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Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott
und die Welt |
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Gedanken über mein Leben II.
(mit der Geschichte meiner 2.
Vergewaltigung) |
Spät war es geworden. Wie so oft schon saß ich vor dem
Bildschirm, schaute auf die Geschichte eines anderen
Menschen und konnte nur noch den Kopf schütteln. Das Lesen
fällt schwer, wenn die Tränen aus den Augen laufen und der
Blick getrübt ist. Und dann rutscht auch immer wieder das
Denken ab in längst vergangene Tage. In jeder Geschichte
finde ich mich wieder. Hier mal etwas weniger, dort mal
etwas mehr. Die Parallelen sind unverkennbar. Dieselben
Schmerzen quälen uns, dieselben Ängste, die dazu führen, das
Haus nicht mehr zu verlassen, sich vor so vielem zu
verschließen. Was war vor dieser Zeit gewesen? Ich war doch
immer für einen Spaß zu haben, bin gerne aus dem Haus
gegangen. Sicher wusste ich, dass die Welt nicht nur gut
ist. Das es Menschen gibt, die die Bezeichnung nicht
verdient haben. Dass Kinder gequält werden von Erwachsenen
Menschen. Doch habe ich dass nie so wahrgenommen wie heute.
Wie alle dachte ich, dass es die Ausnahme ist. Die meisten
Familien sind doch OK. Ja, sie haben ihre Probleme, wie
viele Menschen. Aber das Ausmaß war mir nie bewusst oder ich
wollte es nicht erkennen.
Ich musste erst 44 Jahre alt werden, meine Mutter musste
erst sterben und einige andere Dinge mussten erst passieren,
dass ich erwachte aus meinem schrecklichen
Dornröschen-Schlaf. Im Nachhinein sehe ich nun mein Leben an
und stelle immer wieder fest, was mich wirklich antrieb,
mich steuerte. Und selbst heute funktionieren die alten
Schutzmechanismen. Sie müssen auch noch eine Weile
funktionieren, damit ich es überleben kann. Ich bin immer
noch ein Meister im ignorieren, aber nicht mehr so wie
früher. Heute mache ich das bewusst. Es muss sein. Ich merke
immer wieder, wie mich schon der kleinste Bericht besonders
über leidende Kinder in helle Aufregung versetzt. Wenn ich
den Moment des Abschaltens verpasse und ich mich dabei
erwische, wie ich gebannt auf den Fernseher starre und alles
wie durch einen Schleier wahrnehme ist es meist schon zu
spät. In mir erwachen dann die Ängste aus der Kindheit vor
Schmerz und Verletzung. Angst und Panik machen sich dann in
mir breit. Das kann mitunter so schnell gehen, dass ich
schon innerhalb ein paar Sekunden soweit abrutsche, dass
nichts mehr geht. Es ist ein schrecklicher Zustand. Ich
sitze oder liege dann irgendwo, kann oft nur noch erstickt
fast lautlos schreien, weil ich einfach nicht mehr dazu in
der Lage bin laut zu werden. Ich zittere wie Espenlaub. Und
dann kommen die Gefühle, die Erinnerungen. Es ist schon so
schlimm gewesen, dass ich die Hände von allen drei Tätern
gespürt hatte. Ich konnte nur noch um mich schlagen und
konnte sie doch nicht vertreiben. Es war so, als ob es in
diesem Moment wieder passiert. Ich spürte sie in allen
Möglichen Körperöffnungen, das Schreien verbot sich von
selbst, weil ich mich nicht traute, den Mund zu öffnen. Und
doch spürte ich sie in mir, an mir. Überall waren Hände. Ich
sah Dinge, die einfach nur schrecklich waren. Ich frage mich
bis heute, wie ich das überleben konnte damals mit 2, 3
Jahren. Ich weiß immer noch nicht, was ich damals wirklich
dachte. Ich ahne es nur. Die Schmerzen, die ich heute spüre,
sind sicher auch nur eine Ahnung von dem, was damals war.
Wenn ein fast Erwachsener in einen 2 jährigen Jungen
eindringt müssen große körperliche Schmerzen vorhanden sein.
