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Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott
und die Welt |
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Jahreswechsel 2005/2006 |
Ein Jahreswechsel wie jeder andere? Mir kommt es vor, als
wenn es gestern war, dass ich vor Schmerzen gekrümmt am
Boden lag. Ist es wirklich nun schon wieder über ein Jahr
her, dass ich nicht mehr daran glaubte, den nächsten Tag zu
erleben?
Heute Mittag stiegen Bilder in mir auf. Bilder aus 2003,
2004. Ich musste wieder an jenen Tag denken, an dem die
Erinnerung endgültig zurückkam. Diesmal beschäftigten mich
nicht die Erinnerungen aus meiner Kindheit. Ich musste daran
denken, wie es mir ging in diesen Wochen und Monaten. Wie
ich mich verhalten habe. Wie ich mich immer mehr von der
Realität entfernte und in diesen Strudel aus Missbrauch und
Gewalt versank, der mich zu zerstören drohte. Ich sah mich
wieder am Boden kauern, zitternd vor Angst, alleine, mir war
kalt. Oder ich lag im Bett, zusammengekrümmt, den Kopf unter
der Decke, damit man meine Schreie nicht hört. Ich ging
immer seltener vor die Tür. Und wenn begleiteten mich
Ängste, ich erledigte alles im Eiltempo. Und ich war mehr
als erleichtert, wenn die Tür wieder ins Schloss fiel und
ich im Haus war.
Was tat ich damals eigentlich den ganzen Tag? Wenn mich
nicht gerade ein Flash von den Beinen holte schrieb ich um
mein Leben. Ich schrieb zu der Zeit in fast 20 Foren. Und in
jeder Zeile konnte man lesen, wie es mir ging. Ab und zu
rief jemand an. Am Anfang war es noch so, dass ich anrief,
immer wieder. Irgendwann stellte ich das so gut wie ein. Ich
wollte niemanden zur Last fallen. Nur wenn es anders nicht
mehr ging, rief ich um Hilfe. So vergingen die Tage und
Nächte. Schlaf wurde fast zu einem Fremdwort. Ich wusste ja,
wenn ich die Augen zu mache, kommen die Bilder. Und es
wurden ja immer mehr.
Wo war ich 2003/04 zum Jahreswechsel? Ich war in Berlin. Für
14 Tage war ich in der Stadt. Damals machte ich noch
bestimmte Bilder in 3D. Zur Zeit komme ich nicht dazu. Ich
werde mich aber irgendwann wieder drum kümmern. Ich war in
Berlin, um den Jahreswechsel mit meinen Verwandten zu
erleben. Und dann sollte im Januar meine Ausstellung
eröffnet werden. Um Mitternacht habe ich dann nur noch
denken können: Du verdammtes Jahr! Bist nun endlich zu Ende?
Ja! Und ich fasste wieder Mut. In ein paar Tagen sollte die
Ausstellung sein und ich würde hoffentlich ein schönes
Erlebnis mit nach Hause nehmen. Und so kam es denn auch. Der
Abend war super. Obwohl es ausgerechnet an diesem Abend
schneite war das Künstlerlokal voll bis an den Rand. Es
wurde ein Abend, den ich so schnell nicht vergessen werde.
Ich bekam viel Lob, auch von sicherlich sehr guten
Künstlern. Diese kleine Künstlergemeinde waren alles
begeistert.
Na ja, an den nächsten Tagen spürte ich es dann. Da war es
wieder, jenes ungute Gefühl in mir, dass mich immer dann
beschlich, wenn neues nach oben kam. Es dauerte ja dann auch
nicht mehr lange, bis zu Ende des Monats. Da kam der total
Zusammenbruch. Seit Mitte Dezember war Ruhe eingekehrt. Auch
die Flashs hatten nachgelassen. Es war die Ruhe vor dem
Sturm, besser gesagt vor dem Orkan. Der Februar war noch
schlimmer. Ich war kurz davor, völlig durchzudrehen. Es war
einfach zuviel nach oben gekommen. Im Grunde fand das ganze
erst vor ca. 2 Monaten seinen Abschluss. In dem letzten
Flash, den ich hatte, sah ich Bilder von dem, was mir mit
ca. 6 Monaten passierte, was dieses Monster mit mir, seinem
kleinen Bruder, auf dem Wickeltisch machte. Solange
brauchten diese extrem verschütteten Bilder, bis sie nach
oben kamen. Es waren nicht viele, nur so ein kurzes
Aufflackern und das Gefühl, wie in mir etwas zerbrach. Und
das war ich selber, meine Seele. Hier wurde der Grundstein
für mein späteres Verhalten gelegt.
Nun haben wir 2006. Wieder ist ein Jahr vorbei. Ein Jahr, in
dem es endlich aufwärts ging. Ein Jahr, in dem mich die
Erinnerungen lange nicht mehr so quälten wie noch das Jahr
davor. Es werden noch viele Jahre ins Land gehen müssen,
damit ich an jene Tage und Nächte ohne zu zittern
zurückdenken kann. Damals, als ich Kind war, hat er mich
fast zerstört, ein andere setzte sein elendes finsteres Werk
mit gleicher Brutalität fort. Viele Jahre später hätte es
mich fast noch mal zerstört.
Grausame Erinnerungen an Folter, Missbrauch, Schläge,
versuchten Totschlag, grausamer Misshandlungen, sie werden
mich noch lange verfolgen. Aber sie werden es immer schwerer
haben, mich einzuholen. Es ist ihnen heute schon fast
unmöglich geworden. Und mit jedem Tag, den ich mich weiter
von ihnen entferne, kommen die Täter ihrem eigenen Untergang
näher. Warum? Weil ich stärker werde. Und ohne dass ich
etwas tue, was sie direkt betrifft, werden sie es spüren.
Einer liegt schon unter der Erde und ist vergessen. Der
erste lebt noch. Es geht ihm schlecht. Auch ihn holt wohl
die Vergangenheit ein. Vom mittleren weiß ich nichts. Wenn
er aber so weiter gemacht hat, wird man ihn erwischt haben.
Vielleicht ist er auch schon längst vergangen. Mir soll das
egal sein, Hauptsache er quält keine kleinen Jungs mehr. Er
müsste so 53 rum sein, wenn er noch lebt. So wie er war, ist
er vielleicht in der harten Homoszene gelandet. Vielleicht
hat er Drogen genommen. Hmm, schöne Vorstellung. Und
vielleicht haben ihn dann die Drogen den Rest gegeben.
Friede seiner Asche, nicht seiner Seele. Sorry.
Heute bin ich 46 Jahre alt. Bald bin ich 47. Wenn ich in den
Spiegel schaue, sehe ich in mir auch wieder jenen kleinen
Jungen von damals. Er war ein Kämpfer. Und er ist immer noch
da. Ach ja, und ein kleiner Schelm ist er auch. Und das gibt
mir die Hoffnung zurück. Und es wird ein gutes Jahr 2006,
und ich würde euch gerne mitnehmen in dieses neue Jahr.
Dezember 2005 |
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(C)
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