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Über mich, über andere, über Gott und die Welt

 


 

Diffusität des Seins

 

Vorwort: Obwohl es sich sehr nach einem philosophischen Ansatz anhört wird das Folgende in den Bereich Psychologie/Soziologie gehören.

Tja, das ist schon ein schöner Titel? Oder? Diffusität des Seins, oder ein Sein, das unklar ist, diffus wie durch ein Nebel erscheint. Was ist "Sein" überhaupt? Ich denke, also bin ich, sagte René Descartes (sprich Rene Dekart), cogito ergo sum, um mein bescheidenes Asterix-Latein zu bemühen.

Ich kann also Denken, also bin ich, mein "Sein" ist existent, weil ich es erfassen kann. Ich sehe mein Umfeld, reagiere auf mein Umfeld, interagiere mit meinem Umfeld, kann es beschreiben. Ich sehe die Sonne, fühle die Wärme, höre, was Menschen sagen, fragen usw. Aus all den Sinneseindrücken oder auch nur aus einem Teil-Bereich, sofern ich eine Behinderung wie z.B. Taubheit habe, bilde ich mir in meinem Innern ein Gesamtbild meines Umfeldes.

Neben den aktuellen Eindrücken bestimmen auch Erfahrungen, also Vergangenes, mein Bild, dass ich habe von alle dem, was mich umgibt. Nur was ist Erfahrung? Wie verlässlich sind jene Erfahrungen und Erinnerungen, die wir doch zu gerne nutzten, um aktuell Entscheidungen zu treffen?

Vieles ist sicherlich recht effizient und kann uns helfen, um unser Sein zu bestimmen. Ich denke nach, auch wenn ich instinktiv handele sind Denkprozesse daran beteiligt. So wissen wir sicherlich aus Erfahrung dass ein Bügeleisen heiß sein kann. Wie läuft nun in uns die Erkennung eines heißen Bügeleisens ab? Unser Blick wird sicherlich die gesamte Situation erst mal bewerten. Dazu gehören sogar unsere Lebensumstände (verheiratet, Solo, Kinder usw.), dazu gehört ob es denn unser eigenes Bügeleisen ist oder wir uns in fremder Umgebung befinden usw.

Es ist relativ klar, dass das Bügeleisen heiß sein wird, wenn ich zu hause bin, meine Frau sagt, dass sie Wäsche bügeln will, das Bügeleisen auf dem Bügelbrett steht, auf dem Boden daneben ein Korb mit meinen Hemden steht und das Kabel deutlich angeschlossen ist. Ein weiterer Blick auf die Einstellung des Bügeleisens wird mit klar mitteilen, dass es auf mittlerer Hitze steht. Sicher wäre ich nicht ganz bei Trost, wenn ich nun die sicherlich heiße Fläche des Bügeleisens berühren würde.

Und doch passiert es, dass Menschen in Ungedanken ein solches Eisen berühren und sich daran verbrennen. Selbst unbeteiligte Beobachter hätten evtl. erkannt, dass gleich ein Unglück passieren könnte. Obwohl es nicht ihre Wohnung ist, würden sie als moderner Mensch sehr schnell erfassen können, ob das Bügeleisen evtl. an sein könnte. Wie das?

Zum einen gehört dazu die grundlegende Erkenntnis, dass es überhaupt ein Bügeleisen ist. Das ist doch einfach, könnte man sagen. Nur ist es dass den wirklich? Nein, es ist sogar ein komplizierter Prozess, der uns ein solches Gerät zuordnen lässt. Wir erkennen ein Bügeleisen an seiner typischen Form, an dem Aufbau (Regler, Griff, Bügelfläche, Kabel usw.). So kann diese optische Zuordnung durch einen Schlaganfall gestört sein. Diese Menschen erkennen oft die einfachsten Dinge nicht mehr. Erst wenn sie sie berühren wissen sie wieder, dass es z.B. eine Tasse, ein Bügeleisen oder sonst was ist. Der Fachbegriff hierfür ist Agnosie.

