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Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott
und die Welt |
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Diffusität des Seins |
Vorwort: Obwohl es sich sehr nach einem philosophischen
Ansatz anhört wird das Folgende in den Bereich
Psychologie/Soziologie gehören.
Tja, das ist schon ein schöner Titel? Oder? Diffusität des
Seins, oder ein Sein, das unklar ist, diffus wie durch ein
Nebel erscheint. Was ist "Sein" überhaupt? Ich denke, also
bin ich, sagte René Descartes (sprich Rene Dekart), cogito
ergo sum, um mein bescheidenes Asterix-Latein zu bemühen.
Ich kann also Denken, also bin ich, mein "Sein" ist
existent, weil ich es erfassen kann. Ich sehe mein Umfeld,
reagiere auf mein Umfeld, interagiere mit meinem Umfeld,
kann es beschreiben. Ich sehe die Sonne, fühle die Wärme,
höre, was Menschen sagen, fragen usw. Aus all den
Sinneseindrücken oder auch nur aus einem Teil-Bereich,
sofern ich eine Behinderung wie z.B. Taubheit habe, bilde
ich mir in meinem Innern ein Gesamtbild meines Umfeldes.
Neben den aktuellen Eindrücken bestimmen auch Erfahrungen,
also Vergangenes, mein Bild, dass ich habe von alle dem, was
mich umgibt. Nur was ist Erfahrung? Wie verlässlich sind
jene Erfahrungen und Erinnerungen, die wir doch zu gerne
nutzten, um aktuell Entscheidungen zu treffen?
Vieles ist sicherlich recht effizient und kann uns helfen,
um unser Sein zu bestimmen. Ich denke nach, auch wenn ich
instinktiv handele sind Denkprozesse daran beteiligt. So
wissen wir sicherlich aus Erfahrung dass ein Bügeleisen heiß
sein kann. Wie läuft nun in uns die Erkennung eines heißen
Bügeleisens ab? Unser Blick wird sicherlich die gesamte
Situation erst mal bewerten. Dazu gehören sogar unsere
Lebensumstände (verheiratet, Solo, Kinder usw.), dazu gehört
ob es denn unser eigenes Bügeleisen ist oder wir uns in
fremder Umgebung befinden usw.
Es ist relativ klar, dass das Bügeleisen heiß sein wird,
wenn ich zu hause bin, meine Frau sagt, dass sie Wäsche
bügeln will, das Bügeleisen auf dem Bügelbrett steht, auf
dem Boden daneben ein Korb mit meinen Hemden steht und das
Kabel deutlich angeschlossen ist. Ein weiterer Blick auf die
Einstellung des Bügeleisens wird mit klar mitteilen, dass es
auf mittlerer Hitze steht. Sicher wäre ich nicht ganz bei
Trost, wenn ich nun die sicherlich heiße Fläche des
Bügeleisens berühren würde.
Und doch passiert es, dass Menschen in Ungedanken ein
solches Eisen berühren und sich daran verbrennen. Selbst
unbeteiligte Beobachter hätten evtl. erkannt, dass gleich
ein Unglück passieren könnte. Obwohl es nicht ihre Wohnung
ist, würden sie als moderner Mensch sehr schnell erfassen
können, ob das Bügeleisen evtl. an sein könnte. Wie das?
Zum einen gehört dazu die grundlegende Erkenntnis, dass es
überhaupt ein Bügeleisen ist. Das ist doch einfach, könnte
man sagen. Nur ist es dass den wirklich? Nein, es ist sogar
ein komplizierter Prozess, der uns ein solches Gerät
zuordnen lässt. Wir erkennen ein Bügeleisen an seiner
typischen Form, an dem Aufbau (Regler, Griff, Bügelfläche,
Kabel usw.). So kann diese optische Zuordnung durch einen
Schlaganfall gestört sein. Diese Menschen erkennen oft die
einfachsten Dinge nicht mehr. Erst wenn sie sie berühren
wissen sie wieder, dass es z.B. eine Tasse, ein Bügeleisen
oder sonst was ist. Der Fachbegriff hierfür ist Agnosie.
