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Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott
und die Welt |
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Gedanken über mein Leben VII.
Jahre, wo seid ihr geblieben? |
2005 haben wir nun. Also über 2000 Jahre nach Christi
Geburt. Wie mag es ihm ergangen sein, wie war seine Jugend,
seine Kindheit? Das Neue Testament schweigt sich da aus.
Auch ich schwieg lange und beginne nun mein "Testament" zu
schreiben. Es wird sicherlich eine Geschichte, die eine
andere ist, wie sie Jesus erlebte. Er lebte in einer längst
vergangenen Zeit, in der die Menschen noch anders dachten
über die Rechte des einzelnen Menschen. Sklaverei war noch
eine ganz normale Sache, Kinder waren oft nichts wert. Erst
er begann sich darüber Gedanken zu machen, war wohl einer
der ersten der über eine Art Menschenrechte sprach in
Europa, dass zu seiner Zeit von den Römern beherrscht wurde.
Jener Kultur, in der es zum guten Ton unter den Reichen
gehörte, sich mit Knaben und jungen Mädchen zu vergnügen.
Kein Bordell zu der Zeit, dass was auf sich hielt, dass
nicht junge Menschen im Angebot hatte. Zum Glück hat sich
aber die Zeit geändert. Auch damals war es sicherlich für
ein Kind dieselbe seelische Zerstörung wie heute. Heute
haben wir die Chance, darüber zu reden und auch gerichtlich
jene Monster, die wie selbstverständlich ein Kind
missbrauchen, zu belangen.
Was hat sich geändert? Ich selber bin 1959 geboren, ich bin
heute 46 Jahre alt. 14 Jahre nach dem Ende einer der
schlimmsten Zeiten der Menschheit in Europa wurde ich
geboren. Zählt man die Opfer des 1000jährigen Reiches, ist
selbst der 30 Jährige Krieg harmlos gewesen. Deutschland lag
zum Teil noch in Trümmern, meine Eltern kämpften in der DDR
um das Überleben für sich und ihre inzwischen 5 Kinder.
Beide mussten ihre ganze Energie bringen, um uns zu
ernähren, zu kleiden und uns ein Dach über dem Kopf zu
liefern. 1953 gab es einen sicherlich berechtigten Aufstand
gegen die unzumutbaren Zustände in der DDR. Ein wenig kann
ich davon ahnen, wenn ich an unseren Besuch in Rumänien 1972
denke. Extrem, was es da alles nicht gab. Die
Schwiegereltern meines Bruders fuhren z.b. 100 km wegen ein
paar Rollen Toilettenpapier. Grundnahrungsmittel waren
extrem knapp, in einer Metzgerei gab es nur eine einzige
Wurst zu kaufen, die Bestand zu 90 % nur aus Fett. Ansonsten
hatten sie nichts in der Auslage. Fast alles war Mangelware,
selbst Mehl und Zucker. Benzin war rationiert, obwohl
Rumänien eigene Erdöl-Vorkommen hatte. So ungefähr muss es
damals in der DDR ausgesehen haben. Und dann 5 Kinder, die
ernährt werden wollten. Das erklärt vielleicht einige der
Probleme von damals und das, was dann passierte.
Er wurde 1945 geboren. Es kamen sehr harte Jahre, Jahre, in
denen es sehr wenig Nahrung gab, sehr wenig Heizmaterial in
dem zerstörten und in Trümmern liegenden Berlin. 1947 wurde
der zweite Sohn geboren, mitten hinein in die schlimmsten
Jahre nach dem Krieg. 1959 war alles schon ein wenig besser.
