



































































|
Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott
und die Welt |
 |
| |
 |
|
|

|
|
Eine andere Form der Folgen |
Viele Gedanken, die ich in meinem Kopf so trage, Gedanken
die ich jeden Tag habe, die ich wohl auch mit in die Nacht
nehme, mit in meine Träume hinein. Was habe ich früher
getan? Was gingen da für Gedanken in meinem Kopf so ab? Ich
weiß, dass ich schon immer ein Mensch war, der sich viele
Gedanken machte. Gut, wie ein normaler Mann dachte und denke
ich auch an sexuelle Dinge. Aber nicht nur, wie man uns
Männern gerne mal unterstellt. Da gibt es noch vieles
anderes, was mich immer bewegte. Ich war auch ein
neugieriger Mensch, wollte wissen, was was ist. Nur spüre
ich, dass vor dem Tag X meine Gedanken grundsätzlich anders
waren. Es gab immer ein Teil, der war ausgeblendet. Das war
ich selber. Das höchste, was erlaubt, waren die rudimentären
Bedürfnisse, Hunger, Durst, Müdigkeit und bedingt
Sexualität.
Aber wer ich bin, was ich bin, was ich will, alles das gab
es nicht. Viele Gefühle gab es nur in einer abgespeckten
Form oder fast gar nicht. Wenn war alles gedämpft, ist es
zum Teil heute noch. Viele legten das als eine Form der
Stärke aus. Weil mich kaum was erschütterte. Es gab auch
schon Vorwürfe, dass ich ein Ignorant wäre. Ja, ich
ignorierte einiges, vor allem mich und meine Gefühle. Sie
durften nicht sein. Denn wer A sagt muss auch B sagen. Mit
dem Zulassen der Gefühle hätte es auch gehießen vieles zu
hinterfragen. Nach und nach wäre ich dann sehr schnell
darauf gekommen, das was nicht stimmen kann. Und ich wäre
sicherlich auch über andere Dinge gestolpert, die einfach im
Grunde offensichtlich waren. Nur habe ich wie ein
Farbenblinder nur die Hälfte oder noch nicht einmal gesehen.
Und wieder kommt da meine Mutter, aber auch mein Vater ins
Spiel.
Denn ich frage mich, was haben die gesehen? Sicher, jedes
Kind entwickelt sich schon ein wenig anders. Aber irgendwo
gibt es doch Ähnlichkeiten in der Entwicklung. Irgendwann
fällt da doch was auf? Heute weiß ich, dass sie Beide es
wussten. Erst hatte ich noch gedacht, dass meine Mutter es
ihm nie erzählt hatte. Aber das stimmt so nicht. Es gibt zu
viele Indizien, die dagegen sprechen. Sie sprechen alle eine
deutliche Sprache.
Seit wann habe ich meine Wutanfälle? Schon ewig. Genau
genommen könnte ich es jetzt gar nicht sagen, wann sie
begannen. Aber ich habe Hinweise. Denn eines übersah meine
Mutter schon. Sie erzählte oft Dinge, die sie selber wohl
nicht in den tatsächlichen Zusammenhängen sah. Die
Wutanfälle gehörten dazu. Freimütig erzählte sie davon.
Darum weiß ich, dass ich sie schon früh hatte. Spätestens
mit 2 Jahren müssen sie eingesetzt haben. Sie wurden
ignoriert und die Ursache nie gesucht. Ich muss ihnen zu
gute halten, dass zu der Zeit so richtig keiner wusste, wie
sich SMB auswirkte. Die Forschung steckte zu der Zeit noch
nicht einmal in den Kinderschuhen, es gab sie einfach noch
nicht.