Ich setze aber voraus, dass der Beobachter keine Agnosie hat
und darum die Situation aus den vielen Parametern
einschätzen kann, die ihm zur Verfügung stehen. Schon das
Erkennen eines Bügeleisens mit angeschlossenem Kabel weist
darauf hin, dass es an sein könnte. Selbst bei der tiefsten
Einstellung wäre die Bügelsohle ca. 110° heiß, wenn es voll
aufgedreht ist übrigens ca. 220° . Also durchaus
Temperaturen, die zu Verbrennungen führen können. Ist dann
ein Kontrolllicht gar an, ist es klar. So ein Eisen berührt
man nur am Griff. Und es sollte nicht gerade mit der Sohle
auf dem besten Seidenhemd stehen.
Was hat nun das Ganze mit unserem "Sein" zu tun? Wir reden
die ganze Zeit von Einschätzungen unseres Umfeldes. So hat
die geschilderte Situation sehr wohl mit unserem Sein, mit
unserem Denken, mit unserem Reagieren zu tun, cogito ergo
sum, also bin ich, weil ich das Bügeleisen erkenne, es
einschätze, darüber nachdenke.
Trotz der Komplexität der Gesamtsituation ist es für uns
westlichen Menschen einfach bei gesundem Menschenverstand
zumindest annähernd festzustellen, was hier los ist
(Bügeleisen/Bügelbrett) und ob das Eisen heiß sein könnte
und somit gefährlich.
Nur was passiert nun, wenn wir in Situationen kommen oder
nur beobachten, die unserem Geist Informationen zuführen die
so von unserem inneren System nicht einzuschätzen sind, für
die es keine Reaktionsparameter gibt. Neben den reinen
Instinkthandlungen wie z.B. das Saugen eines Babys an der
Mutterbrust, die Reflexe usw. gibt es auch einige einfache
Reaktionen auf Unbekanntes und/oder Gefährliches.
Nehmen wir an, wir sehen ein Gerät in einem Schaufenster. Es
sieht sehr futuristisch aus und da nur ein kryptischer Name
dran steht, wissen wir im ersten Moment nichts damit
anzufangen. Da uns Menschen eine gewisse Neugierde angeboren
ist (ein Instinkt??) versuchen wir herauszubekommen, wozu es
dient. Dazu nutzen wir unser Wissen über viele andere
Geräte, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. So
könnten wir z.B. erkennen, dass das Gerät Strom benötigt,
weil ein typischer Eurostecker zusehen ist. Des weiteren
erkennen wir die typischen Anschlüsse wie sie Lautsprecher
haben um einen Tonerzeuger, sprich z.B. Verstärker
anzuschließen. Schnell werden wir darauf kommen, dass es ein
Lautsprecher sein wird. Dies war eine Reaktion auf
Unbekanntes.
Wie sieht das mit der Einschätzung von Gefahr aus? Hier
spielt unser Unterbewusstsein eine noch intensivere Rolle
und handelt oft schnell, reflexartig. Dies stammt sicher aus
unseren frühesten Anfängen als Mensch. So ist in uns
(genetisch?) verankert, dass wir Angst vor der Dunkelheit
haben, Angst vor Feuer, Angst vor fremden Menschen, Angst
vor Höhen, Angst vor wilden Tieren usw. Dabei sind wir
allerdings in der Lage zu differenzieren und abzustufen. Im
Normalfall werden wir trotz reflexartiger Reaktion, wie
Adrenalinausstoß, Muskelanspannung usw. die Situation
analysieren. So kommen wir modernen Menschen mit vielen
Fremden zusammen. Hier spielt dann sicher die persönliche
Einschätzung eine große Rolle. Wer kennt das nicht? Der eine
Mensch ist sympathisch, der andere eher neutral und der
dritte einfach nur unsymphatisch. Und unsere weiteren
Reaktionen richten sich danach. Ob diese dann im Endeffekt
richtig sind, sei dahingestellt.
Diffusität des Seins? Ich denke also bin ich! Ich denke
bewusst und unbewusst über jede Situation im Leben nach.
Erst vor gar nicht so langer Zeit stellte die Wissenschaft
her, dass kein Gedanke, keine Handlung, keine Reaktion
stattfindet, ohne dass sie erst mal vom Unterbewusstsein
bewertet und freigegeben wird. Das gilt auch für alles was
wir sehen, für jedes Wort, dass wir sprechen und für jeden
Satz, den wir schreiben. Schaue ich also auf eine grüne
Wiese und soll diese dann anschließend in einem kurzen
Aufsatz schildern werde ich sie vielleicht ähnlich sehen wie
eine andere Person, aber sie doch anders schildern. Dabei
hat mein Unterbewusstsein die Hände im Spiel. Sowohl bei der
Beobachtung der Wiese wie bei der anschließenden
Schilderung. Ich werde je nach Grundeinstellung z.B.
besonders das kräftige Grün der Wiese erwähnen, dazu die
gerade blühenden Löwenzahn. Ein anderer Mensch, der z.B.
allergisch auf Insektenstiche reagiert, schildert sehr
intensiv die Bienen, die er sieht. Hier bestimmt die Angst
vor einem Stich seine Sichtweise und damit auch seine
Denkweise.