Was habe ich getan? Habe ich mich gewehrt? Wie wehrt sich
ein 2 Jähriger? Er wird schreien! Er wird weinen! Doch wer
hört das Weinen eines kleinen Kindes? Weint so ein Junge
nicht oft genug grundlos? So muss es wohl gewesen sein.
Meine Mutter sagte mir mal, dass meine Brüder sie oft auf
mein Weinen aufmerksam gemacht haben. Sie sollen gesagt
haben: „Hörst du nicht, der Kleine weint!“. Nur wer das
gesagt hatte, sagte sie nicht. Ob sie es wohl nur aus
Versehen erwähnte? Warum habe ich soviel geweint? Wie alt
war ich da? Ein Jahr oder jünger womöglich. Ich weiß es
nicht und meine Brüder (die Guten) wissen es auch nicht
mehr. Es ist zu lange her. Ich sage zwar immer wieder, es
ist egal, wann es begann. Aber das stimmt dann doch so
nicht. Es ist mir nicht egal. Ich werde es zwar nie
erfahren, wann er das erste Mal auf die Idee kam, dem
Schwächsten in der Familie so grausam weh zu tun. Es war der
Tag, an dem meine Seele zerstört wurde für lange Zeit. Ich
weiß heute aus meinen Erinnerungen, wie brutal er zu mir
war. Er hatte mich gefesselt, er hatte mich geschlagen.
Sicher zwar nicht so fest, dass man es sah, aber immer
wieder an den Kopf mit der flachen Hand. Ja keine blauen
Flecke, die hätte man ja gesehen.
Ich will niemand wehtun mit meiner Geschichte, aber wenn ich
es nicht erzähle, ersticke ich daran. Ist es Selbstmitleid?
Ich glaube nicht. Ich will es einfach loswerden. Früher war
ich anders. Hatte ich ein Problem, habe ich es für mich
behalten. Egal ob seelisches Problem oder ob es um die
Gesundheit ging. Wenn ich krank war, habe ich mich
verkrochen. Ich wollte niemanden zur Last fallen. Auch nicht
meiner Lebensgefährtin. Ich musste immer lachen, wenn ich
hörte, dass Männer leiden wenn sie krank sind und sich dann
verwöhnen lassen. Ich war nie so. Ich habe dann meine Ruhe
haben wollen. Im Nachhinein ist meine Reaktion aber auch
kein Wunder. Sicher empfinde ich Schmerzen wie jeder normale
Mensch. Aber ich war ja von sehr klein an gewöhnt damit klar
zu kommen. Ohne die Hilfe und den Zuspruch anderer. Ich
musste schon sehr früh lernen selber mit den schlimmsten
Dingen klar zu kommen. Das ließ mich auch alles Spätere dann
ohne große Schäden überleben. Die Mechanismen waren schon
fest eingefahren und wirkten sofort. Egal was kam, es
erschütterte mich vielleicht mal für eins, zwei Minuten,
nicht länger. Dann war es vorbei. Einzigste Ausnahme war die
Trennung von meinen beiden Lebensgefährtinnen. Bei ihnen
hatte ich die Zuwendung gefunden, die ich immer vermisst
hatte. Als sie gingen, brach die Welt für mich zusammen.
Heute wundert mich das aber nicht mehr. Gut war nur, dass
ich nie in dem Sinne Eifersucht entwickelt hatte. Das hat
die beiden zwar verwundert, dass weiß ich heute. Aber in
meinem Leben gab es solche Gefühle nicht mehr. Ich war immer
zufrieden mit dem, was ich bekam. Und wenn es nur wenig war,
es reichte mir. Nur wen gar nichts mehr ging, dann zog ich
mich zurück und weinte einfach etwas für mich. Aber das
durfte niemand sehen. Warum auch. Früher hatte Weinen auch
nichts gebracht. Ich musste stark sein. Für mich und andere.