Ich setze aber voraus, dass der Beobachter keine Agnosie hat und darum die Situation aus den vielen Parametern einschätzen kann, die ihm zur Verfügung stehen. Schon das Erkennen eines Bügeleisens mit angeschlossenem Kabel weist darauf hin, dass es an sein könnte. Selbst bei der tiefsten Einstellung wäre die Bügelsohle ca. 110° heiß, wenn es voll aufgedreht ist übrigens ca. 220° . Also durchaus Temperaturen, die zu Verbrennungen führen können. Ist dann ein Kontrolllicht gar an, ist es klar. So ein Eisen berührt man nur am Griff. Und es sollte nicht gerade mit der Sohle auf dem besten Seidenhemd stehen.

Was hat nun das Ganze mit unserem "Sein" zu tun? Wir reden die ganze Zeit von Einschätzungen unseres Umfeldes. So hat die geschilderte Situation sehr wohl mit unserem Sein, mit unserem Denken, mit unserem Reagieren zu tun, cogito ergo sum, also bin ich, weil ich das Bügeleisen erkenne, es einschätze, darüber nachdenke.

Trotz der Komplexität der Gesamtsituation ist es für uns westlichen Menschen einfach bei gesundem Menschenverstand zumindest annähernd festzustellen, was hier los ist (Bügeleisen/Bügelbrett) und ob das Eisen heiß sein könnte und somit gefährlich.

Nur was passiert nun, wenn wir in Situationen kommen oder nur beobachten, die unserem Geist Informationen zuführen die so von unserem inneren System nicht einzuschätzen sind, für die es keine Reaktionsparameter gibt. Neben den reinen Instinkthandlungen wie z.B. das Saugen eines Babys an der Mutterbrust, die Reflexe usw. gibt es auch einige einfache Reaktionen auf Unbekanntes und/oder Gefährliches.

Nehmen wir an, wir sehen ein Gerät in einem Schaufenster. Es sieht sehr futuristisch aus und da nur ein kryptischer Name dran steht, wissen wir im ersten Moment nichts damit anzufangen. Da uns Menschen eine gewisse Neugierde angeboren ist (ein Instinkt??) versuchen wir herauszubekommen, wozu es dient. Dazu nutzen wir unser Wissen über viele andere Geräte, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. So könnten wir z.B. erkennen, dass das Gerät Strom benötigt, weil ein typischer Eurostecker zusehen ist. Des weiteren erkennen wir die typischen Anschlüsse wie sie Lautsprecher haben um einen Tonerzeuger, sprich z.B. Verstärker anzuschließen. Schnell werden wir darauf kommen, dass es ein Lautsprecher sein wird. Dies war eine Reaktion auf Unbekanntes.

Wie sieht das mit der Einschätzung von Gefahr aus? Hier spielt unser Unterbewusstsein eine noch intensivere Rolle und handelt oft schnell, reflexartig. Dies stammt sicher aus unseren frühesten Anfängen als Mensch. So ist in uns (genetisch?) verankert, dass wir Angst vor der Dunkelheit haben, Angst vor Feuer, Angst vor fremden Menschen, Angst vor Höhen, Angst vor wilden Tieren usw. Dabei sind wir allerdings in der Lage zu differenzieren und abzustufen. Im Normalfall werden wir trotz reflexartiger Reaktion, wie Adrenalinausstoß, Muskelanspannung usw. die Situation analysieren. So kommen wir modernen Menschen mit vielen Fremden zusammen. Hier spielt dann sicher die persönliche Einschätzung eine große Rolle. Wer kennt das nicht? Der eine Mensch ist sympathisch, der andere eher neutral und der dritte einfach nur unsymphatisch. Und unsere weiteren Reaktionen richten sich danach. Ob diese dann im Endeffekt richtig sind, sei dahingestellt.

Diffusität des Seins? Ich denke also bin ich! Ich denke bewusst und unbewusst über jede Situation im Leben nach. Erst vor gar nicht so langer Zeit stellte die Wissenschaft her, dass kein Gedanke, keine Handlung, keine Reaktion stattfindet, ohne dass sie erst mal vom Unterbewusstsein bewertet und freigegeben wird. Das gilt auch für alles was wir sehen, für jedes Wort, dass wir sprechen und für jeden Satz, den wir schreiben. Schaue ich also auf eine grüne Wiese und soll diese dann anschließend in einem kurzen Aufsatz schildern werde ich sie vielleicht ähnlich sehen wie eine andere Person, aber sie doch anders schildern. Dabei hat mein Unterbewusstsein die Hände im Spiel. Sowohl bei der Beobachtung der Wiese wie bei der anschließenden Schilderung. Ich werde je nach Grundeinstellung z.B. besonders das kräftige Grün der Wiese erwähnen, dazu die gerade blühenden Löwenzahn. Ein anderer Mensch, der z.B. allergisch auf Insektenstiche reagiert, schildert sehr intensiv die Bienen, die er sieht. Hier bestimmt die Angst vor einem Stich seine Sichtweise und damit auch seine Denkweise.

