Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott und die Welt

 


 

Wieder im Zug


Da sitze ich wieder im Zug, fahr in Richtung nach hause und am Himmel hängen die herbstlichen Wolken und senden ihren Regen zu Boden. Ich merke, wie meine Gedanken schweifen, jenen Punkt am Horizont verlassen, den ich eben noch fixierte. Fragen tauchen auf, Fragen nach dem Warum? Warum mache ich all das, Tag um Tag fahre ich zur Arbeit, jeden Morgen stehe ich auf, reibe mir mein verschlafenen Augen und versuche auf schnellsten Wege mein schlaftrunkenes Hirn in Bewegung zu setzen. Und hab ich mal einen freien Tag, dann sitze ich oft genug wieder vor einem PC, schreibe Texte wie diesen und weiß doch, dass sie nur einen Sinn haben werden: Mich selber besser zu verstehen.

Ich schaue mich um, sehe Menschen um mich, junge, alte, sie blicken verschlossen um sich, jeder hängt seinem eigenen Denken nach so wie ich. Und ich frage mich, was soll das alles? Tief in mir kommen wieder jene Gefühle nach oben, diese Sehnsucht nach Freiheit, nach dem Loslassen von dem bisherigen und dem was früher einmal war, aber auch die Sehnsucht nach jenem Zerrbild dessen was war, das ich in mir trug all die Jahre. Wenig später sitze ich in einem Bistro, lese die Zeitung und finde wie immer einen Bericht über ein missbrauchtes Kind. Der Täter, gerade aus der U-Haft entlassen wegen einem solchen Delikt, hat sich an einem kleinen Jungen vergriffen. Mit 5 Jahren wird er bestraft. Ach der Ärmste, was haben sie ihm alles zu gute Gehalten. Ersttäter, weil er bisher noch nicht verurteilt war, geständig war er und unter Alkohol stand er ja auch. Na, da kann man ja mal von der Höchststrafe von 11 Jahren und 8 Monaten absehen. Da reichen 5 Jahre ja aus. Da hatte der Täter ja Glück, dass es nur um die Seele eines Kindes ging, dass er brutal in einem Park vergewaltigt hatte und nicht um ein Eigentumsdelikt. Da hätten sie ihm nicht soviel nachgelassen. Soviel sind Kinder nun Wert in unserem Staat. Weiter so. Mein Glaube an diesen Staat ist überhaupt nicht erschüttert. Solange es solche Richter gibt, die solche humanen Urteile Fällen, kann ja nichts passieren, außer das weiterhin Kinder einfach in einen Park gezerrt werden und dort vergewaltigt werden. Es sind ja nur Kinder.

Ich bin sarkastisch? Ja, und darauf bin ich stolz. Ich muss sarkastisch sein sonst drehe ich durch. Ich würde es den Eltern des Kindes nicht übel nehmen, wenn sie den Richter anschließend einfach mal über den Haufen schießen würden, und nicht den Täter. Das wäre in meinen Augen zwar nicht in Ordnung, aber verständlich. Solange Richter sich nicht bewusst sind, was sie da zu verurteilen haben, sollten sie ihre Robe nehmen und wegwerfen. Sie haben nichts auf einem Richterstuhl verloren. Diesem Richter hier blieb es erspart, in die Augen von diesem Jungen zu sehen. Ich habe in die meinen geschaut. Ich sah lange Zeit nur Schmerzen in ihnen. Und tiefe Traurigkeit. Das war sicherlich kein Wunder. Ich weiß, wie sich dieser kleine Junge gefühlt haben muss. Er liegt da im Park, dieses Monster besteigt ihn und er hat nur noch Schmerzen in sich. Und so ein Schmerz hält lange an. Er reicht bis zum Lebensende. Ich spüre den Schmerz bis heute. Ich stand damals vor einem Waschbecken in einer kleinen, grauen Toilette, krallte meine kleinen Hände an dem Becken fest und schloss meine Augen so fest ich nur konnte, als er in mich eindrang. Ich war 9 Jahre alt. Dieser kleine Junge war 8. Seine Kindheit ist zu ende, so wie meine damals. Ich kann nur hoffen, dass er die Hilfe heute bekommt, die mir damals versagt blieb. Ich war damals einsam, verlassen. Niemand war da, der mich festhielt, Tränen hatte ich schon lange nicht mehr. Ich verschloss alles tief in mir. Alle Gefühle, alle Empfindungen, alle Schmerzen und alle Ängste versteckte ich in mir, so wie ich es ja schon einmal getan hatte, vor über 5 Jahren. Ich, der kleine Junge wusste ja, dass ich es nur so überlebe. Er hatte es mir ja demonstriert, wie stark er war und wie wenig dazugehört mit 16 Jahren einem 9 jährigen Jungen zu zeigen, wer der Stärkere ist. Mit Gewalt bekommt man jeden klein, besonders wenn man sie so geschickt einsetzt wie er damals. Mein Bruder war da nicht so geschickt. Er hat einfach nur zugeschlagen oder meinen Kopf unter Wasser gedrückt. Ich war ja auch noch jünger und konnte mich noch weniger wehren. Da reichen ein paar Schläge an den Kopf, und schon ist der Kleine ruhig und man kann in ihn eindringen. Und wenn er dann heult, drückt man ihn wie Pascal einfach auf ein Kissen. Dann ist er ruhig. Ich spüre bis heute noch, wie ich mit meinen kleinen Zähne in das Kissen biss, um die Schmerzen zu ertragen. So ein Po eines kleinen Jungens ist nun mal empfindlich und nicht gerade groß. Und das Glied eines 16 Jährigen hat schon normale Dimensionen und tut beim Eindringen sehr weh. Ich habe die Schmerzen heute wieder spüren dürfen. Und ich habe
auch Worte meiner Mutter im Kopf, dass ich als Kleinkind viel geweint habe und oft Wund war. Woher wohl, liebe Mami? Ob da wohl was nicht gestimmt hatte? Aber daran hast du nicht gedacht.