Aber nur ein wenig. 1952 und 1954 wurden zwei weitere Brüder
von mir geboren. Eine scheinbar intakte Familie im
Nachkriegsdeutschland. Vieles befand sich im Auf- und
Umbruch. Im Westen übte man sich in scheinbarer Demokratie,
in der DDR herrschte ein totalitärer Staat der sich
sozialistisch schimpfte und die Menschen regelrecht
knechtete. Als vorbildlich wurde die Betreuung der Kinder
angepriesen. Schon im Babyalter mussten die Kinder oft
tagsüber in die Horte, da die Eltern arbeiten mussten, oft
10 bis 12 Stunden am Tag, um die Familie mit dem Nötigsten
zu versorgen. Nur was passierte in diesen Horten? Die
Geschichten würden Bände füllen. Wer zu diesem Zeitpunkt in
der DDR aufwuchs, kann sehr oft von seelischen Grausamkeiten
berichten, bis hin zum SMB durch die jenigen, die die Kinder
betreuen sollten. Am Rande weiß ich davon, wurde es mir auch
erzählt, dass es nicht so war, wie es ein sollte. Erst viel
später konnte mein 2. ältester Bruder am Rande darüber
reden, dass damals etwas passiert sein musste. Er redete in
dem Sinne bis heute nicht darüber. Auch der älteste war
davon betroffen. Auch die Erzählungen meiner Mutter über
sein Verhalten als Kind weisen ganz deutlich daraufhin. Es
war schon immer schwer gestört, aufsässig schon als
Kleinkind, verhaltensgestört. So kenne ich eine Erzählung,
die sich in mir eingeprägt hat. Es war sein Verhältnis zum
eigenen Kot, mit dem er Wände beschmierte. Er war ca. 3
Jahre alt.
Ich gehe heute davon aus, dass er in dem Kinderhort sexuell
Missbraucht wurde und meine Eltern damals nicht dazu in der
Lage waren, dies zu erkennen. Ob es viel genützt hätte, ist
eine Frage. Wer hat zu der Zeit sich um die Bedürfnisse
eines Missbrauchten Kindes gekümmert? Niemand! Selbst heute
ist es wohl immer noch ein Tabuthema, viele können damit
nicht umgehen, viele schauen einfach weg. Dazu kommen die
oft sehr schlimmen und unverständlichen Reaktionen der
Justiz, die Täter mit Samthandschuhen anfassen und jede noch
so kleine Kleinigkeit als strafmildernd bewerten. Dies ist
oft ein schwerer Schlag ins Gesicht der Opfer, die mit
Unverständnis hören müssen, dass Täter mit 2, 3 Jahren Haft
davonkommen, obwohl 10 Jahre möglich wären. Was bewegt einen
Richter, eine Richterin, solche Urteile zu fällen? Mit
welcher Verachtung begegnen diese Menschen den Opfern dieser
Verbrechen? Ich kenne eine Äußerung eines anderen Richters
gegenüber einem Täter: Ich bedaure sehr, dass ich ihnen
keine höhere Strafe geben kann, aber die Gesetze erlauben es
nicht. Ginge es nach mir, würde ihre Strafe erheblich höher
ausfallen.
Ich glaube diese Meinung des Richters war eine der wenigen
ehrlichen und offenen. Nur damals gab es kaum
Verurteilungen, vor allem nicht in der DDR. Selbst heute
denken viele Menschen, dass sexueller Missbrauch nur an
Mädchen stattfindet. Das ist eine jener schlimmen Irrtümer,
die es uns Männern so schwer machen, darüber zu reden.
Selbst Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts
plädierten einige grüne Abgeordnete für jene unmenschlichen
Forderungen der Pädo-Lobby nach einem einvernehmlichen Sex
zw. Erwachsene und Minderjährigen. Und erst um 1985 gab es
mit Zartbitter die erste Organisation, die sich überhaupt
den Belangen von Jungs widmete, die sexuell missbraucht
wurden. 1985 war ich Erwachsen und hatte längst jene
Grausamkeiten aus meiner Kindheit verdrängt. Um wie viel
schwerer war es damals, als mein Täter missbraucht wurde.
Niemand kümmerte sich um solche Kinder. Es ist sicherlich
keine Entschuldigung für sein späteres Verhalten. Es ist
eher eine Anklage an die Gesellschaft, die solches
ignorierte und damit den Weg für ihn bestimmte. Es verlor
damals wohl jede Achtung vor dem Leben und den Rechten
anderer. Irgendwie wundert es mich nicht. Nur ist es
sicherlich kein Grund, andere Menschen zu missbrauchen.
Bestes Beispiel sind wir anderen Brüder. Wir haben alle
negative Erfahrungen gemacht. 2 von uns wurden von ihm
behandelt wie sein Eigentum, mich hat es am schlimmsten
erwischt. Er verging sich ca. 3 Jahre an mir. Vor mir hatte
er sich an meinem Bruder einmalig vergriffen, er wehre sich.