Um so mehr Zeugen zu einem Vorfall befragt werden, um so mehr unterschiedliche Aussagen wird es geben. Besonders bei bedrohlichen Situationen werden die Eindrücke sehr stark vom Unterbewusstsein beeinflusst. So erscheinen grundsätzlich bedrohliche Menschen größer als sie in Wirklichkeit sind.

Das Unterbewusstsein ist in bestimmten Situationen auch dazu in der Lage, komplette Beobachtungen auszublenden. Entweder sind sie so nebensächlich oder unwahrscheinlich, dass das Unterbewusstsein sie ausblendet oder bestimmte Grundeindrücke waren in der Vergangenheit so intensiv, dass das Unterbewusstsein sie allgemeine als gefährlich ansieht und vor dem bewussten Denken und Erinnern einfach verschließt. Es kann soweit gehen, dass das Unterbewusstsein verfälschte Eindrücke über die tatsächlichen deckt, um eine Schädigung des bewussten Denkens zu verhindern.

Klassiker hier ist ein Verkehrsunfall mit einer stärkeren Verletzung. Eine Art Schock verhindert dann oft für einige Tage das bewusste Erinnern des Unfallherganges. Nur nach und nach kommt die Erinnerung zurück.

Zurück zum vorigen Absatz. Hier war die Rede von einer Veränderung der Eindrücke, von einer selektiven Wahrnehmung des Vergangenen. Hierfür ist das Unterbewusstsein verantwortlich. Dabei ist es egal, ob es lange zurückliegende Ereignisse sind oder Ereignisse, die gerade stattfanden. Unser Unterbewusstsein kontrolliert alle Wahrnehmungskanäle (Sinne) und lässt nur Eindrücke zu, die es als gut für uns ansieht. Auch unsere Reaktionen darauf bestimmt das Unterbewusstsein. D.h. bevor wir irgendwas bewusst erfassen können und darauf reagieren hat sich das Unterbewusstsein längst eine Meinung gebildet und zumindest grob die Reaktion bestimmt.

Ein einfaches Beispiel macht das deutlich: 4 Menschen sitzen in einem chinesischen Restaurant an einem runden Tisch zusammen. 2 sind Einzelkinder, haben immer ihren eigenen Teller auf den Tisch gestellt bekommen, haben kaum mit anderen geteilt. Die beiden Anderen sind Geschwister. Bei ihnen zu Hause ging es immer rund, es gab noch 3 weitere Geschwister und die Großeltern. Am Tisch wechselte schon mal der Teller, oder es wurde mal schnell was von einem anderen Teller stibitzt. Üblicherweise stellt die Bedienung nun die bestellten Speisen so auf, dass jeder an dem runden Tisch sich davon nehmen kann. Durchaus interessant, so kann man von allem probieren. Nur die ersten beiden werden sich dabei alles andere als wohl fühlen. Sie werden die Situation als unangenehm empfinden, während die Geschwister die Situation ganz anders wahrnehmen. Für sie ist das ganz normal. Die beiden ersten Einzelkinder finden das evtl. sogar eklig oder gar bedrohlich, wenn andere an ihr Essen gehen. Für die Geschwister ist es total normal.

Bisher waren das harmlose Beispiele. Sie machen aber schon deutlich, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmung der Realität sein kann, wobei man zum Teil noch nicht einmal bestimmen könnte, was denn nun wirklich Realität ist, da alle Menschen so reagieren. Einfaches Beispiel zur verzerrten Wahrnehmung aller sehenden Menschen: Wir schauen uns einen herrlichen Sonnenuntergang an, die Sonne scheint als riesiger Ball hinter dem Horizont zu versinken. Also schnell ein Fotoapparat heraus und fotografiert. Nur was ist das? Auf dem Foto ist nur eine winzige Sonne zu sehen, nichts mehr von dem majestätischen Feuerball, den wir untergehen sahen. Hier bestimmt unser Unterbewusstsein sehr stark die optische Wahrnehmung.