Was hat man mir schon in jungen Jahren alles anvertraut. Ich
war immer ein guter Zuhörer gewesen. Wenn jemand ein Problem
hatte kam er zu mir und schüttete sein Herz aus. Da waren
Typen dabei, oje. Mit hat schon mal ein Dorfbekannter
Schläger seinen Liebeskummer gebeichtet. Toll. Nur es ist
wohl niemanden aufgefallen, dass ich über meine Probleme nie
gesprochen habe. Ich wollte es auch nicht.
Zu den wenigen Erinnerungen die ich habe, gehört auch das
Gefühl, dass ich gerne alleine war. Ich mied den Kontakt zu
anderen und spielte lieber alleine in unserem Garten. Ich
schnappte mir dann irgendwas und ging auf die andere
Straßenseite. Dort habe ich mich dann einfach hingesetzt und
geträumt. Das war das schönste für mich. Einfach alleine
sein und von niemanden gestört zu werden. Keiner der mich
bedroht, keiner der mir wehtut. Ich glaube zwar nicht, dass
ich zu diesem Zeitpunkt noch etwas von der Vergewaltigung
wusste, aber die Auswirkungen auf mein Verhalten war klar zu
erkennen. Dazu kommt noch, dass kurz nach dem meine Mutter
ihn erwischt hatte sie selber schwer erkrankte und für 12
Wochen ins Krankenhaus musste. Ich war 4 Jahre alt, als ich
zu Pflegeeltern kam. Was soll da ein Kind denken. Erst muss
ich mit meiner Vergewaltigung klar kommen, dann werde ich
scheinbar abgeschoben zu fremden Menschen. Ich fühle oder
ahne aber dass diese Menschen sehr lieb zu mir waren. Aber
genau weiß ich das nicht mehr. Irgendwie habe ich auch das
Gefühl, dass mein Verhältnis zu meinen Eltern ab dem Umzug
in das eigene Haus sich normalisierte und ich wieder
Vertrauen zu meiner Mutter hatte. Der erste Missbrauch war
wohl vergessen. Sicher, er hatte immer noch Nachwirkungen.
Das zeigt mir eine andere Erinnerung. Ich wollte auf die
Toilette und musste dafür durchs Bad. Ich hatte aber nicht
gemerkt, dass einer meiner Brüder gerade badete. Ich kam
rein und sah ihn da liegen. Ich war entsetzt! Das spüre ich
heute noch. Ich war ungefähr 7 oder 8, er demnach 15. Ich
starrte auf sein Geschlechtsteil. Es kam mir übermächtig
vor. Er fragt nur, was denn mit mir los sei. Ich habe nichts
gesagt und fluchtartig das Bad verlassen. Heute weiß ich
wieder warum. Ich habe bis heute in Badewannen ein
unangenehmes Gefühl. Kein Wunder. Man kann kleine Brüder
auch in der Badewanne vergewaltigen.
Nach und nach muss ich wohl wieder so ziemlich normal
reagiert haben. Sicher, ich war der Jüngste. Es kam zu den
normalen Reibereien zwischen Brüdern. Sie ärgerten mich, ich
versuchte mich irgendwie zu rächen. Aber wir haben uns auch
immer wieder vertragen. Ich ging zu Schule. Dort muss alles
so ziemlich normal gewesen sein. Ich war zwar irgendwie ein
Außenseiter, weil ich anders dachte wie die Anderen, aber
ich war ihnen irgendwie auch überlegen. Ich war schon früh
selbständiger wie die meisten anderen. Doch dann kam jener
denkwürdige Tag. Seit meinem 2. Lebensjahr hatte ich eine
chronische Bronchitis. Immer und immer wieder war sie akut
geworden. Dann war ich mal wieder krank und konnte nicht zur
Schule. Im Normalfall hustete ich immer mehr wie andere.