Und danach war die Tochter einer Bekannten meiner Eltern
fällig. Dabei wurde er erwischt. Man hielt es für ein
Doktorspiel. Er war 13 Jahre alt, sie 8. Dann kam ich. Ein
sehr bequemes Opfer, dass sich nicht wehren konnte. Ich war
einfach zu jung. Er war 14 Jahre alt. Ein kindliches
Monster, das ohne Rücksicht sich an seinem jüngsten Bruder
vergriff, so oft es sich ergab. Erst als ich 3 1/2 Jahre alt
war erwischte ihn meine Mutter mitten bei der
Vergewaltigung, in der Küche auf einem Stuhl, ich nackt aus
seinem Schoß. Eine jener Stühle habe ich 2003
stellvertretend in einem Wutanfall zerstört.
Sie sorgte in der Folgezeit dafür, dass er keinen Zugriff
mehr auf mich hatte. Es muss für alle eine schreckliche Zeit
gewesen sein. Meine Mutter wurde ein Jahr später so schwer
krank, dass wir zu Pflegeeltern kamen für ca. 3 Monate. Er
selber war inzwischen geflohen, weil er der ständigen
Überwachung überdrüssig war. Daneben hatte er eine so große
Unzufriedenheit, dass er eine Bank überfallen wollte. Es kam
zu seinem Glück nicht dazu. Er scheiterte schon beim
Diebstahl des Fluchtfahrzeuges. Vor kurzem erfuhr ich, dass
mein Vater ihn abholte und er die 30 km nach Hause zu Fuß
laufen musste. Mein 2. ältester Bruder erzählt mir dies.
Erst heute wurde ihm bewusst, warum mein Vater so hart
reagierte. Er hatte wohl auch noch jene Szene vor Augen, die
ihm meine Mutter erzählt hatte. Ich hatte erst gedacht, dass
es gut so war, dass mein Vater nichts davon wusste. Doch dem
war offensichtlich nicht so. Ich hatte die Befürchtung
geäußert, dass er sich vergessen würde. Doch er war so
vernünftig, es nicht zu tun. Meine Mutter hätte mit 4
Kindern alleine dagestanden. Das wäre sicherlich auch nicht
gut gewesen.
Hilfe für Eltern zu der Zeit gab es nicht. Selbst heute ist
dies noch immer problematisch. Oft muss ich lesen, dass
Eltern in solchen Situationen allein gelassen werden. Warum
ist das so? Und dann die Einstellung gegenüber missbrauchte
Jungs. Noch immer ist es für viele unverständlich,
unglaubhaft, dass Jungs so was passieren kann. Gerade diese
Einstellung begünstigt die Täter und Täterinnen. In dem
Bundesland, in dem ich lebe, gibt es keine Anlaufstelle für
Jungs. Keine Adresse, keine Telefonnummer, an die sie sich
wenden könnten. Alleingelassen, verstört, müssen sie ihr
Schicksal ertragen. Mädchen geht es zwar nicht viel anders,
auch sie müssen oft genug aus eigener Kraft sich melden. Und
oft genug sind die Jugendämter so blind, dass sie in die
Hölle zurück geschickt werden. Ich frage mich, was in den
Köpfen jener Leute vorgeht, die es wagen, Kinder in die
Hölle zurückzuschicken. Woher kommt diese Ignoranz der
staatlichen Stellen? Zorn, eiskalte Wut und Gänsehaut
stellen sich bei mir ein, wenn ich die vielen Berichte über
die Reaktionen der Jugendämter lesen muss. Jahrelang
ertragen die Kinder fast täglich den Missbrauch, endlich
finden sie die Kraft sich zu wehren und dann werden sie
kommentarlos in die Hölle zurückgeschickt.
Was geht in den Köpfen dieser Menschen ab frage ich mich.
