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Ich bin auf der Rückfahrt von der Arbeit. Mein
Blick fällt aus dem Zugfenster auf eine Hauptstraße, die
überfüllt ist mit Fahrzeugen. Jeden Tag sind sie unterwegs,
auf der ganzen Welt. Alle und alles bewegt sich. In meinem
Kopf fängt es an zu arbeiten, meine Gedanken rotieren und
ich überlege, wie es kommt, dass sich alles bewegt, bewegen
kann.
Und ich denke daran, dass sich alles bewegt, nicht nur das
was wir offensichtlich sehen. Die Erde dreht sich, die Erde
bewegt sich um die Sonne, unser Sonnensystem dreht sich, die
Galaxie bewegt sich, alles ist immer in Bewegung. Aber auch
das Kleine bewegt sich, die Elektronen um die Atomkerne, die
Quarks in den Kernteilchen und wahrscheinlich weitere, noch
kleinere Gebilde in den Quarks, die Strings, die sich seit
endlosen Zeiten sich drehen und bewegen.
Wir Menschen nutzen diese Bewegung, um uns individuell
fortzubewegen. Und das oft in stinkenden Benzin-Kutschen,
ohne Rücksicht auf das, was uns umgibt, die Umwelt. Und dann
denke ich daran, womit all das begann:
Es geschah vor sehr langer Zeit. Es war der 24.5. 13,5
Milliarden Jahre vor Christi Geburt um
17:10:10:0123456798756. Nach dem es schon ewig gut gegangen
war geschah es. Der Raum in dem es passierte, war so winzig,
dass wir heutigen Menschen uns es nicht vorstellen können.
Es geschah in einem Raum, der kleiner war, als alles, was es
heute gibt, kleiner als die Strings. Es war ein einziger
Quant, der aus der Reihe tanzte. Dieses Quant ist schuld
daran, dass wir heute mit diesen stinkenden Benzin-Kutschen
auf diesen Asphaltbahnen die Welt bevölkern. Ohne dieses
Ereignis gäbe es all das nicht, kein Benzin, keine Autos,
kein Asphalt, kein Mensch, keine Erde, keine Sonne und kein
Universum. Und ich würde mir nicht diese Gedanken machen.
In jenem Moment, damals vor 13,5 Milliarden Jahren versank
dieses Quant nicht noch mal und wurde sofort vernichtet, es
explodierte förmlich und setzte eine Kettenreaktion in Gang.
Innerhalb nur einer einzigen 1/1.000.000 Sekunde entschied
sich alles, generierte das Nichts, das schon immer da war,
eine unzählige Anzahl von Quanten, die vor Energie
strotzten. Der Urknall setzte eine Energie frei, die mit
kaum einer Zahl auszudrücken ist. Und vom ersten Moment an
begann alles sich zu bewegen. Es dehnte sich aus, was da aus
einer einzigen winzigen Unregelmäßigkeit entstanden war.
Nach einer 1/1000 Sekunde bereits bildeten sich die Strings
voll aus. Alles, was später da sein sollte, war in diesem
kurzen Zeitraum schon da, noch beschränkt auf einem sehr
kleinen Raum. Noch mit fast Lichtgeschwindigkeit entfernte
sich alles voneinander. Kaum eine Stunde nach der Geburt
bildeten sich die ersten größeren Gebilde und es kam zu den
nächsten Unregelmäßigkeiten. Keiner weiß genau bis heute,
warum dies passierte. String um String fand zueinander und
bildete neue Teilchen aus. Manche zerfielen sofort wieder,
andere haben bis heute Bestand. Die enorme Temperatur begann
schnell zu sinken. Das was da entstanden war, begann zu
kondensieren. Aber immer noch hatte es diesen
Bewegungsimpuls vom Anbeginn von Allem in sich.
Mein Zug fährt in den nächsten Bahnhof. Ich blicke mich um,
sehe die Menschen, die Gebäude. Die Menschen eilen dahin,
jeder hat sein eigenes Ziel, lebt davon, dass er sich in
seinem kleinen Bereich bewegen kann. Er geht, er fährt. Auch
die Häuser, so fest sie zu stehen scheinen, sind aus der
Bewegung entstanden. Alles, was sie heute ausmacht, musste
bewegt werden. Der Beton, die Steine, die Fenster, die
Türen. Alles war in Bewegung, wurde aus vielen Orten unserer
Welt zusammengetragen, transportiert. Die Rohstoffe kamen
aus allen Ecken der Welt, mussten aufbereitet werden, wurden
zu dem, was sie als Baustoff ausmacht. Glas, Farben, Ziegel,
immer wieder wurde es bewegt. Und das Haus, das da so fest
zustehen schein, bewegt sich. Es steht auf beweglichen
Erdschichten, auf den Kontinentalplatten, die sich seit
ewigen Zeiten bewegen. Und zusammen mit der Erde bewegt sich
alles durch unser Universum. Mit allem, was darauf ist,
bewegt sich die Erde. Ohne diese Bewegung würden wir nicht
leben. Alles bewegt sich, weil damals ein Quant aus der
Reihe tanzte.