Noch krasser wird die Veränderung, wenn ein Mensch in eine traumatisierende Situation gerät. Besonders junge Menschen reagieren dann oft damit, dass sie die Situation an sich einfach vergessen, das negative Ereignis wird vom Unterbewusstsein einfach aufgenommen und so abgelegt, dass kein direkter Zugriff mehr möglich ist. Aber auch ältere Menschen können ähnlich reagieren.

Das bewusste Denken weiß nichts mehr von dem Vorfall. Aber das Unterbewusstsein, dass alle Aktionen von uns kontrolliert, weiß sehr wohl noch davon und handelt danach. Dabei ist es so geschickt, dass es alle Wahrnehmungen, die das Ereignis aus dem Vergessen hervorrufen könnten, einfach ignoriert oder massiv uminterpretiert. Das kann dazu führen, dass selbst klare Situationen (z.B. rotes Auto wird ignoriert, gar nicht erst wahrgenommen, weil ein rotes Auto am Trauma beteiligt war) einfach ignoriert werden oder extrem falsch dargestellt werden.

So kann es sein, dass ein Kind jahrelang Gewalt ausgesetzt war, später aber sich nur an schöne Zeiten erinnert und alles als ganz normale Kindheit in Erinnerung hat. Oder eine Frau (aber auch Männer), die Gewalt in der Ehe ausgesetzt ist, dies einfach ignoriert und trotz Verletzungen den wirklichen Umfang der Gewalt gar nicht wahrnimmt. Jeder/jeder Außenstehende/r kann nur den Kopf schütteln und versteht nicht, warum die Frau den Mann nicht verlässt. Nur sie sieht es einfach nicht. Sie blendet die Gewalt aus und hofft darauf, dass er sich ändert oder sie sieht nur die durchaus vorhandenen positiven Seiten.

Oft wird das als "Rosa Brille" bezeichnet. Zum Teil hat diese Sichtweise der Umwelt eine wichtige Funktion und steckt in uns allen. Würden wir alles was uns in der heutigen Medienlandschaft Negatives gemeldet wird persönlich zu Herzen nehmen, würden wir innerhalb kürzester Zeit untergehen, in tiefste Depressionen verfallen. Zum Überleben gehört einfach das Ausblenden gewisser Informationen. Niemand kann die ganze Welt retten! Und Unglücke passieren nun mal, Menschen laufen Amok, Terroristen sprengen Menschen in die Luft, Menschen tun Menschen absichtlich Gewalt an.

Würden wir jeden einzelnen Fall, der auf der Erde passiert verinnerlichen, wäre der Mensch nicht mehr lebensfähig. Nur wenn er dann persönliche Probleme (sowohl als leidtragender Mensch als auch als Auslöser) ignoriert, sieht es anders aus. Hier ist dann die Frage erlaubt, inwieweit dieses Verdrängen von offensichtlichen Umständen (z.B. prügelnder/de Partner/-in, Schädigung der Kinder usw.) negativ auf die eigene Person oder nahestehende Dritte auswirkt. Oft neigt der Mensch dazu, einen Status Quo aufrecht zu erhalten. So werden relativ schwache Argumente gefunden, Tatsachen einfach ignoriert usw. weil ein Mensch sich mit schweren Missständen abfindet um etwas zu verteidigen, was im Grunde gar nicht mehr da ist. Dieser Mensch sieht zu dem Zeitpunkt keine andere Lösung und blendet darum einfach das störende aus, weil es nicht sein kann und darf. Dies trifft auch bedingt auf Täter zu. Hier fehlt dann das Schuldbewusstsein. Täter, die echtes Schuldbewusstsein entwickeln, brechen oft zusammen und begehen Suizid, da sie mir ihrer Schuld nicht mehr klar kommen. Das ist nicht zu verwechseln mit vorgetäuschtem Schuldbewusstsein, das oft zur Erpressung dient (z.B. wenn du mich anzeigst / verlässt, bringe ich mich um).

In meinen Augen ist es in uns drin, bestimmte Dinge zweckmäßigerweise auszublenden. dies ist durchaus lebensnotwendig. Auch ein Trauma kann so ein Ausblenden notwendig machen, weil der Geist es in dem Moment einfach nicht verarbeiten kann.