Irgendwie musste die starke Verschleimung meiner Atemwege
heraus. Ich registrierte das selber kaum noch. Es gab damals
immer wieder Reihenuntersuchungen vom Gesundheitsamt. Dazu
kam ein mobiles Röntgenfahrzeug zu den Schulen und alle
Kinder wurden durchleuchtet. Irgendwie hatte ich so mit 8
Jahren mal wieder einen etwas stärkeren Husten. Das fiel
einer Frau vom Gesundheitsamt auf. Ich sehe sie heute noch
vor mir sitzen. Es ist einer der ganz wenigen Erinnerungen,
die ich aus meiner Grund-Schulzeit habe. Sie sagte: „Du
hustest aber stark, da müssen wir doch was machen!“. Das
Schicksal nahm seinen Lauf. Heute weiß ich, warum sich meine
Bronchitis so entwickelt hatte. Mein Körper wehrte sich
gegen die Vergewaltigung, besonders gegen eine bestimmte
Praktik. Ich versuchte damit das Schlimme wieder
rauszubekommen. Und als kleiner Junge kann man sich da nur
körperlich wehren. Also hat mein Körper eine chronische
Sache entwickelt, um das, was mit ihm passierte wieder
loszuwerden. So wird es jedenfalls von einschlägigen
Fachleuten gesehen und ich sehe das auch so. Und laut meiner
Mutter begann das ganze mit ca. 1 1/2, 2 Jahren. Ich kann
also damit den Zeitpunkt zumindest ungefähr festmachen. Dazu
kommt das sehr komische Gefühl, dass ich hatte, als ich vor
dem Haus stand, in dem wir zu dieser Zeit wohnten. Ich
wollte nur noch weg von da, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt
überhaupt nichts wusste. Es war vor dem Tag X. Seit dem ich
wieder einiges weiß habe ich sehr oft ein ganz seltsames
Gefühl im Mund. Leider auch nicht weiter verwunderlich.
Die Frau muss dann wohl Kontakt zu meinen Eltern aufgenommen
haben. In den nächsten großen Ferien sollte ich in Kur
geschickt werden. Ich weiß noch, dass ich mich darauf
freute. Ich durfte in eine Art Urlaub, ganz alleine. Das war
doch toll für einen neunjährigen Jungen. Hätte ich gewusst,
was da auf mich zukommt, ich hätte mich wie so oft in
irgendeine Ecke verkrochen und wäre nie wieder
herausgekommen. Das war laut Schilderung meiner Mutter oft
der Fall. Ich habe mich gerne abgesondert und versteckt.
Aber ich konnte natürlich nichts ahnen. Also ging es ab zur
Kur. Danach war mein weiteres Leben endgültig geprägt von
der Gewalt durch andere Menschen. Es waren 6 Wochen Hölle
auf Erden für einen vorgeschädigten Jungen. Ich hatte nur
einen Vorteil: Ich hatte Strategien entwickelt, die mir
halfen, es zu überstehen. Meine Erinnerungen begannen auch
mit diesem Kuraufenthalt. Kleine sexuelle Spielchen fielen
mir wieder ein. Damit begann mein Leidensweg. Hört sich zwar
großspurig an, aber es begann wirklich ein Leidensweg, an
deren Ende auch mein Ende hätte stehen können. Nach und nach
wurde aus diesen Spielereien ein ernsthafter Missbrauch von
der schwersten Sorte. Ich habe mich auch anfangs gegen
gewisse Dinge gewehrt. Aber er verstand es meisterlich
meinen Widerstand durch Psychofolter zu brechen. Ich kann
und will hier nicht sagen, was er tat, aber es war absolut
pervers für einen jungen Menschen wie mich. Ich kann auch
heute noch nicht darüber reden. Dieses Monster von 16 Jahren
wusste genau, dass er mit Schlägen nichts erreichen würde.
Im Gegenteil, es wäre eventuell den Betreuerinnen
aufgefallen. Wir mussten uns nämlich jeden morgen von Kopf
bis Fuß unter ihrer Aufsicht waschen. Blaue Flecken hätte
sie sehen müssen. Das wusste er. Er hatte zwar auch in
dieser Hinsicht ein ganz nettes Spiel drauf, um seinen
Gewaltphantasien nachzukommen. Wir mussten so tun, als
schliefen wir. Dann hat er uns solange geschüttelt, bis
jeder Mensch reagiert hätte. Als Strafe gab es dann Schläge
auf den nackten Po. Er zog mir dann selber die
Schlafanzugshose runter und schlug ziemlich heftig zu. Oft
genug hat mir der Po danach noch am nächsten Tag wehgetan.