Um so mehr Zeugen zu einem Vorfall befragt werden, um so
mehr unterschiedliche Aussagen wird es geben. Besonders bei
bedrohlichen Situationen werden die Eindrücke sehr stark vom
Unterbewusstsein beeinflusst. So erscheinen grundsätzlich
bedrohliche Menschen größer als sie in Wirklichkeit sind.
Das Unterbewusstsein ist in bestimmten Situationen auch dazu
in der Lage, komplette Beobachtungen auszublenden. Entweder
sind sie so nebensächlich oder unwahrscheinlich, dass das
Unterbewusstsein sie ausblendet oder bestimmte
Grundeindrücke waren in der Vergangenheit so intensiv, dass
das Unterbewusstsein sie allgemeine als gefährlich ansieht
und vor dem bewussten Denken und Erinnern einfach
verschließt. Es kann soweit gehen, dass das Unterbewusstsein
verfälschte Eindrücke über die tatsächlichen deckt, um eine
Schädigung des bewussten Denkens zu verhindern.
Klassiker hier ist ein Verkehrsunfall mit einer stärkeren
Verletzung. Eine Art Schock verhindert dann oft für einige
Tage das bewusste Erinnern des Unfallherganges. Nur nach und
nach kommt die Erinnerung zurück.
Zurück zum vorigen Absatz. Hier war die Rede von einer
Veränderung der Eindrücke, von einer selektiven Wahrnehmung
des Vergangenen. Hierfür ist das Unterbewusstsein
verantwortlich. Dabei ist es egal, ob es lange
zurückliegende Ereignisse sind oder Ereignisse, die gerade
stattfanden. Unser Unterbewusstsein kontrolliert alle
Wahrnehmungskanäle (Sinne) und lässt nur Eindrücke zu, die
es als gut für uns ansieht. Auch unsere Reaktionen darauf
bestimmt das Unterbewusstsein. D.h. bevor wir irgendwas
bewusst erfassen können und darauf reagieren hat sich das
Unterbewusstsein längst eine Meinung gebildet und zumindest
grob die Reaktion bestimmt.
Ein einfaches Beispiel macht das deutlich: 4 Menschen sitzen
in einem chinesischen Restaurant an einem runden Tisch
zusammen. 2 sind Einzelkinder, haben immer ihren eigenen
Teller auf den Tisch gestellt bekommen, haben kaum mit
anderen geteilt. Die beiden Anderen sind Geschwister. Bei
ihnen zu Hause ging es immer rund, es gab noch 3 weitere
Geschwister und die Großeltern. Am Tisch wechselte schon mal
der Teller, oder es wurde mal schnell was von einem anderen
Teller stibitzt. Üblicherweise stellt die Bedienung nun die
bestellten Speisen so auf, dass jeder an dem runden Tisch
sich davon nehmen kann. Durchaus interessant, so kann man
von allem probieren. Nur die ersten beiden werden sich dabei
alles andere als wohl fühlen. Sie werden die Situation als
unangenehm empfinden, während die Geschwister die Situation
ganz anders wahrnehmen. Für sie ist das ganz normal. Die
beiden ersten Einzelkinder finden das evtl. sogar eklig oder
gar bedrohlich, wenn andere an ihr Essen gehen. Für die
Geschwister ist es total normal.
Bisher waren das harmlose Beispiele. Sie machen aber schon
deutlich, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmung der
Realität sein kann, wobei man zum Teil noch nicht einmal
bestimmen könnte, was denn nun wirklich Realität ist, da
alle Menschen so reagieren. Einfaches Beispiel zur
verzerrten Wahrnehmung aller sehenden Menschen: Wir schauen
uns einen herrlichen Sonnenuntergang an, die Sonne scheint
als riesiger Ball hinter dem Horizont zu versinken. Also
schnell ein Fotoapparat heraus und fotografiert. Nur was ist
das? Auf dem Foto ist nur eine winzige Sonne zu sehen,
nichts mehr von dem majestätischen Feuerball, den wir
untergehen sahen. Hier bestimmt unser Unterbewusstsein sehr
stark die optische Wahrnehmung.