Da wir also Umstände in unserer Vergangenheit, in unserem Leben ausblenden, wie erkenne ich dann, was real ist und was vom Unterbewusstsein überblendet wird? Gar nicht oder gibt es Wege, um es dann doch nach und nach zu erkennen?

Unser Sein, also auch und erst Recht unser Denken, es zeigt uns nur eine Form von Realität, jene Realität, die wir sehen wollen. Das "Wollen" bezieht sich hier sehr auf unser Unterbewusstsein. So gesehen lebt jeder Mensch in seiner eigenen Realität, es gibt also ca. 6 Milliarden Realitäten. Ich denke, also bin ich. Ich bin in meiner Realität durch mein Denken, andere sind in ihrem Denken, in ihrem Sehen und Fühlen, Hören, Riechen, Schmecken usw. Es gibt also nicht "Die Realität", wie sie oft beschworen wird, sei es durch Organe der sozialen Struktur (Staat, Kirsche, andere Gemeinschaft) oder durch einzelne Menschen (die Formulierung "ist doch wahr" bringt mich sehr schnell auf die Palme, weil damit oft sehr kuriose Realitäten untermauert werden sollen).

Das Sein kann also in meinen Augen gar nicht klar definiert werden das es durch unser bewusstes und vor allem unbewusstem Denken bestimmt wird. Es ist diffus. Anders wie in der Mathematik, die als klarste Wissenschaft angesehen wird, kann ich hier keine direkte Klarheit sehen.

Noch mal zurück: Wie erkenne ich dann, was real ist und was vom Unterbewusstsein überblendet wird? Gar nicht oder gibt es Wege, um es dann doch nach und nach zu erkennen?

Am Anfang des Textes sprach ich vom Erkennen äußerer Umstände an Hand eines Bügeleisens. Blende ich nun aus irgendeinem Grund aus, dass das Bügeleisen am Strom hängt und/oder der Regler auf 2 Punkte steht, so kann ich unter Umständen doch etwas sehen. Wärme hat Auswirkungen. Sie erhitzt nicht nur meine Hand, wenn ich die Bügelsohle berühre, sondern auch die Luft. Es ist eine Folge des heißen Eisens. Sehe ich genau hin könnte ich die Wirbel in der Luft sehen.

Es gibt aber auch jene Wirbel bei der Wahrnehmung. Ich sehe zwar das Eigentliche nicht, aber nehme womöglich die Folgen wahr. Viele Trauma-Opfer sind vor der eigentlichen Traumtherapie in anderen Therapien, weil sie eine Menge jener Wirbel mit sich rumschleppen. Depressionen, Essverhalten, Partnerschaftsprobleme usw. Oft kommen die Opfer erst dadurch auf die Idee, das was nicht stimmen könnte. Und wenn ich den schmerzhaften Prozess des Erinnerns sehe, wundert es mich nicht, dass mir mein Unterbewusstsein über 40 Jahre etwas vorgegaukelt hat. Für mich war die glückliche Kindheit eine Realität. Sicher gab es Anzeichen dafür, das etwas nicht stimmen konnte. Es gab sogar klare Hinweise, es gab Wissen dass mir zur Verfügung stand, dass zu mindest das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom meiner Mutter bewiesen.

Ich blendete jedoch vieles aus. Ich blendete sogar aus, dass ich mich selber von den Medikamenten befreite. Ich wusste das immer, nur knüpfte ich nie von dem Wissen die Brücke zu der Person, die mich seit dem 11 Lebensjahr mit harten Medikamenten fütterte. Nach heutigem Wissen und heutiger Einschätzung überlebte ich das nur zufällig. Medikamentenmissbrauch in der Form hätte durchaus zu meinem Tod führen können. Diese Erkenntnis ist eine weitere Form meiner Realität. Hätte ich die Verursacherin gefragt, sie hätte sicherlich vehement ihrer Realität verteidigt. Und diese wäre unter Umständen sogar darauf hinausgelaufen, dass ich es doch selber gewollt hätte. Sie hätte dabei vollkommen verdrängt, dass sie ein 11 jähriges Kind mit harten Schmerzmittel "gefüttert" hat. Denn das ist eine unbestrittene Tatsache.