Erst die Initiative von privaten Organisationen wie
Dunkelziffer ist es zu verdanken, dass Opfer eine reelle
Chance haben, dieser Hölle zu entfliehen. Nur seit wann gibt
es solche private Initiativen? Viele Gruppierungen konnten
erst in den letzten 5 Jahren so richtig Fuß fassen. Die
meisten, so wie Wildwasser, kümmern sich um Frauen und
Mädchen. Und das ist schon eine Aufgabe, die kaum zu
bewältigen ist. Hier gibt es eine kleine Organisation, die
sich um Mädchen kümmert, ständig ums Überleben kämpft, weil
die Unterstützung in der Gesellschaft einfach so gut wie gar
nicht da ist. Kaum sagt jemand die Wahrheit, wird von vielen
von Netzbeschmutzung gesprochen. Solche Reaktionen konnte
ich schon live erleben. Für mich eine gottlose Ignoranz,
wenn ich an meine Einleitung denke. 300 Menschen kamen zu
einer Demo, es hätten Tausende sein müssen. Und das mit der
fadenscheinigen Begründung, dass es gegen sie und den Ort
gehen würde. So ein absoluter Schwachsinn. Missbrauch ist
nicht an Orte und soziale Kreise gebunden. Erst vor kurzem
las ich wieder einen Bericht, dass man bei mehreren Richtern
Kinderpornografische Bilder auf ihren privaten PCs gefunden
hatte. Die Täter kommen in allen Kreisen vor. Und der Moloch
Internet gibt den Tätern die Möglichkeit, sich fast anonym
auszutauschen. So wichtig ich es finde, dass wir Überlebende
uns mittlerweile offen über dieses Medium austauschen
können, so schlimm sind die dunklen Seiten dieses Netzes.
Wenn dieses Medium das Spektrum der Täter und Opfer
wiederspiegelt, dann wird mein Verdacht bestätigt. Beim
Austausch mit jemanden, der investigativ im Netz unterwegs
ist um der Flut an jenen schrecklichen Bildern Herr zu
werden, teilte mir diese Person mit, dass auf ca. 2/3 aller
Bilder nicht etwa Mädchen dargestellt werden. Der größte
Teil zeigt Jungs in eindeutigen Posen und Situationen. Vor
nichts wird hier halt gemacht. Selbst die schlimmsten
Phantasien werden hier noch übertroffen. Ich habe schon kurz
nach meinem Erwachen den Verdacht geäußert, dass die Zahlen
wahrscheinlich nicht ganz stimmen, was der MB an Kindern
betrifft. Ich sage dass es mindestens genau so viele Jungs
wie Mädchen sind. Und die offiziellen Zahlen sprechen von
jedem 3. Mädchen. Also auch nach meiner Ansicht jeder 3.
Junge. Dagegen ist das Hilfsangebot für Jungs mehr als
dürftig. In einer kurzen Phase, in der ich ziemlich tief am
Boden war, formulierte ich den Satz: Bitte vergesst uns
nicht! Es war sehr ernst gemeint. Ich suchte nach Seiten im
Netz, um Informationen zu finden über mich als männlicher
Überlebender. Ich fand sehr viel Seiten über Missbrauch,
aber die meisten handelten nur über Mädchen und Frauen. Ich
war sehr enttäuscht, fühlte mich alleine gelassen. Ich
wollte schon meine Fühler wieder einziehen, weil ich einfach
keine Anerkennung für mich fand. Ich war Opfer, nicht Täter
und trotzdem Mann. Ich verstehe es, wenn eine missbrauchte
Frau damit ein Problem hat. Aber gerade hier fand ich oft
mehr Anerkennung als bei anderen Menschen. Es ist für uns
eine besonders kritische Situation. Wir sind Männer,
empfinden als Mann, egal ob hetero- oder homosexuell
ausgerichtet. Findet man(n) dann nur Texte, die über Männer
als potentielle Täter handelt, macht sich eine große
Enttäuschung breit. Ich habe dann bei Tauwetter eine der
ersten Stellen gefunden, die mich und meine Probleme
verstanden.