Noch krasser wird die Veränderung, wenn ein Mensch in eine
traumatisierende Situation gerät. Besonders junge Menschen
reagieren dann oft damit, dass sie die Situation an sich
einfach vergessen, das negative Ereignis wird vom
Unterbewusstsein einfach aufgenommen und so abgelegt, dass
kein direkter Zugriff mehr möglich ist. Aber auch ältere
Menschen können ähnlich reagieren.
Das bewusste Denken weiß nichts mehr von dem Vorfall. Aber
das Unterbewusstsein, dass alle Aktionen von uns
kontrolliert, weiß sehr wohl noch davon und handelt danach.
Dabei ist es so geschickt, dass es alle Wahrnehmungen, die
das Ereignis aus dem Vergessen hervorrufen könnten, einfach
ignoriert oder massiv uminterpretiert. Das kann dazu führen,
dass selbst klare Situationen (z.B. rotes Auto wird
ignoriert, gar nicht erst wahrgenommen, weil ein rotes Auto
am Trauma beteiligt war) einfach ignoriert werden oder
extrem falsch dargestellt werden.
So kann es sein, dass ein Kind jahrelang Gewalt ausgesetzt
war, später aber sich nur an schöne Zeiten erinnert und
alles als ganz normale Kindheit in Erinnerung hat. Oder eine
Frau (aber auch Männer), die Gewalt in der Ehe ausgesetzt
ist, dies einfach ignoriert und trotz Verletzungen den
wirklichen Umfang der Gewalt gar nicht wahrnimmt.
Jeder/jeder Außenstehende/r kann nur den Kopf schütteln und
versteht nicht, warum die Frau den Mann nicht verlässt. Nur
sie sieht es einfach nicht. Sie blendet die Gewalt aus und
hofft darauf, dass er sich ändert oder sie sieht nur die
durchaus vorhandenen positiven Seiten.
Oft wird das als "Rosa Brille" bezeichnet. Zum Teil hat
diese Sichtweise der Umwelt eine wichtige Funktion und
steckt in uns allen. Würden wir alles was uns in der
heutigen Medienlandschaft Negatives gemeldet wird persönlich
zu Herzen nehmen, würden wir innerhalb kürzester Zeit
untergehen, in tiefste Depressionen verfallen. Zum Überleben
gehört einfach das Ausblenden gewisser Informationen.
Niemand kann die ganze Welt retten! Und Unglücke passieren
nun mal, Menschen laufen Amok, Terroristen sprengen Menschen
in die Luft, Menschen tun Menschen absichtlich Gewalt an.
Würden wir jeden einzelnen Fall, der auf der Erde passiert
verinnerlichen, wäre der Mensch nicht mehr lebensfähig. Nur
wenn er dann persönliche Probleme (sowohl als leidtragender
Mensch als auch als Auslöser) ignoriert, sieht es anders
aus. Hier ist dann die Frage erlaubt, inwieweit dieses
Verdrängen von offensichtlichen Umständen (z.B.
prügelnder/de Partner/-in, Schädigung der Kinder usw.)
negativ auf die eigene Person oder nahestehende Dritte
auswirkt. Oft neigt der Mensch dazu, einen Status Quo
aufrecht zu erhalten. So werden relativ schwache Argumente
gefunden, Tatsachen einfach ignoriert usw. weil ein Mensch
sich mit schweren Missständen abfindet um etwas zu
verteidigen, was im Grunde gar nicht mehr da ist. Dieser
Mensch sieht zu dem Zeitpunkt keine andere Lösung und
blendet darum einfach das störende aus, weil es nicht sein
kann und darf. Dies trifft auch bedingt auf Täter zu. Hier
fehlt dann das Schuldbewusstsein. Täter, die echtes
Schuldbewusstsein entwickeln, brechen oft zusammen und
begehen Suizid, da sie mir ihrer Schuld nicht mehr klar
kommen. Das ist nicht zu verwechseln mit vorgetäuschtem
Schuldbewusstsein, das oft zur Erpressung dient (z.B. wenn
du mich anzeigst / verlässt, bringe ich mich um).
In meinen Augen ist es in uns drin, bestimmte Dinge
zweckmäßigerweise auszublenden. dies ist durchaus
lebensnotwendig. Auch ein Trauma kann so ein Ausblenden
notwendig machen, weil der Geist es in dem Moment einfach
nicht verarbeiten kann.