Darum sitze ich heute hier im Zug, hänge meinen Gedanken nach und denke so bei mir: Weit bin ich schon gekommen, vor gar nicht so langer Zeit warst du noch auf einem anderen Weg, einem Weg ohne Wiederkehr. Ich habe gerade mal nachgerechnet. Oktober 2004 haben wir. Nun ist es 16 Monate her, dass ich anfing zu erkennen, dass ich über Jahre hinweg ein falsches Bild von meiner Kindheit hatte. Aus nur wenigen Brocken, die mir geblieben waren an Erinnerungen hatte ich mir selber ein Bild erstellt gehabt das ich mir selber in schönen Farben gemalt hatte. Und fast alles, was da nicht hineinpasste wurde einfach ignoriert. Einige Dinge wusste ich ja noch. Vor 4 Jahren erst so rum hatte ich die Gipsschale entsorgt, in der ich einige Jahre meiner Kindheit nachts verbringen musste. Sie lag noch auf dem Speicher herum. Einfach so. Aus irgendeinem Grunde habe ich sie immer aufgehoben. Es ist schon ein seltsames Spiel, das mit dem Aufheben. Wenige Wochen vor meinem Erwachen aus dem Traum, den ich solange geträumt hatte, habe ich ein weiteres Stück Vergangenheit achtlos entsorgt. Damals aus der Kurklinik, die sich als reinste Hölle entpuppte, hatte ich eine einzige Karte geschrieben. Es war nur Platz für wenige Sätze gewesen. Sie lag mitten in der Hinterlassenschaft meiner Mutter, zusammen mit uralten Bankbelegen und sonstigem Kram. Ich warf sie einfach weg. Andere Dinge tauchten erst zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder auf. Auch das Bild von ihm. Es war so im Oktober so rum, wenn ich mich jetzt nicht irre. Ich hatte immer noch nicht alle alten Unterlagen meiner Mutter entsorgt. Es war ein rote Klappbox. Unschuldig stand sie da rum in der Garage. Ich nahm sie mit hoch und wollte schnell den Inhalt durchsehen. Obenauf lag eine Art Mappe, sehr alt. Ich nahm sie zur Hand und drehte sie herum. Es war so ein Umschlag eines uralten Schulheftes. Vorne stand ein Name drauf, der mich elektrisierte. Sein Name! Der Name meines ältesten Bruders. Ich schlug sie auf. Es waren Briefe darin, Notizen und vieles mehr. Auch ein Bild von einem jungen Mädchen. Ich blätterte darin herum. Es müssen Sachen gewesen sein, die er damals bei seiner Flucht von zu Hause dagelassen hatte. Unter anderem fand ich auch einen Ausweis des Deutschen Sportbundes. Seine Gesicht starrte mich an, als ich den Ausweis aufschlug. So hatte er damals mit 16 rum ausgesehen. Dies war an einem Donnerstag. In meinen Foren postete ich damals: Das Monster hat ein Gesicht bekommen.