Viele Handlungen, viele Bemerkungen wiesen immer wieder
darauf hin. Es mögen auch Berührungsängste dabei gewesen
sein. Sie war ja immer der Ansicht, es wäre besser ja nicht
daran zu rütteln. Ich will mal explizit einige wenige
Indizien herausgreifen.
Ich war ca. 20 Jahre alt. Ich hatte mir irgendwas am Po
eingefangen. Es tat weh und wie es meine Art war, ich wollte
es niemanden zeigen. Für mich war alles sehr peinlich, vor
allem wenn es unter die Gürtellinie ging. Also nahm ich mir
ein Spiegel und versuchte was zu erkennen. Es war ein etwas
größerer Spiegel. Es war wohl ein kleines Furunkel. Sehr
unangenehm. Ich ließ den Spiegel in der Nähe des Bettes
stehen. Mein Vater sah das und machte eine sehr seltsame
Bemerkung. Ich war überhaupt nicht gewohnt, dass er in
solche Richtungen denkt. Damals war ich nur baff. Ich konnte
nichts sagen, ich verstand auch gar nicht so richtig, was er
meinte. Ob mich wohl mein Arsch so interessieren würde, dass
ich einen Spiegel bräuchte? Ich verstand wirklich nicht
ganz, was er meinte. Und auch die seltsame Art, wie er es
vorbrachte und dann fast sofort verschwand. Heute weiß ich
es.
Irgendwann vor einigen Jahren mittlerweile kamen wir, meine
Mutter und ich, durch einen TV-Beitrag auf das Thema Inzest.
Unbekümmert überlegte ich, ob es auch dann Inzest wäre, wenn
es Brüder miteinander tun. Ich überlegte das denn laut. Sie
sprang fast auf, wie von einer Tarantel getroffen. Sicher
wäre das auch Inzest, was ich denn da denken würde. Das ist
immer Inzest! Sie war richtig wütend über meine Überlegung.
Warum dürfte heute klar sein.
Ein weiteres Thema dürfte die nie erfolgte Aufklärung sein.
Dies ist zwar nicht unbedingt ungewöhnlich, aber eine Frau,
die im weltoffenen Berlin der 20er und 30er Jahre aufwuchs
dürfte da schon ein wenig weiter gewesen sein. Das Thema Sex
war auch nie Thema bei uns zu Hause. Es wurde mehr oder
weniger tot geschwiegen. Nur einmal, auch erst vor einigen
Jahren, sprach sie in einem schwachen Moment über ihren
Missbrauch durch den Stiefvater. Das waren höchstens 5
Minuten, die sie sich erlaubte.
Auch gab es einige Reaktionen gegenüber dem Ältesten. Es
herrschte sicherlich ein rauer Ton, nach dem sie ihn
erwischt hatte. Diese weiß ich vom 2. ältesten, der damals
15 Jahre alt war. Und damit komme ich auf das Thema, auf
dass ich hinaus wollte. Da ich immer noch sehr viele
Erinnerungslücken habe, muss ich mich da auch zum Teil auf
die Erinnerungen anderer Verlassen.
In der Überschrift sage ich andere Folgen. Ich meine jene
Folgen, die mich nicht direkt betreffen als Mensch, die sich
aber sehr auf mein Leben auswirkten. Nach und nach bin ich
hinter einiges gestiegen. Sicher kann es sein, dass hier
auch reine Vermutungen zum Tragen kommen, die ich nie
beweisen kann, aber auch nicht will. Es geht mir um die
Reaktionen von meinen Eltern und dem Umfeld.
1959 wurde ich geboren, noch in der DDR. Wir lebten damals
in einer kleinen Eigentumswohnung in Berlin. So wie ich es
heute sehe, spitzte sich die Situation laufend zu. Gerade
meine Mutter war es gewohnt, frei zu denken. Daneben sahen
sie wohl, dass es immer schwerer sein würde, 5 Kinder
ordentlich unter den Wirtschaftsverhältnissen großzuziehen
und dabei auch so zu erziehen, wie es ihrem Denken
entsprach. Die Mauer wurde später erst gebaut. Daneben
hatten wir auch einige Verwandt im Westen, Onkel, Tanten
usw. Eine Schwester meines Vaters lebte sogar in Kanada. Und
mir deren Kindern waren meine Eltern stark verbunden. Denn
die Tante war die älteste Schwester meines Vaters und deren
Kinder waren fast in dem Alter meiner Eltern. Also wussten
sie, was auf sie zukommt, wenn sie mit uns flüchten würden.
