Texte
Finstere Zeiten

Satanas, was hast du dir da ausgedacht?
Gedanken meiner inneren Kinder über ihr Leben all die Jahre in mir


Satanas, was hast du dir da ausgedacht? Ein tiefes Loch hast du gegraben, ein Loch, tiefer als die Erde, tiefer, als mein Geist es erfassen kann. Satanas, warum hast du so etwas getan, hat dich der kleine Junge so fasziniert? Ich konnte noch nicht Laufen, da hast du schon deine schwarzen Krallen ausgestreckt nach mir. Du zogst mich hinab in jenes dunkle Loch, in jenen Abgrund der so tief, der so dunkel, dass die finsterste Nacht wie ein helllichter Tag dagegen ist. Satanas, ich glaub, dir graut selbst vor den Schergen, die du dir da angeheuert, um jene Teufeleien auszuführen, die ich erleben musste. Dort lag ich nun in deiner Grube, versuchte von tief drunten den Himmel zu sehen. Ein winziger Punkt war es nur, wie ein kleiner Stern am nächtlichen Himmel. Mehr war mir nicht mehr geblieben. Da lag ich nun all die Jahre, gefesselt von deinen Schergen, gefesselt von Taten, die ich nie verstehen kann. Teuflisch waren deine Ansinnen, perfekt deine Helfer. Sie vollbrachten jenes, was du ihnen geheißen, mit eiskalter Präzision. 

Die Jahre vergingen, ich lag da und starrt nicht mehr gen Himmel. Ich gewöhnt mich an das Dunkel um mich, lernte damit zu leben. Satanas, du hast wohl nie gedacht, dass ich es schaffe, jenes zu erkennen? Gründlich war dein Plan, fast perfekt die Ausführung. Was soll ein Knabe von 2 Monaten auch machen, wenn du ihn so quälst? Wie will er sich wehren dagegen? Das hattest du sicher nicht erwartet. Dein Gegenspieler hatte Geduld. Es gab mir etwas mit. Schon vor der Geburt hatte ich es in mir, das, was mich überleben ließ. Bei aller Perfektion, dass hattest du übersehen. Im hintersten Winkel meines Geistes, den du zerstören wolltest, da gab es einen winzigen Fleck, ein Ort, ein Hort, den du nie erreichen konntest. Dort lebte ich weiter, ohne dass ich es selber merkte. Du spürtest wohl, dass es noch nicht ganz so war, wie du wolltest. Nach dem ersten Helfer kam ein zweiter, dann ein dritter. Wohlfein hattest du geplant. Altersangepasst könnte man sagen. Der Dritte sollte nur das Werk der anderen Beiden abschließen, den Deckel über das verschließen, was von mir noch übrig. Dazu brauchte er nur wenig, seinen Lohn hat er längst bekommen. Der Zweite war deiner sehr würdig. In nur 6 Wochen überflügelte er die Taten des Ersten. 6 Jahre hast du mich in Sicherheit gewogen. Hast gewartet auf den richtigen Moment. Um dann noch gnadenloser zuzuschlagen. Grausam war sein Handeln. Punkt für Punkt erfüllte er deinen Plan. Unentdeckt nutzte er jede Chance, zerstörte alles, was noch übrig war in mir. Und wieder war es jener Hort, der mich aufnahm, der mich schützte. Er war so tief in mir, dass auch er ihn nicht erreichte. Ich baute eine hohe Mauer drum herum, verschloss alle Öffnungen, damit niemand sie je erreichen konnte. Dort harrte ich aus, für lange Jahre. Ab und zu bohrte ich eine winzige Öffnung in das Bollwerk, wollte sehen, was die Zeit mir brachte. Immer und immer wieder verschloss ich sie sofort. Meine Zeit war noch nicht gekommen. Geduldig harrte ich dort aus. Zusammen mit meinen Brüdern, die ich um mich versammelt in der Zeit der Finsternis, die sich zu mir gerettet hatten in jenen schlimmen Tagen. 

Dunkel war es all die Jahre, Regen fiel auf uns herab. Selten sahen wir jenen Punkt vom Himmel, der uns geblieben. Hättest du es gewusst, Satanas, du hättest auch ihn verschlossen. Jahr um Jahr verging. Unser Hoffen auf Besserung wurde immer schwächer. Zu sechst saßen wir zusammen, von den Mauern dicht bedrängt. Wir klagten nicht, warum auch, es hatte doch keinen Sinn. Ab und zu weinten die Jüngsten. Ängstlich kuschelten sie sich an uns Ältere. Doch wussten wir auch keine Rat, nur Geduld, so sagten wir, dann kommt auch unser Tag, an dem wir den weiten Himmel wieder sehen, auf weiten Wiesen spielen können und nicht mehr hier im Dunkeln hocken, auf regennassen Steinen, die Böse Menschen uns gelassen. Nur glaubten wir selber kaum daran. Ja, Satanas, dein Werk schien vollkommen. 

Vielleicht hattest du es auch gewusst, dass wir hier saßen. Hast dich an unserem Kummer erfreut? Oder hattest du selber Angst davor, dass wir es doch eines Tages schaffen den Weg hinaus ins Licht zu finden? Und es kam der Tag, an dem unsere Erde bebte, das Bollwerk Risse bekam. Satanas, das hattest du nicht erwartet. Eine weitere Quälerei war dir eingefallen. Du nahmst uns unsere Wächterin, die solange uns beschützt von Außen. Es sollte die Krönung deines Werkes werden. Es war dein Untergang! Damit begann die Reise ins Licht für uns. Du spürtest deine Niederlage, versuchtest deinen Fehler zu korrigieren. Es war zu spät. Wir waren schon auf dem Weg nach oben, als du deinen nächsten Schachzug machtest. Doch auch der ging schief. Du wolltest uns des letzten Haltes berauben. Versuchtest uns wieder in die Hölle zurückzuschicken, in der wir solange ausgeharrt. Aber viele hielten die Leiter, auf der wir nun standen. Unaufhaltsam strebten wir nach oben, der Jüngste allen voran. Schon spürten wir die Frühlingsluft, die wir all die Jahre so vermisst, waren von dem Licht geblendet, dass uns nun entgegenkam. Mit letzter Kraft erreichten wir unser Ziel. Nach und nach erklommen wir den steilen Weg nach oben, ließen uns jetzt Zeit. Wir wussten, du warst besiegt für alle Ewigkeit. 

Satanas, wir hören dich noch von ferne, hören wie du tobst. Gib es zu! Du hast verloren. All deine grausigen Pläne, all die Taten, die deine Schergen ausgeführt, sie liegen nun wieder offen vor allen da, zeigen auf, wie schändlich du warst. Eine armselige Kreatur, zu Recht verbannt in der Hölle, aus der ich kam. Nimm deine Schergen, nimm all deine finsteren Gedanken und lass dich nie wieder hier blicken. Wir sind nun wieder an der Sonne, sitzen auf der großen Wiese, dort wo einst unser Bollwerk stand, das sprießen nun bunte Blumen, fällt ab und zu ein warmer Sommerregen. Nun könne wir wieder lachen, können uns erfreuen, sehen auf das Morgen und werden dich vergessen, für alle Zeit. 

Michael Sascha – 23.8.2004 

(C) jetzt.trotz-allem.org 2004