Dabei sind die Probleme von Mann und Frau als Opfer gar
nicht so unterschiedlich. Ich habe das Glück gehabt, in
meinem Bekanntenkreis Frauen gefunden zu haben, die ähnliche
Erfahrungen gemacht hatten. Wir verstanden uns sehr gut. Und
bei Vergleichen stellte sich heraus, dass wir mit sehr
ähnlichen Problemen kämpfen. Nur selten stellte sich da ein
geschlechtspezifischer Unterschied heraus. Selbst beim Thema
körperlicher Erfahrungen, Problemen mit Nähe zu dem
sexuellen Partner/Partnerin ergaben sich sehr ähnliche
Probleme. Anders sieht es aus, wenn man versucht Kindern zu
helfen. Dies liegt aber sicher viel an der unterschiedlichen
Erziehung der Kinder. Jungs wird es oft schon klar gemacht,
dass sie einfach anders zu reagieren haben, weil sie Jungs
sind. Der dumme Spruch, ein Indianer kennt keinen Schmerz
sagt in meinen Augen alles. Ich weiß, dass ich als kleiner
Junge kaum geweint habe. Mein mittlerer Bruder bestätigte
mir, dass das Thema Gefühle bei uns in der Familie kein
Thema war. Wir lernten schon früh, dass wir unsere Gefühle
besser für uns behalten sollten. Das Leben ist einfach so
und wir hatten gefälligst im Sinne der Gesellschaft zu
funktionieren und da sind Gefühle für Männer nur hinderlich.
Ein Mann hat hart zu sein. Und ein Mann, der Gefühle zeigt,
ist nicht normal. Heute weiß ich, dass so eine Einstellung
nur Schwachsinn ist. Mädchen wird teilweise die Grundlage
entzogen sich gegen schlimme Dinge zu wehren, werden als
zickig und prüde dargestellt, Jungs wird es verboten, ihre
Gefühle zu äußern. Und dann kommt es soweit, dass später
Frauen sich zu Recht beschweren, dass ihr Mann nicht über
sich reden kann. Wie auch, er hat es nie gelernt, nicht
gelernt, dass man zuhören kann und darf und hat nie gelernt,
über sich zu reden. Ich weiß es aus eigener bitteren
Erfahrung. Ich habe früh gelernt, dass es nichts bringt,
seine Gefühle zu zeigen. Was macht ein Baby, dem man wehtut.
Es weint und schreit. Und wie reagiert eine Mutter darauf?
Nach dem 5. Kind reagiert sie mit Gelassenheit. Na und, das
Kind weint. Kinder weinen halt und das Kind weint nun mal
ein wenig mehr. Na ja, kein Wunder, es war ja oft wund.
Salbe und Puder drauf und gut. Und gegen Wutanfälle hilft
kaltes Wasser. Keine Zeit, zuviel Arbeit und morgen früh
geht es weiter im Trott. Keine Zeit für Gefühle. Was macht
das Kind? Es lernt, dass es nichts bringt, es stellt das
Weinen ein und erträgt die Qualen, die man ihm zufügt.
Vielleicht versucht es sich zu wehren, wenn es alt genug
wird. Ich habe es mit ca. 3 Jahren versucht. Es wäre fast
für mich schief gegangen. Er war 17 Jahre alt,
durchtrainiert. Ich hatte keinerlei Chance, mich gegen seine
Übergriffe zu wehren. Meine Eltern merkten nichts davon, er
vertuschte es und ich konnte nicht darüber reden. Erst als
sie ihn mitten drin erwischten war es klar und ich hatte
endlich meine Ruhe. Nur echte Hilfe in meiner Verstörtheit
bekam ich nie, erst heute, über 40 Jahre später war Hilfe
möglich. Heute kann ich jene Vorfälle verarbeiten, die ich
als kleines Kind erlebte. Meine Eltern waren der Ansicht,
dass Schweigen das beste wäre für mich. Sicherlich, Hilfe
gab es keine damals, 1963 in Deutschland. Sie hatten das
Problem, einen 4 jährigen Jungen zu haben, der sich
sicherlich seltsam verhielt und einen fast 18 jährigen Sohn,
der Schreckliches getan hatte, ohne einzusehen, was daran
schlimmes war. Ich habe 2003 einen Text dieses Monsters aus
dieser Zeit gefunden. Es war schrecklich für mich zu lesen,
mit welchen Worten er sein Schicksal beklagte. Seine Eltern
wären ach so streng zu ihm. Warum wohl, du Monster! Kein
Wort darin, nur ein Satz, dass er wohl einen kleinen Fehler
gemacht hätte. Ein kleiner Fehler war ich also. 3 Jahre SMB
nur ein Fehler? Sonst nichts?