Die Planung sah so aus, dass wir erst mal in die BRD
übersiedeln sollten. Dies galt aber nur als Zwischenstopp.
Meine Cousins wollten dann alles Regeln für eine baldige
Übersiedlung nach Kanada. Dort würden Männer wie mein Vater
gesucht und würden gut bezahlt. Alles in allem gute
Aussichten. Also wagten sie die Flucht. 1961 im Frühjahr
kamen wir in Friedland an. Von da aus ging es weiter. Die
eigentliche Flucht fand übrigens mit der S-Bahn statt.
Damals war es nicht ungewöhnlich, mit der S-Bahn quer durch
Berlin zu fahren. Erst die Mauer trennte beide Stadthälften.
Von da aus ging es dann weiter in 2 andere Auffanglager und
dann in jenen kleine Ort in jede Wohnung, in der soviel
passierte. Es muss 1962 gewesen sein, im Sommer laut der
Erzählung, als sie ihn mitten in der Vergewaltigung
erwischte. Und damit muss sehr viel ausgelöst worden sein.
Denn ich denke heute, er zerstörte nicht nur mich direkt. Er
und sein Handeln, war Auslöser für viele Dinge. So auch für
die schwere Erkrankung meiner Mutter um 1963 rum. Erst
kürzlich erfuhr ich in einem Bericht, das eine
Zuckererkrankung sehr oft durch psychische Belastungen
ausgelöst werden können. Und sie erkrankte damals sehr
schwer an Zucker. So schwer, dass sie in eine Klinik musste
und wir Kinder zu Pflegeeltern kamen. Kein Wunder, denn der
Anblick muss ein Schock gewesen sein und in ihr auch ein
Trauma ausgelöst haben. Was muss eine Mutter denken, die
einer solchen Situation gegenüber steht. Und das 1962. Da
gab es keinerlei Hilfe, da gab es noch nicht einmal diese
Form des Missbrauchs. Damit tun sich die Menschen ja bis
heute schwer.
Es folgten sicher viele Reaktionen. Er floh, sie versuchten
ihn zurückzuholen, was ihnen einmal gelang. Der 2. Versuch
war erfolgreicher zum Glück für mich und er war erstmal weg.
Sie hatten sicherlich auch dafür gesorgt, dass niemand mehr
mit mir alleine war. Ab sofort musste ich mit, wenn sie das
Haus verließ. Und sicher achtete sie auf sehr vieles. Und es
dürfte auch zu negativen Reaktionen gegenüber den anderen
Söhnen geführt haben. Insgesamt begann sie, die Familie
abzuschotten. Besuche waren sehr unerwünscht. Es gab sie
zwar schon, aber selten. In späteren Jahren hatte ich (mit
15 rum) mal Besuch, aber auch das waren Ausnahmen. Davor war
ich ab und zu selber bei einem ein Jahr jüngeren ab und zu.
Mit deren Mutter war meine Mutter befreundet. Darum durfte
ich wohl dahin. Aber ich weiß noch, wie schon damals meine
Unfähigkeit mit anderen zu spielen sich auswirkte du ich gar
nicht so gerne dahinging. Oft war ich nicht da. Vielleicht 5
oder 6 mal im Jahr. Ich war lieber alleine, hing meinen
Gedanken nach oder las.