Da wir also Umstände in unserer Vergangenheit, in unserem
Leben ausblenden, wie erkenne ich dann, was real ist und was
vom Unterbewusstsein überblendet wird? Gar nicht oder gibt
es Wege, um es dann doch nach und nach zu erkennen?
Unser Sein, also auch und erst Recht unser Denken, es zeigt
uns nur eine Form von Realität, jene Realität, die wir sehen
wollen. Das "Wollen" bezieht sich hier sehr auf unser
Unterbewusstsein. So gesehen lebt jeder Mensch in seiner
eigenen Realität, es gibt also ca. 6 Milliarden Realitäten.
Ich denke, also bin ich. Ich bin in meiner Realität durch
mein Denken, andere sind in ihrem Denken, in ihrem Sehen und
Fühlen, Hören, Riechen, Schmecken usw. Es gibt also nicht
"Die Realität", wie sie oft beschworen wird, sei es durch
Organe der sozialen Struktur (Staat, Kirsche, andere
Gemeinschaft) oder durch einzelne Menschen (die Formulierung
"ist doch wahr" bringt mich sehr schnell auf die Palme, weil
damit oft sehr kuriose Realitäten untermauert werden
sollen).
Das Sein kann also in meinen Augen gar nicht klar definiert
werden das es durch unser bewusstes und vor allem
unbewusstem Denken bestimmt wird. Es ist diffus. Anders wie
in der Mathematik, die als klarste Wissenschaft angesehen
wird, kann ich hier keine direkte Klarheit sehen.
Noch mal zurück: Wie erkenne ich dann, was real ist und was
vom Unterbewusstsein überblendet wird? Gar nicht oder gibt
es Wege, um es dann doch nach und nach zu erkennen?
Am Anfang des Textes sprach ich vom Erkennen äußerer
Umstände an Hand eines Bügeleisens. Blende ich nun aus
irgendeinem Grund aus, dass das Bügeleisen am Strom hängt
und/oder der Regler auf 2 Punkte steht, so kann ich unter
Umständen doch etwas sehen. Wärme hat Auswirkungen. Sie
erhitzt nicht nur meine Hand, wenn ich die Bügelsohle
berühre, sondern auch die Luft. Es ist eine Folge des heißen
Eisens. Sehe ich genau hin könnte ich die Wirbel in der Luft
sehen.
Es gibt aber auch jene Wirbel bei der Wahrnehmung. Ich sehe
zwar das Eigentliche nicht, aber nehme womöglich die Folgen
wahr. Viele Trauma-Opfer sind vor der eigentlichen
Traumtherapie in anderen Therapien, weil sie eine Menge
jener Wirbel mit sich rumschleppen. Depressionen,
Essverhalten, Partnerschaftsprobleme usw. Oft kommen die
Opfer erst dadurch auf die Idee, das was nicht stimmen
könnte. Und wenn ich den schmerzhaften Prozess des Erinnerns
sehe, wundert es mich nicht, dass mir mein Unterbewusstsein
über 40 Jahre etwas vorgegaukelt hat. Für mich war die
glückliche Kindheit eine Realität. Sicher gab es Anzeichen
dafür, das etwas nicht stimmen konnte. Es gab sogar klare
Hinweise, es gab Wissen dass mir zur Verfügung stand, dass
zu mindest das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom meiner
Mutter bewiesen.
Ich blendete jedoch vieles aus. Ich blendete sogar aus, dass
ich mich selber von den Medikamenten befreite. Ich wusste
das immer, nur knüpfte ich nie von dem Wissen die Brücke zu
der Person, die mich seit dem 11 Lebensjahr mit harten
Medikamenten fütterte. Nach heutigem Wissen und heutiger
Einschätzung überlebte ich das nur zufällig.
Medikamentenmissbrauch in der Form hätte durchaus zu meinem
Tod führen können. Diese Erkenntnis ist eine weitere Form
meiner Realität. Hätte ich die Verursacherin gefragt, sie
hätte sicherlich vehement ihrer Realität verteidigt. Und
diese wäre unter Umständen sogar darauf hinausgelaufen, dass
ich es doch selber gewollt hätte. Sie hätte dabei vollkommen
verdrängt, dass sie ein 11 jähriges Kind mit harten
Schmerzmittel "gefüttert" hat. Denn das ist eine
unbestrittene Tatsache.
Tatsache? Was ist einen Tatsache? Wir haben doch
festgestellt, dass es 6 Milliarden Realitäten gibt! Das sind
Sichtweisen von Dingen. Nur die Dinge selber, die gibt es.