Was ich als besonders schlimm empfand, war die Tatsache,
dass der andere neunjährige Junge, der in unserem Zimmer
war, lachend daneben stand. Ich war dann immer sehr fertig
mit der Welt. Ich schämte mich zu Tode.
Auch über die Folter hat er gelacht. Er empfand es wohl als
lustig. Heute kann ich zwar als Erwachsener seine Reaktionen
etwas besser verstehen. Aber damals war ich total gedemütigt
und zerstört. Ich wollte nur noch, dass das Monster damit
aufhörte. Also wehrte ich mich auch nicht gegen die
folgenden Vergewaltigungen auf der Toilette. Ich weiß auch
nicht, ob er nur mich vergewaltigt hat oder auch einen der
beiden anderen Jungs. Wir waren insgesamt nur 5 Kinder in
diesem gesonderten Schlafsaal. Ein 7 Jahre alter Junge, wir
zwei Neunjährige, ein 14 Jähriger, den er in Ruhe ließ und
er. An dem 7 Jährigen spielte er öfters herum. Der empfand
es auch als lustig. Ich kann heute noch sein lachen hören.
Es hat für mich immer noch etwas Grausiges an sich. Ich
dachte immer nur, merkt er denn nicht, was er da mit dir
macht. Heute weiß er es eventuell. Und der andere
Gleichaltrige war von Anfang an williger. Er hat freiwillig
alles mitgemacht, so wie ich mich erinnere. Er wusste nicht,
was da mit ihm gemacht wurde. Ich wusste sehr wohl, dass es
nicht OK ist, was da passiert. Ich konnte mich aber auch
nicht gegen seine Überlegenheit wehren. Es ging einfach
nicht. Ohnmächtig ließ ich es geschehen. Ich erinnere mich
an verschiedenes. So mussten wir jüngeren nackt vor unseren
Betten antreten. Er nannte es Kontrolle. Es war wohl eher
eine Art Auswahl für ihn. Wer ist denn heute Abend reif oder
so. Ich kann mich erinnern, dass ich versuchte mich mit den
Händen zu bedecken. Ich musste sie wegnehmen. Wir mussten
uns dann auf der Stelle drehen, damit er alles genau
beobachten konnte. Wir waren wohl ein schöner Anblick für
ihn. Mir wird jetzt noch übel bei dem Gedanken.
Wir mussten uns ab und zu auch auf ihn legen und so machen,
als würden wir es mit ihm treiben. Ich weiß noch, wie ich
auf seinem nackten Po lag und nicht wusste, was ich da
sollte. Ich empfand nur Scham und Ekel. Ich musste mir
vorher die Schlafanzugshose ausziehen. Ich lag also nackt
auf ihm. Wenn dann in diesem Moment jemand hereingekommen
wäre, hätte es wahrscheinlich noch geheißen, ich hätte das
ja freiwillig getan. So oder so ähnlich habe ich gedacht. Es
war fürchterlich. Ich hätte mit niemanden darüber reden
können, so sehr habe ich mich auch schuldig gefühlt und mich
geschämt.
Mein Glück war, dass die Kur nach 6 Wochen um war und er
keinen weiteren Zugriff auf mich hatte. Nur meine Welt war
danach eine andere. Mein Vertrauen in die Erwachsenen war
endgültig zerstört. Wem sollte ich noch trauen? Meine Mutter
hatte mich dorthin geschickt und nicht beschützt. Die
Betreuerinnen haben nichts gemerkt und nur geschimpft. Es
war gelaufen. Ich kam total verändert zurück. Ich weiß
heute, dass meine Mutter damals etwas gemerkt hatte. Es war
der Grund dafür, dass sie meinem Bruder von dem ersten SMB
erzählte. Er war damals ca. 17 Jahre alt. Es war direkt nach
diesem Kuraufenthalt. Ich wurde zu einem kranken,
eigensinnigem kleine Jungen, der sich keine Illusionen mehr
machte. Ich verzog mich immer mehr in meine Traumwelt. Immer
wieder kam die innere Wut und Enttäuschung nach oben.