Tatsache? Was ist einen Tatsache? Wir haben doch festgestellt, dass es 6 Milliarden Realitäten gibt! Das sind Sichtweisen von Dingen. Nur die Dinge selber, die gibt es. So gibt es die Mauer, gegen die wir rennen, es gibt den Boden, auf dem wir uns fortbewegen, es gibt eine Handlung an sich usw. Egal wie wir den Revolver des maskierten Kunden in der Bank interpretieren, Tatsache ist, dass es den Kunden gibt, dass er einen Revolver in der Hand hat und eine Maske an hat. Was er wirklich will ist etwas anderes. Es könnte in Köln sein, es könnte Karneval sein und er will einfach nocht geld abheben um anschließend auf einem Räuberball sich weiter zuzuschütten. Oder er raubt gerde die Bank aus. Oder, oder..

An alle Haarspalter: Ich gehe jetzt nicht auf eine philosophisch-physikalische Diskussion über die Existenz an sich ein. Gerne ein ander mal, aber nicht hier. Sonst müsste ich den Haaspalter bitten, vom Eifelturm zu springen. Denn es ist Tatsache dass der in Paris steht, über 300 Meter hoch ist und dass die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Menschen, der von der obersten Plattform springt bei 0 liegt.

Der Missbrauch eines Kindes ist auch eine solche Tatsache. Und an dieser Tatsache gibt es nichts zu deuteln. Jeder, jede die sagt, das Kind wollte dass doch so, das Kind hat Geschenke genommen, das Kind hat es provoziert usw. verzerrt die Realität auf eine abartige Weise, nur um seine Schuld, sein Verbrechen nicht sehen zu müssen. Neben dem Verbrechen des Missbrauchs kommt ein weiteres hinzu. Die Abwälzung der eigenen Schuld auf das Opfer. Hier ist der Täter, die Täterin besonders Diffus in ihrem eigenen Sein, es kommt fast zur Auflösung des Seins nach Descartes, denn so ein Mensch handelt nur noch und denkt nicht mehr, also ist er nicht mehr. Ganz abgesehen vom moralischen Standpunkt, hier lösen sich Täter/Täterinen komplett aus dem sozialen Umfeld, auch wenn sie weiterhin versuchen daran teilzuhaben und womöglich andere mit in ihre sozialen Untiefen ziehen.

Die Veränderung der Realität, unserer Realität auf Grund unseres Traumas ist notwendig um zu überleben. Es ist dann ein harter Weg später diese Realität wieder zu verändern, den eigentlichen Tatsachen anzupassen. Sicher tut dann die neue Realität weh in der Regel, aber sie ist akzeptabel, weil wir sie nun erkennen und verarbeiten können. Viel härter ist der Wechsel an sich von einer (Schutz-)Realität zu einer neuen, anderen Realität. Dies ist der eigentlich schmerzhafte Prozess.

Ach ja: Tätertherapie! Bei dieser wird genau der Wandel einer seltsamen Realität des Täters, der Täterin verändert. Kleiner, aber entscheidender Unterschied: Der Weg mag auch schmerzen (Knast, Forensik), aber hier ist tatsächlich Ziel eine sehr schmerzhafte Realität darzustellen, nämlich die volle und alleinige Schuld des Täters.

Wir jedenfalls kämpfen mit der Diffusität unseres Seins, mit dem Verschwimmen der Realitäten, die unser Leben darstellen. Unser Weg, unser Ziel ist es, eine annehmbare Realität zu erreichen. In dieser Realität wird sicher das Erlebte eine Rolle spielen, nur wird dann das Erlebte nicht mehr die Realität so verzerren wie zuvor.

Der Weg dorthin ist lang, oft war die Zeit der geänderten Wahrnehmung lange, es bauten sich Gefühle, Ängste und sonstige Empfindungen auf, die in der zu ändernden Realität so keine Gültigkeit mehr haben dürfen. Auf dem weg zu der neuen Realität wird es zu vielen Zwischenzuständen kommen, zu Reaktionen, zu Handlungen, die auf das sich oft rasch ändernde Sein zurückzuführen sein. Wichtig ist es für uns zu erkennen, dass diese Zwischenstationen notwendig sind, ähnlich wie die Reise nach Schangri-La, der Weg dorthin ist äußerst beschwerlich da er quer durch den Himalaya führt, aber er lohnt sich!

Sascha, Mai 2009
 

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