Ein scheinbar ganz normaler, gutaussehender junger Mann schaute mich an. Nur ich wusste es besser. Eine Bestie schaute mich an. Bis zum Sonntag dauerte es, bis ich Zusammenbrach. Ich konnte nicht mehr. Flashbacks überfluteten mich, meine Nerven spielten verrückt. In diesen Nächten konnte ich nicht schlafen. Ich hatte nie wieder sein Gesicht in Erinnerung gehabt, so wie es damals aussah. Wie er heute aussieht, weiß ich. Nun wusste ich wieder, wie er damals aussah, als er über mich herfiel. Das Gesicht des 2. Täters habe ich nicht mehr vor mir. Er könnte mir heute über den Weg laufen, ich würde ihn nicht erkennen. Er muss heute um die 52 Jahre alt sein. Da er aus dem selben kleinen Bundesland stamm wie ich, kann es gut sein, dass er mir schon mal gegenüber gesessen hat im Zug, mir über den Weg gelaufen ist, ohne dass ich ihn erkannte. Vielleicht habe ich ihn sogar gesehen, mit ihm gesprochen und ihn sympathisch gefunden. Wer weiß? Man sieht es ihnen ja nicht am Gesicht an. Das Gesicht meines Bruders sagt auch nichts darüber aus, was hinter dieser Stirne vorgegangen ist. Ich war sein drittes Opfer. Mit ca. 13 Jahren rum dürfte er seine erste Tat begangen haben. Ich kenne eines seiner Opfer nur zu gut. Er sagte mal zu mir: Es gibt nicht nur gute Brüder. In diesem Moment war mir klar, was war. Ich konnte es nicht aussprechen. Nicht in diesem Moment. Und nicht ihm gegenüber. Er hätte mir sowieso nicht geglaubt. Er gehört zu jenen Menschen, mit denen ich nicht warm werden kann. Ich spüre, dass er das auch nicht will. Er hat es in dem Sinne auch ausgesprochen. In wie weit das seinem Denken entspricht, weiß ich nicht. Es gibt Handlungen von ihm, die das Gegenteil belegen. Aber darüber sollte ich mir weniger Gedanken machen. Denn ich sitze immer noch in dem Zug, fahre in Richtung nach Hause.

Ich fahre zu dem Haus, in dem ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. In der hintersten Ecke, da wo mal der Pferdestall war, da fand der 3. Missbrauch statt. Da hat mich dieser alte Mann begrabscht, immer und immer wieder. Ich spüre bis heute, wie mir damals schlecht wurde, ich mich nicht mehr rühren konnte. Über 31 Jahre ist es her, und doch spüre ich diese Übelkeit in mir aufsteigen als wenn es gestern gewesen wäre. Selbst nach dem ich es geschafft habe, mit vielem wieder klar zu kommen, wird mir bei diesen Gedanken immer noch schlecht. Es mag daran liegen, dass ich schon etwas älter war und die Erinnerungen an diesen Missbrauch nicht ganz so tief vergraben waren.

Dieses Haus zeugt auch an vielen Stellen von der Vergangenheit. Eine zeitlang hat es mich überrollt. Von hier ging ich fort, sicherlich noch immer leicht angeschlagen vom 1. sexuellen Missbrauch, aber auf dem Weg der Heilung, des endgültigen Vergessens. 9 Jahre war ich alt. Ich hatte ein eigenes Zimmer und konnte mich immer zurückziehen, wenn ich wollte. Es war oft der Fall. Als mindestens 5 Jahre jüngerer Bruder kann man auch gerade in diesem Alter mit den großen Brüdern nicht viel anfangen. Diese steckten ja zu der zeit mitten in der Pubertät oder waren gerade raus. Und der noch viel ältere Bruder war nicht viel zu Hause. Der hatte schon ein Auto, hatte eine Freundin, die er schon mal mitbrachte. Mein Vater war viel unterwegs, die ganze Woche weg und im Haus gab es dann für ihn immer was zu tun. Also beschäftigte ich mich viel mit mir selber. Mein 3. ältester Bruder hat es mir auch noch mal bestätigt. Besuch hat meine Mutter nicht gerne gesehen, wir waren alle in diesem Haus einsam trotz all der Menschen, die dort lebten. Und dann kam das Jahr 1968. Das Jahr, in dem ich zur Kur sollte. Und das wegen einer Folge aus dem 1. Missbrauch. Ich habe von der Abfahrt nur noch ein ganz verschwommenes Bild vor mir. Am Bahnhof trafen wir eine Betreuerin, die uns zum Kurort begleiten sollte. Sie war ganz nett, nahm mich an die Hand und stieg mit mir in den Zug. Mutti blieb zurück und winkte. Das war’s. Ich war natürlich sehr aufgeregt und freute mich auf die Fahrt mit der Eisenbahn. Es wurde eine Fahrt in die Hölle. Wo der spätere Täter zustieg, weiß ich nicht mehr. Ich weiß noch, dass wir bei der Ankunft erfuhren, dass sie uns zusammenlassen wollten, da wir alle aus dem selben Bundesland kamen. Das war sicher vorher schon so abgesprochen gewesen. So kam es, dass wir fünf in ein einzelnes kleines Zimmer im Erdgeschoss untergebracht wurden. Äußerst günstig für den Täter. Denn die nächtliche Aufsicht war im 1. Geschoss, da wo die meisten in großen Schlafsälen untergebracht waren. Wie viele es insgesamt waren weiß ich nicht mehr, aber sicher über 100 Kinder. Und es waren alle Alterstufen von 6 bis 16, 17 so rum. Und es waren nur Jungs. Und wie praktisch für ihn, die Älteren wurden zusätzlich zur Aufsicht eingeteilt. Sarkastisch gesagt, den Bock zum Gärtner gemacht. So auch beim morgendlichen Waschen. Gut, dass die anderen nicht wussten, was ich wusste. Wir mussten uns immer morgens von Kopf bis Fuß waschen. Wir waren also nackt. Er stand dann mit anderen etwas erhöht im Wachsaal und hat wohl die Szene genossen. Vielleicht hat er aber auch bedauert, dass er nur an so wenige Jungs direkt herankam. Vielleicht mussten wir zwei Neunjährigen gerade diesen Umstand ausbaden. Ich hab fast heute das Gefühl.