Wutausbrüche waren die Folge. Ich duckte mich immer vor den
Gefahren, die für mich überall lauerten. Dadurch begann mein
Kreuz sich in der folgenden Wachstumsphase an zu verkrümmen.
Immer häufiger quälten mich heftig Kopfschmerzen. Mit ca. 11
Jahre kamen sie zum ersten Male. Sie waren so heftig, dass
ich Ohnmächtig wurde. Was folgte, war der übliche Weg. Meine
Mutter schleifte mich von Arzt zu Arzt. Sie gab mir die
stärksten Medikamente gegen meine Schmerzen. Sie sah ja, wie
ich litt. Wenn ich Kopfschmerzen hatte, sah man das sofort.
Mein Kreislauf sackte dann weg. Ich zog mich dann immer
wieder zurück. Ich brauchte dann meine Ruhe. Bis heute
reagiere ich auf Schmerzen auf diese Weise. Ich will dann
nur noch Ruhe haben. Andere Kinder haben Bonbons bekommen,
ich bekam Buscopan Comp, Ergo Kranit, Ergo Sanol usw. Was
der Giftschrank hergab, bekam ich. Es waren Medikamente, die
sie sich verschreiben ließ. Und ich nahm sie dann. Bis
ungefähr zum 17, 18 Lebensjahr machte ich das mit. Von heute
auf morgen hörte ich aber damit auf. Ich wollte nicht mehr.
Irgendwie merkte ich, dass das nun wirklich nicht mehr gut
sein konnte. Heute nehme ich ab und zu noch Aspirin oder
Paracetamol, wenn es besonders schlimm ist. Aber dass ist es
dann schon.
Alles Weitere war dann zwangsläufig. Meine Gefühlswelt war
und ist bis heute gestört. Ich bin zwar zum Glück ein
friedlicher Mensch geworden, bin im Normalfall höflich und
respektvoll zu anderen Menschen, auch zu Kindern. Diese
wissen das sehr wohl zu schätzen, dass ich sie so akzeptiere
wie sie sind und durchaus ernst nehme. Denn ich weiß ja von
mir, wir schön es gewesen wäre, wenn mich ein Erwachsener
ernst genommen hätte. Meine Sexualität hat sich nicht normal
entwickeln können, ich war immer sehr gehemmt in solchen
Dingen. Lange Zeit habe ich meinen Körper ignoriert, was
auch eine ganz normale Reaktion ist. War er krank, habe ich
es einfach hingenommen und bin erst im letzten Moment zu
einem Arzt gegangen. Selbst zur Bundeswehr bin ich gegangen.
Mit ein wenig Einsatz hätten sie mich sicher nicht genommen.
Aber wie immer wollte ich nicht darüber reden. Ich bin ich
und meine Probleme gehen Niemand was an.
Ich dachte früher immer, ich bin so und es ist normal.
Menschen sind nun mal verschieden und du bist ein
Sonderling. Irgendwie war ich auch stolz darauf. Auf
verschiedene Dinge kann ich sicher auch stolz sein. Trotz
aller Vorkommnisse habe ich mich anderen gegenüber immer
fair verhalten. Ich habe auch einen ausgeprägten
Gerechtigkeitssinn. Kein Wunder, ich habe in meiner Kindheit
viele Ungerechtigkeiten schlucken müssen. Ich akzeptiere
auch die Meinung anderer Menschen, sofern sie nicht meinen
Grundsätzen widersprechen. Ich bin weder ein Rassist (ich
kann noch nicht einmal diese Grundhaltung verstehen), ich
akzeptiere und respektiere Frauen und kann vielen Dingen der
Emanzipationsbewegung nur zustimmen und habe mich auch schon
selber engagiert dafür. Ich mag keinerlei Extremisten, egal
aus welcher Richtung sie kommen, ich verabscheute Gewalt,
ich liebe den Frieden. Ich feiere gerne schöne Feste im
Freundeskreis und koche sehr gerne für sie. Und das hat mir
in den Jahren einen wunderbaren Freundeskreis beschert. Ohne
den würde ich nicht überleben.
19.1.2004
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(C)
jetzt.trotz-allem.org 2006 |
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