Sie konnte natürlich auch nicht arbeiten gehen. Ich weiß aus
ihren Erzählungen, dass sie das gerne gewollt hätte. Nur
unter der Situation ging es nicht mehr. Zum einen kam ihr
ihre Erkrankung dazwischen (angeblich) und zum anderen
traute sie sich wohl nicht mehr, mich alleine zu lassen. In
wie weit das auch meine anderen Brüder betraf, die ja zu der
zeit auch noch sehr jung waren, weiß ich nicht. Des Weiteren
gaben sie wohl auch damals die Kanada-Pläne auf. Mehrere
Gründe sprachen wohl dagegen. Ob auch die Ferne zu ihrem
ältesten Sohn eine Rolle spielte, weiß ich nicht. Es könnte
aber in die Überlegung mit eingeflossen sein.
Somit veränderte sich schon einiges durch seine Tat. Was
dann auch noch forciert wurde (latent war es schon vorher
da) war der Alkoholismus meines Vaters. Da ihm nun nichts
anders übrig bleib, als alleine die Familie zu ernähren,
musst er auf Montage. Er als Familienmensch tat sich sicher
sehr schwer. Um dem zu entfliehen trank er immer mehr. Wie
viel er trank in den Jahren kann man nur ahnen. Schätzungen
meinerseits gehen von mindestens einer Flasche Schnaps pro
Tag aus. Es kann aber auch mehr gewesen sein. Ich kenne ihn
bewusst kaum anders als betrunken. Er kam nie wieder los
davon.
Die Ängste meiner Mutter, ausgelöst auch durch seinen
Alkoholismus und durch die Trennungen, führten dann zu dem
seelischen Missbrauch von mir. Ich überlebte ihn gerade so.
So führte eines zum anderen, alles ausgelöst durch ihn.
Vieles hätte anders aussehen können, hätte anders laufen
können. In späten Jahren, nach dem mein Vater schon lange
unter der Erde war, fing sie wieder an zu reisen, blühte
förmlich auf. Mit 75 ritt sie auf einem Kamel durch
Tunesien. Ich gönne es ihr. Ich hätte mir und meinen „guten“
Brüdern aber auch einige gegönnt. Wir badeten einiges mit
aus. So war meine Eltern kaum in der Lage, die Probleme der
älteren durch die neue Umgebung (Schule ect.) zu erkennen
und aufzufangen. Besonders die beiden anderen jüngern müssen
sehr gekämpft haben. Ich selber konnte das nicht so
mitbekommen. Ich hatte in der Schule kaum noch Probleme mit
dem Umfeld. Allerdings hatte ich einige rein schulische
Probleme durch dem MB. Eine ganze zeit lang waren meine
Leistungen alles andere als gut. Auch da konnte keiner
erkennen, oder doch?
Neben allen Folgen, die mich selber betrafen, wie das SVV,
mein allgemeines Verhalten, meine extreme Scham, meine
seltsam verkehrte Gefühlswelt usw. kamen solche Dinge auch
dazu.
Und so ganz nebenbei stand immer eine Mauer und steht auch
heute noch eine Mauer zwischen mir und meiner Mutter. 2003
verstarb sie. Am 31.5.2003 war ich das letzte mal an ihrem
Grab. Ich legte eine Rose nieder. Es kann sein, dass es die
letzte war. Ich weiß es nicht. Zur Zeit schaffe ich es
nicht. Sie war auch Opfer. Aber in ihrer Hilflosigkeit auch
Täterin.
Und indirekt hat es der Täter, der sich mein Bruder
schimpft, auch das zu verantworten.
Und sie selber hat nie Ruhe gefunden. Immer wusste sie wohl,
dass es da eine Schuld gibt. Sie hinterließ mir, ihrem
jüngsten Sohn, spuren. Sie erzählte es anderen, wie ich
heute weiß wussten es mindestens 6 weitere Menschen außer
meinen Eltern und dem Täter. Nur einer wusste es nie, ich...
10.3.2006 Sascha
|
|
|
|
 |
|
(C)
jetzt.trotz-allem.org 2006 |
|
|