Erst jetzt merken einige Menschen, dass auch Jungs Opfer
sein können. Auf Mädchen achtet man schon etwas mehr heut zu
Tage. Aber 1968 dachte keiner auch nur am Rande daran, dass
Jungs von SMB betroffen sein könnten. So was durfte gar
nicht sein in dieser Zeit, wir existierten einfach nicht.
Und doch schlug dass mir wohl vorbestimmte Schicksal erneut
zu. Weil ich all das, was er mit mir machte, alleine mit mir
ausmachen musste, hatte ich schon früh eine chronische
Bronchitis entwickelt. Mit 1 Jahr ca. entwickelte ich diese
Krankheit. Mein Körper wehrte sich auf diese Art und Weise
gegen eine gewisse Praktik von ihm. In meinen Flashbacks
durchlebte ich diese Situationen wieder und immer wieder.
Bis heute reagiert mein Körper mit dieser Krankheit. Als
kleiner Junge, somit 7 rum, wurde es immer schlimmer statt
besser. Mit 9 schickten sie mich deswegen in Kur. Eine gute
Idee, so eine Kur für einen kranken Jungen, der sich mit so
einer Krankheit herumquälte. 6 Wochen, während der großen
Ferien 1968 fuhr ich zur Kur und begegnete dort einer
weiteren Bestie. 16 Jahre war er alt. Ein scheinbar ganz
normaler Junge. Nur das war er nicht. Wenn ich ehrlich bin,
weiß ich, dass er nicht von alleine auf seine bestialischen
Ideen kam. Er muss einen Lehrmeister gehabt haben. Also
wahrscheinlich wurde er auch missbraucht und hat sich dann
aber viel abgeschaut und bei mir angewand. Ich war wohl für
ihn gerade im richtigen Alter. Er missbrauchte zwar auch den
7 jährigen Jungen, der ebenfalls in unserem Zimmer
untergebracht war, nur war der wohl dann doch etwas zu jung
für seine Bedürfnisse. Der Ärmste machte vieles relativ
freiwillig mit und ließ es sich gefallen, dass er ihm am
Geschlechtsteil spielte. Er wird heute zu den vielen
gehören, die alles für immer verdrängt haben. Es mag gut für
ihn sein. Mir spielte er sehr übel mit. Ich wehrte mich
anfangs gegen seine Übergriffe und er verstand es mich durch
Folter und Misshandlungen zu brechen. Gerade dies ist es,
was mir heute besonders nachgeht. Ich frage mich, was meine
Eltern dachten, als ich von der Kur zurückkam. Sie müssen
bemerkt haben, dass ich mich geändert hatte. Nur wie schon
beim ersten Fall wurde darüber nicht gesprochen. Nur nicht
berühren, nur nicht fragen, was der kleine Junge hat. Es
könnte ja dazu führen, dass der erste Fall wieder hoch
kommt. Und das durfte nicht sein. Also lieber den kleinen
Jungen alleine lassen mit seinem offensichtlich verstörten
Verhalten. Das gibt sich mit der Zeit. Nun ja, es gab sich
in sofern, dass ich es einfach verdrängte. Ich war ja in
guter Übung. Ich sehe heute noch jene Traumsequenzen von
damals. Nur schlief ich nicht. Ich war halb wach. Ich hörte
mein Stöhnen, wenn ich durch diese unheimlichen, dunkeln
Gänge schwebt, die immer dunkler wurden. Ich hatte Angst.
Jeden Abend das selbe Spiel. Ich gehe ins Bett, schließe die
Augen und wusste, gleich bist du wieder in jener Welt. Wem
sollte ich meine Angst erklären? Meine Brüder, die im
Nebenzimmer schliefen, beschwerten sich darüber, dass ich
immer so laut stöhnte. Es gab keine Reaktion darauf. Ich
weiß nicht mehr, wie lange der Alptraum dauerte, es war aber
lange, ca. 1/2 Jahr lang. Danach hatte ich alles verdrängt.