An die Rückfahrt fehlt mir jede Erinnerung. Ich kann auch heute nicht mehr sagen, wie ich mich bei der Ankunft benahm. Ich weiß nur noch, dass ich sehr verändert zurück kam. Mein wieder mühsam aufgebautes Vertrauen zu älteren war endgültig zerstört. Meine Welt war für lange Zeit zu einem Gefängnis geworden. Ich war der einzigste Insasse und hab es gar nicht bemerkt. Immer freundlich lächelnd, um jedes Stück Anerkennung ringend, krampfhaft meine Maske hochhaltend, so lief ich durch mein Leben.

Ich sitze im Zug, denke an früher und mir läuft es den Rücken herunter, eiskalt. Ich habe sie nicht gezählt, die Dellen in der Wand. In jenem Zimmer, in dem ich eine ganze zeit meiner Kindheit verbracht habe. Mein Zimmer. Eine Delle neben der anderen. Und nie hat einer was gesagt. Die meisten sind von Gegenständen, die ich in meiner Wut dagegen geworfen habe. Einige flache dürften von meinem Kopf sein. Man sieht sie kaum oder gar nicht. Ein Glas ist dann doch härter wie der Schädel eines Kindes. Wut hat mich so oft beherrscht. Aber nur die Wut auf mich selber. Irgendwann mit 13 so rum habe ich gemerkt, dass es mir besser tut, wenn ich nicht mehr mit dem Kopf gegen die Wand schlage, sondern mich selber mit der Faust schlage. Also habe ich es gemacht. Immer wieder. Bis heute mache ich es. Es ist zwar seltener geworden, aber ab und zu passiert es noch, dann schlägt die unliebsame Gewohnheit voll durch. Voll Wut und Hass auf mich selber schlage ich mich, meist um die 6 Schläge direkt auf die Stirn. Es geht ganz schnell. Dann laufe ich wieder herum mit einer Beule am Kopf, kämme mir die Haar so, dass man sie nicht sieht und schäme mich irgendwie. Und wenn es doch jemand mal gesehen hatte, dann sagte ich einfach, dass ich mit dem Kopf irgendwo gegen gerannt wäre. Das haben sie mir bisher immer abgenommen. Auch wenn einer der vielen Wutanfälle dazu geführt hatte, dass ich etwas zerschlagen hab und ich mir dann dabei Wunden zugefügt habe, ab ich es immer irgendwie erklärt. Ungeschickt oder so. Früher habe ich mir auch bei Beidem nie etwas gedacht. Heute weiß ich es besser.

Ich sitze im Zug, um mich herum sind viele Menschen. Jeder hängst seinen eigenen Gedanken nach, blickt verstohlen unter sich. Niemand schaut jemanden ins Gesicht. Ich bin allein. Wie schon so oft. Ich fahre nach Hause, werde wieder alleine sein, werde mir noch schnell was zu essen machen, ein wenig in die Foren schauen, meine Tablette nehmen und dann schlafen gehen. Morgen früh sitze ich dann wieder in dem Zug, einsam unter vielen Menschen, werde wieder versuchen zu verstehen, warum ich das mache. Vielleicht um dann doch nicht ganz so einsam zu sein?

17.10.2004 Michael Sascha
 

 

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