Immer weiter entfernten sich die Teilchen, fingen an,
größere, komplexere Strukturen auszubilden. Nach und nach
entstanden schon kurz nach dem Urknall die ersten Elemente
aus diesem Urnebel. Noch war die Temperatur enorm. Millionen
Grad heiß war alles. Unaufhaltsam sank aber diese
Temperatur. Und die immer noch enorme Bewegung und Nähe der
Urteilchen ließ diese zusammenstoßen und sich vereinen. Der
Wasserstoff entstand. Auch Helium bildete sich. Immer wieder
stießen die Teilchen bei ihrer Flucht vom Ausgangspunkt
zusammen. Nach vielen Jahren entstanden erste größere
Gebilde. Durch eine Eigenart, die der Abneigung der Teilchen
entgegenwirkte, fanden die Teilchen zusammen und bildeten
große Gasansammlungen. Und wenn diese groß genug wurden kam
es zu einem Prozess, der sie noch weiter zusammenrücken
ließ. Die heute als Kernfusion bezeichneten Vorgänge ließen
schwerere Elemente entstehen. Und das alles, weil sich alles
bewegt. Denn ohne Bewegung wäre es dazu nicht gekommen. Noch
war das Universum noch nicht so groß wie heute. Aber immer
mehr dehnte es sich aus. Bis heute dehnt es sich immer
weiter aus.
Ich schaue aus dem Fenster, die Landschaft eilt an mir
vorbei. Bäume, Wiesen, Felder. Hier und dort eine Straße,
Autos, LKW. Ich schaue auf die Uhr. Bald bin ich an meinem
Ziel. Dabei fällt mir auf, dass auch die Zeit sich bewegt
seit damals. Plötzlich war sie da, die Zeit. Erst nach dem
da etwas war, ein einziges Quant, das blieb und nicht noch
mal versank, bewegt sich die Zeit. Unsere Wissenschaft
bezeichnet unser Universum als "entropisch". Aus dem
Anfänglich noch geordnetem Zustand entstand ein immer größer
werdendes Chaos. Das nennt man Entropie. Egal was passiert
im Universum, das Chaos nimmt immer mehr Raum ein. Nichts
kann wohl diesen Prozess ändern. Solange dieser anhält,
bewegt sich die Zeit nach vorne. Kein Wissenschaftler kann
uns allerdings eine Antwort darauf geben, ob das immer so
sein wird. Vielleicht ist irgendwann diese Anfängliche
Bewegung zu Ende, reicht sie nicht mehr aus, um das Chaos
immer noch zu vergrößern. Dann würde die Zeit rückwärts
laufen und ich würde nie an mein Ziel ankommen. Gut, dass es
keiner weiß. Ich lebe mitten in dieser allumfassenden
Bewegung, auch in der Bewegung der Zeit nach vorne.
Zeit ist also auch ein Teil dieser Bewegung. Auch diese
ersten Sonnen, die aus der Ursuppe entstanden, sind ein
Bestandteil des zunehmenden Chaos. Durch die heftigen
Reaktionen des Wasserstoffes bei der Fusion entstanden neue
Elemente. Diese ersten Sonnen waren riesig. Sie sammelten
sich in den ersten Sternenanhäufungen, bildeten Galaxien,
die sich drehten, weil auch sie in Bewegung bleiben mussten.
Der Impuls war so stark, dass sie auch wieder oft
auseinanderbrachen. Die ersten Sonnen gerieten in so heftige
Bewegungen, waren so massiv, dass sie schnell allen
Wasserstoff in sich verbrannten. Es entstand soviel
Bewegungsenergie, dass die Sterne nicht mehr zusammenhalten
konnten. Sie explodierten, wurden zu Supernovae. Dabei
presste die Explosion die Atome dermaßen zusammen, dass
schwere Elemente entstehen konnten. Diese Ursonnen waren die
Brutöfen, die aus Bewegungsenergie alle die uns bekannten
Elemente entstehen ließen. Aber auch die ersten extremen
Schwerkraftquellen entstanden dabei. Heute bezweifelt
niemand mehr ihre Existenz. Es sind die schwarzen Löcher.