Aber nur das Wissen war weg. Die Reaktionen waren noch da.
Wut, Unverstehen, Ängste, alles war noch da. Ich reagierte
auf etwas, von dem ich nichts mehr wusste. Und ich war
gerade mal 10, 11 Jahre alt. Und noch immer merkte niemand,
dass ich Hilfe gebraucht hätte. Es wurde ignoriert. Ich
musste mich selber vor allem schützen, jegliches Vertrauen
war weg. Ich weiß, dass ich zu der zeit neben meinen Ängsten
auch schon sehr sarkastisch war. Es war ein gewisser
Fatalismus. Ich war oft alleine, wollte es auch sein. Keiner
konnte mich verstehen, ich hatte spätestens mit 7 schon
angefangen, mich nach innen zurückzuziehen. Ich kann mich an
einzelne Situationen aus diesem Alter erinnern. Ich war am
liebsten alleine, entweder im Haus bei schlechtem Wetter
oder im Garten bei gutem Wetter. Und jede noch so kleine
Zuwendung wurde von mir hungrig aufgenommen. Nur war es
nicht viel, was da kam. Die Mutter voller Berührungsängste,
der Vater die Woche über nicht da und schon auf dem Wege
Alkoholiker zu sein, die Brüder alle viel älter und mit sich
selber beschäftig. Da blieb für einen kleinen Jungen, der
voll Unverständnis in seine Welt schaute, nicht mehr viel.
Ich hatte früh gelernt, geduldig alles hinzunehmen, also
auch das. Und die Qualen aus er Kur nahm ich genauso hin und
musste es mit mir selber austragen.
Mit ca. 13 kauften meine Eltern zwei Shetland-Ponys. Ironie
des Schicksals. Ich glaube mal, dass meine Eltern uns
Kindern damit etwas geben wollten, was sie uns so nicht
zeigen konnten. Und ich war stolz darauf. Ich konnte Reiten,
konnte mit einer Kutsche durch das Dorf fahren. Es war sehr
gut für einen missbrauchten und verstörten Jungen. Nur
konnte niemand ahnen, dass gerade das mein Schicksal
endgültig besiegeln sollte. Die Pubertät begann. Mein Kreuz
war inzwischen so krumm, dass angeblich nur noch ein
Gipsbett und ein Korsett half. In früheren Texten habe ich
das ja schon oft genug geschildert, was es für einen
pubertierenden Jungen bedeutet, Tag ein Tag aus mit einem
Korsett rumzulaufen. Und nachts ging es ins kalte und zugige
Gipsbett. Nun, die Ponys brachten einen Ausgleich. Sogar
eine Art erste Liebe war mit ihnen verbunden, ein junges
Mädchen, dass ich sehr mochte. Nur wagte ich es nie, sie
wirklich anzusprechen. Sie kam mit einer Freundin oft zum
Reiten und zur Pflege der Ponys. Es lockte aber auch den
Täter Nummer drei an. Es war ein Arbeitskollege meines
Vaters der für seinen großen Obstgarten den Pferdemist
regelmäßig abholte. Er war auch der Vater einer ehemaligen
Schulkameradin. Irgendwie war es wohl mein Glück, dass er
sich wohl nicht mehr traute. Er war ein in meinen Augen
alter, kleiner ekliger Mann von ca. damals 55 bis 60 Jahren.
Ich mochte ihn überhaupt nicht. Er war sehr primitiv. Und
dann kam der Tag, an dem er mich das erstemal befummelte. Er
erzählte einen absolut schmutzigen und ekligen Witz. Wie
unbeabsichtigt und als Unterstreichung gedacht, griff er mit
zwischen die Beine und spielte an mir herum. Ich konnte mich
nicht wehren. Ab diesem Tag machte er dies fast jedes Mal,
wenn er den Mist abholte. Und wieder konnte ich nicht
darüber reden. Er war es, der endgültig dafür sorgte, dass
ich mich verschloss. Ich hatte keine Chance mehr. Keine
Hilfe, alleine gelassen und haltlos belogen zu dieser Zeit
von meiner Mutter, die eine tödliche Krebserkrankung
vortäuschte, um ihre Ziele durchzusetzen. Ich fing nun
endgültig an, mich abzukapseln. Nur so überlebte ich die
nächsten Jahrzehnte. Ich war zu einem seelischen Krüppel
geworden. Gefühle versteckte ich tief in mir, blockte alles
ab, was mich verletzen konnte. Auch meine erste große Liebe
konnte ich nur bedingt annehmen und verlor sie deswegen.