So gibt es die Mauer, gegen die wir rennen, es gibt den
Boden, auf dem wir uns fortbewegen, es gibt eine Handlung an
sich usw. Egal wie wir den Revolver des maskierten Kunden in
der Bank interpretieren, Tatsache ist, dass es den Kunden
gibt, dass er einen Revolver in der Hand hat und eine Maske
an hat. Was er wirklich will ist etwas anderes. Es könnte in
Köln sein, es könnte Karneval sein und er will einfach nocht
geld abheben um anschließend auf einem Räuberball sich
weiter zuzuschütten. Oder er raubt gerde die Bank aus. Oder,
oder..
An alle Haarspalter: Ich gehe jetzt nicht auf eine
philosophisch-physikalische Diskussion über die Existenz an
sich ein. Gerne ein ander mal, aber nicht hier. Sonst müsste
ich den Haaspalter bitten, vom Eifelturm zu springen. Denn
es ist Tatsache dass der in Paris steht, über 300 Meter hoch
ist und dass die Überlebenswahrscheinlichkeit eines
Menschen, der von der obersten Plattform springt bei 0
liegt.
Der Missbrauch eines Kindes ist auch eine solche Tatsache.
Und an dieser Tatsache gibt es nichts zu deuteln. Jeder,
jede die sagt, das Kind wollte dass doch so, das Kind hat
Geschenke genommen, das Kind hat es provoziert usw. verzerrt
die Realität auf eine abartige Weise, nur um seine Schuld,
sein Verbrechen nicht sehen zu müssen. Neben dem Verbrechen
des Missbrauchs kommt ein weiteres hinzu. Die Abwälzung der
eigenen Schuld auf das Opfer. Hier ist der Täter, die
Täterin besonders Diffus in ihrem eigenen Sein, es kommt
fast zur Auflösung des Seins nach Descartes, denn so ein
Mensch handelt nur noch und denkt nicht mehr, also ist er
nicht mehr. Ganz abgesehen vom moralischen Standpunkt, hier
lösen sich Täter/Täterinen komplett aus dem sozialen Umfeld,
auch wenn sie weiterhin versuchen daran teilzuhaben und
womöglich andere mit in ihre sozialen Untiefen ziehen.
Die Veränderung der Realität, unserer Realität auf Grund
unseres Traumas ist notwendig um zu überleben. Es ist dann
ein harter Weg später diese Realität wieder zu verändern,
den eigentlichen Tatsachen anzupassen. Sicher tut dann die
neue Realität weh in der Regel, aber sie ist akzeptabel,
weil wir sie nun erkennen und verarbeiten können. Viel
härter ist der Wechsel an sich von einer (Schutz-)Realität
zu einer neuen, anderen Realität. Dies ist der eigentlich
schmerzhafte Prozess.
Ach ja: Tätertherapie! Bei dieser wird genau der Wandel
einer seltsamen Realität des Täters, der Täterin verändert.
Kleiner, aber entscheidender Unterschied: Der Weg mag auch
schmerzen (Knast, Forensik), aber hier ist tatsächlich Ziel
eine sehr schmerzhafte Realität darzustellen, nämlich die
volle und alleinige Schuld des Täters.
Wir jedenfalls kämpfen mit der Diffusität unseres Seins, mit
dem Verschwimmen der Realitäten, die unser Leben darstellen.
Unser Weg, unser Ziel ist es, eine annehmbare Realität zu
erreichen. In dieser Realität wird sicher das Erlebte eine
Rolle spielen, nur wird dann das Erlebte nicht mehr die
Realität so verzerren wie zuvor.
Der Weg dorthin ist lang, oft war die Zeit der geänderten
Wahrnehmung lange, es bauten sich Gefühle, Ängste und
sonstige Empfindungen auf, die in der zu ändernden Realität
so keine Gültigkeit mehr haben dürfen. Auf dem weg zu der
neuen Realität wird es zu vielen Zwischenzuständen kommen,
zu Reaktionen, zu Handlungen, die auf das sich oft rasch
ändernde Sein zurückzuführen sein. Wichtig ist es für uns zu
erkennen, dass diese Zwischenstationen notwendig sind,
ähnlich wie die Reise nach Schangri-La, der Weg dorthin ist
äußerst beschwerlich da er quer durch den Himalaya führt,
aber er lohnt sich!
Sascha, Mai 2009 |
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(C)
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