Sie sogen alles in sich auf, was in ihrer Nähe war. Was in
ihnen vorgeht, können wir nur ahnen. Nichts dürfte in ihnen
so sein, wie es in unserm Universum ist, auch wenn sie ein
Teil von ihm sind. Was sie aber nach außen zeigen, ist die
enorme Bewegungsenergie, die sie aufgesogen haben. Sie
drehen sich und werden sich noch drehen und bewegen, wenn
unser Universum so kalt geworden ist, das sich sonst kaum
noch etwas bewegt. Irgendwann in ganz ferner Zukunft ist
unser Universum so groß geworden, dass die Bewegungsenergie
nicht mehr ausreicht, um Sterne leuchten zu lassen. Im
Universum wird es sehr dunkel und sehr kalt werden.
Mein Zug fährt in meinen Zielbahnhof ein. Ich steige aus und
schiebe meine Gedanken auf die Seite. Ich drehe mir eine
Zigarette. Es sind noch über 10 Minuten, bis mein
Anschlussbus fährt und ich endlich zu Hause bin. Damit ich
endlich etwas Ruhe habe, meine Bewegung sich auf ein nötiges
Minimum beschränkt. Ich stehe an der Haltestelle, warte auf
meinen Bus. Autos fahren vorbei. Und wieder beginnen meine
Gedanken an zu kreisen. Macht sich einer dieser Fahrer
Gedanken darüber warum sie fahren können? Woher kommt die
Energie, um sich fortzubewegen? Aus dem Motor, aus der
Verbrennung des Benzins? Grob gesehen ja. Aber ich denke
weiter. Woher stammt das Benzin? Oder woher kommt die Kraft,
die mir ermöglicht, meinen Körper zu bewegen. Einen Fuß vor
den anderen zu setzen? Auch wir Menschen verbrennen
Treibstoff. Er kommt aus unserer Nahrung. Von dem Brot, den
Nudeln, dem Fleisch, dem Gemüse. Und das Benzin stammt von
fossilen Tieren, die vor langem hier auf der Erde lebten,
auch Nahrung zu sich nahmen und daraus durch chemische
Prozesse Fette entstehen ließen. Und das verbrennen heute
unsere Fahrzeuge wieder. Doch woher stammen diese
Grundstoffe, aus die unsere Nahrung besteht? Sie stammen aus
Pflanzen, die aus einigen Grundstoffen wie Kohlenstoff und
Wasser zusammen mit der Sonnenenergie neue und nahrhafte
Formen wachsen lassen. Also Sonnenenergie, die aus der
heftigen Bewegung von Wasserstoff in unserer Sonne entstehen
ließ. Und aus den Bausteinen, die vor Milliarden Jahren in
den ersten Sonnen entstanden waren, geboren aus der Bewegung
und aus dem ersten Quant. Alles entstammte aus dieser ersten
Bewegung vor 13,5 Milliarden Jahren. Egal was wir heute
sehen, was wir selber sind. Selbst meine Gedanken entstanden
daraus. Denn auch sie sind Bewegung. Atome bewegen sich,
Elektronen bewegen sich in meinem Kopf und erzeugen diese
Gedanken, die mich diese Sätze schreiben lassen. Alles
Bewegung.
Ich bin zu Hause. Die Tür fällt hinter mir zu, ich atme tief
ein. Zu Hause. Für heute hat meine Bewegung ein Ende, mit
der ich mein Geld verdiene. Nun bewege ich mich nur noch, um
etwas zu Essen zu bekommen. Damit ich Energie in mir habe,
um mich weiter zu bewegen. Denn mein Leben heißt Bewegung,
entstanden aus jener Urbewegung vor Milliarden Jahren. Und
nun gehe ich schlafen, werde meine Bewegung auf ein Minimum
reduzieren. Nur meine Gedanken werden sich noch bewegen, in
meinen Träumen. Bis zum Morgen, an dem sich etwas in diesem
kleinen Kasten bewegt und laute Töne von sich gibt, damit
ich aufstehe und mich wieder bewege. Damit ich das Chaos im
Universum vergrößere und damit die Zeit vergeht. Bis sie
sich rückwärts bewegt und wieder zu jenem Quant zurückkehrt,
aus dem alles entstand.
19.10.2005 - Sascha |