Ehrgeizig war ich nie. Ich war zufrieden mir dem was ich
hatte. Nur kein Risiko. Ich war immer mit großer Vorsicht
unterwegs. Sex war zwar schön, aber irgendwo war ich sehr
scheu und körperliche Nähe war auch damals schnell ein
Problem für mich. Es musste immer wieder daran scheitern.
Ich hielt zu der zeit alles für normal. Ich war halt anders
als andere. Ich ging sogar mit einer gewissen Leichtigkeit
durchs Leben. Aber immer wieder berührte es mich seltsam,
wenn ich Berichte über Brutalitäten hörte, egal ob in den
Medien oder im privaten Umfeld. Ich schrieb damals schon
Gedichte. Sie waren mein Mittel, um meinen Gefühlen Ausdruck
zu verleihen. Und meine Zuneigung zu anderen Menschen konnte
ich nur durch meine Handlungen zeigen, nie durch Worte.
Meine Mutter sagte mir mal, dass ich sehr stolz auf meine 2.
Freundin war. Nur gesagt habe ich es nie. Nur meine Blicke
hätten es gesagt. Mehr war leider nicht möglich.
So lebte ich vor mich hin, machte mir über ich selber sehr
wenig Gedanken. Ich liebte meinen Frieden, wollte in Ruhe
leben. Doch es kam anders. Meine Mutter hatte immer gehofft,
dass die Vergangenheit für immer ruhen würde. Ich führte
viele ihrer Probleme immer auf die Kriegserlebnisse zurück.
Doch spielte offensichtlich einiges anders auch eine Rolle.
Sie hat es nie vergessen, was passiert war. Selbst 2 Jahre
vor ihrem Tod musste sie es noch mal erzählen. Davor
erzählte sie sehr ausführlich einer gemeinsamen Bekannten
von jenem Tag, an dem sie ihn erwischte. Das war 1996. Nie
hat sie es vergessen, immer muss es sie beeinflusst haben.
Auch mich hat es beeinflusst, immer. Unser Verhältnis war
immer belastet. Und wird es nun auch immer bleiben.
Erst heute lerne ich, dass ich Gefühle haben darf. Erst
heute bekomme ich jene Hilfe, die ich vor über 40 Jahre
gebraucht hätte. Nur ganz langsam fallen die Fesseln. Ich
spüre noch immer jene negativen Gefühle und Ängste in mir,
die mich schon immer gehemmt hatten. Aber auch den Zorn und
die Wut spüre ich immer wieder. Noch sind diese Gefühle
relativ schwach, aber sie sind endlich da. Auch die Trauer
spüre ich in mir, endlich. Trauer über die verlorenen Jahre,
über das, was mir drei Menschen antaten. Ich teile mein
Schicksal mit vielen Menschen, die wie ich in ihrer Kindheit
gequält wurden, egal ob Frau oder Mann. Wir tragen schwer an
unserer Last, die uns andere in der Kindheit aufgebürdet
haben, ohne Rücksicht, ohne jegliches Mitgefühl für ein
kleines Kind, dass nicht verstehen kann, was jene Menschen
mit uns machten. Uns schlägt immer noch viel Ignoranz
entgegen, man will einfach nichts davon wissen. Noch immer
habe ich oft den Eindruck, dass wir einfach nicht sein
dürfen. Nur zögernd akzeptiert die Gesellschaft, dass es uns
gibt. Fälle wie Levke, Pascal scheinen die Menschen ein
wenig aufzurütteln. Ich frage mich, ob es nur Sensationsgier
ist oder echte Anteilnahme. Ich war auf der Gedenkfeier für
Pascal. Wo waren die Menschen? 300 waren da. Mehr nicht.
Wann verstehen die Menschen, das diese Fälle nur die spitze
eines grausamen Eisberges sind. Nie?
15.2.2005
Sascha
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