäre. Ich will aber mit, sagte ich ihr. Nein, dass geht nicht. Ich heule ein wenig, um sie zu erpressen. Es wirkt einfach nicht. Mist. Kurz drauf höre ich den Schlüssel in der Haustüre. Mir ist komisch. Ich sitze eng an Mutti gelehnt auf der Couch. Ob sie was merkt? Ich habe Angst. Ich halte mich an ihr fest. Sie ruft R. herein und erklärt ihm was. Er schaut mich dabei ganz komisch an. Ich weine jetzt leise ungewollt. Geh spielen, sagt Mutti. Traurig gehe ich in mein Zimmer, dass ich mit zwei meiner Brüder teile. Aber vor denen hab ich keine Angst. Die sind nur blöd, aber meist ganz lieb zu mir. Ich setz mich zu meinem Teddy in die Ecke. Vorsichtig nehme ich ihn in den Arm und halte mich an ihm fest. Jetzt hör ich die Haustür zu fallen. Kurz drauf geht die Spülung der Toilette. Ich schleiche mich durch den Flur. Ich will mich im Keller verstecken. Aber die Haustür ist zu und der Schlüssel steckt nicht. Die Tür zum Bad geht auf und R. steht grinsend halbnackt im Türrahmen. „Na, wo willst du denn hin?“ fragt er. Wohin wohl, du Idiot? Fort von dir, was sonst. Ich nehme all meinen Mut zusammen und renne an ihm vorbei in Richtung meinem Zimmer. Ich will das einfach nicht, was er da immer mit mir macht, wenn wir alleine sind. Ich höre ihn lachen. Im Zimmer könnte ich mich höchstens unterm Bett verstecken. Aber da findet er mich. Jetzt sehe ich das offene Fenster. Ich renne darauf zu, klettere auf den Stuhl, der davor steht und will nur raus. Ich höre ihn hinter mir und stoße mich ab. Doch ich falle nicht. Ich hänge irgendwie fest.

Ich höre R. lachen. Er hält mich am Bein fest. Ich hänge draußen an der Wand und kann mich nicht wehren. „Du dummer kleiner Idiot, du entkommst  mir doch nicht! Ich bin doch viel schneller als du. So, jetzt lass ich dich hier einfach verhungern.“ Nach einer Ewigkeit zog er mich wieder herein. Ich zitterte vor Angst. Danach kam das übliche, das was immer war, wenn wir alleine waren. Diesmal war ihm nach Bett zumute. Nun ja, was soll’s. Vielleicht klappt’s beim nächsten Mal.

Ich wusste es doch, wenn ich um diese Zeit Hunger habe, dann ist es kurz vor Vier und R. kommt nach Hause. Dummer Hunger. Ich hoffe nur, er ist bald fertig. Dann kommt Mutti auch wieder und ich habe meine Ruhe und krieg endlich was zu Essen. Scheiß Hunger!

24.9.2003

Sascha Michael

Einiges habe ich frei dazu gedichtet. Die Flucht ist wahr, das Fenster und mein Sprung. Auch das er mich festhielt. Die Uhrzeit stimmt. Es geschah immer am hellen Tag. Und das anschließende ist auch wahr. Ob ich so dachte, weiß ich nicht mehr. Aber was soll man als kleines Kind denken, wenn so etwas geschieht? Es ist nur eine von vielen Erinnerungen. Es ist eine relativ harmlose. Ach ja, die Holzklötzchen und der Bär, das sind auch Erinnerungen, die jetzt erst zurück kamen, die Bauklötze standen bildhaft beim Schreiben vor mir und mein alter Teddy, ich hab ihn sogar gerochen!

Nachtrag vom 4.10.2003

Inzwischen ist mir klar geworden, dass eigentlich gar nicht soviel von mir dazu gekommen ist. Die Geschichte hat mir mein inneres Kind in die Feder diktiert, scheint mir. Also habe ich sie nur noch mit einigem Wenigen ausgeschmückt. Sie entspricht genau den Gefühlen, die in mir damals vorgegangen sein müssten.

 

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