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Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott und die Welt

 


 

Leben in einem Schneckenhaus



Schaue ich zurück, dann sehe ich da einen Menschen, der immer wieder flüchtete. Gewohnt, dass Menschen böse sind, floh ich vor allem, was Schmerz bedeuten konnte. Nur wusste ich das nicht. Ich lebte, arbeitete, liebte und fand alles normal.

Heute nach 46 Jahren bin ich auf der Suche nach jenem Menschen, der ich hätte werden können, wäre da nicht einer gewesen, der meinte, er müsste sich über einen kleinen Menschen hermachen, der gerade erst die Welt zu verstehen suchte. Grade kam es in den Nachrichten. In Frankreich beginnt heute der Prozess gegen 63 Täter. Ihr jüngstes Opfer war ein halbes Jahr alt, ihr ältestes 12 Jahre. Teilweise verkauft für eine Stange Zigaretten. Die Opfer wären schwerst psychisch geschädigt. Unter den Tätern 23 Frauen, Mütter, die ihre Kinder verkauft hatten oder selber missbraucht hatten. Was soll ich dazu sagen? Schwerts geschädigt? Ich war auch noch ein Baby, als mein Bruder auf die Idee kam, sein Glied in mich zu stecken um sich zu befriedigen. 3 Jahre befriedigte er so seine niedersten Bedürfnisse. Schwerst geschädigt! Der Satz klingt in mir nach. Was heißt das für mich? Ich weiß es heute. Es heißt für mich über 40 Jahre leben in einem Schneckenhaus, 40 Jahre, in denen ich als verstörter Mensch lebte. Mit 14 begann ich mit dem Rauchen. Mit 16 kam der Alkohol hinzu. Er half mir, ab und zu ein wenig mein Schneckenhaus zu verlassen. Keinen anderen Grund gab es für mich, zu trinken. Erst später lernte ich, einige Getränke als Genuss zu mir zu nehmen. Ein Genuss, der mir erlaubt war, weil sonst niemand daran beteiligt war. Bis heute liebe ich einen guten Wein. Zurück zu meinem Schneckenhaus. Nie merkte ich es. Ich hielt mich und alles für normal. Doch es war nicht so. Ein 12 jähriger Junge, der mit seinem Kopf gegen die Wand rennt, so das man bis heute die Dellen sieht, kann nicht normal sein. Ein noch kleiner Junge, der klaglos erträgt, dass sein Kopf vor Schmerzen zu explodieren droht, kann sich normal entwickeln. Doch niemand sah es, wollte es sehen. Mit neun Jahren ging ich einsam durch eine Hölle. Ich kenne keinen anderen Ausdruck dafür, wenn man in dem Alter sexuell missbraucht wird. Ein erwachsener Mensch trägt schon viele Folgen davon, wenn er von einem anderen sexuell missbraucht wird. Was soll ein Kind denken? Es weiß nicht, was da mit ihm geschieht. Und kommt dann noch die nackte Gewalt hinzu muss ein Kind total verzweifeln. Viel habe ich nicht verstanden. Ich wusste nur, dass es schlimm war, was da mit mir passierte. Da ich nicht wusste, was das soll, warum und was er da mit mir machte, warum ich nackt vor ihm stehen musste, warum ich da stand, warum er mir die Hose herunter zog.

Schwer geschädigt. Ja das war ich schon zu dieser Zeit. Ich sehe mich heute noch da stehen, an das Waschbecken geklammert, Schmerzen im ganzen Körper und vor lauter Pein und Nichtverstehen verdrängte ich alles sofort, bei jedem Stoß, den ich spürte. Nur so konnte ich das Überleben. Bei wachem Bewusstsein kann ein Kind dies nicht ertragen. Also verschwindet die Seele, vergräbt sich einfach. Wie war es damals, als das alles anfing? Wie alt war ich gewesen, als er das erstemal meinte, dass ich kein Recht hätte auf meinen eigenen Körper und meine eigene Seele? Was passiert mit einem kleinen Menschen, der gerade geboren wurde, vertrauensvoll seine direkte Umgebung erforschen will und dann missbraucht wird, ehe sein Kopf überhaupt klar denken kann? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, wie ich heute empfinde, wenn ich versuche in jene Zeit zurückzublicken, was unmöglich scheint. Und doch ist es bedingt möglich. Keine Bilder werden entstehen. Aber das Gefühl ist da, grausam, schmerzhaft, ekelhaft, kalt. Gänsehaut läuft mir für kurze Momente über den Rücken. Und dann ist diese Tür meines Lebens wieder geschlossen. Ich weiß, sie kann nie ganz aufgehen, dafür war ich noch zu jung. Dafür gingen andere Türen auf und ich sah hindurch, schritt hindurch. Und fand mich jedes Mal in einen grausamen Abschnitt meines Lebens wieder. Was habe ich als dreijähriger gedacht, als er mich fast umbrachte, meinen Kopf unter Wasser drückte? Auch das ist irgendwie im Laufe der Jahre verloren gegangen, nur das Gefühl, die Todesangst, dich ich empfand in diesem Moment, sie ist noch da gewesen, all die Jahre über. Sie hat mich all die Jahre über gequält. Was passierte in dem Moment? Was zerbrach da alles in mir? Ich weiß auch nicht mehr so genau was an jenem Tage passierte, als meine Mutter ihn erwischte. Ich muss wohl fast freiwillig alles über mich ergehen haben lassen. Wie auch anders. Die ersten Versuche den anderen mitzuteilen, dass er mir wehtat, hatten ja kein Erfolg gehabt, ich musste mich immer selber schützen. Weinen und schreien hatte nur zu Folge, dass er mich schlug und fesselte und mir dann doch wehtat. Also bleib mir nur eines übrig: Flucht nach Innen. Ab ins Schneckenhaus. Dort wo ich überleben konnte. In den Jahren schuf ich mir ein Versteck, dort lebten Teile meiner Seele weiter. Was blieb war eine harte Schale, wie bei einer Schnecke. Den Deckel hatten andere für mich geschlossen. Ich funktionierte einfach, wie es sich für einen braven Sohn gehörte. Ich lebte vor mich hin und machte mir keine Gedanken mehr. Die Gedanken waren in mir drin, tief verschlossen. Leben in einem Schneckenhaus, für die nächsten Jahrzehnte. Schwer geschädigt. So lebte ich und hielt alles für normal und litt vor mich hin, ohne dass es jemand merkte.

Ich wurde zu dem starken Mensch, der für andere da war, der zuhören und konnte, den nichts erschüttern konnte. Nur in meiner stillen Kammer, da weinte ich ab und zu, dann wenn es keiner sah. Oder die innere Wut darüber, was alles war, kochte über und ich schlug mich dafür. Immer und immer wieder. Oder kleinste Ereignisse führten dazu, das ich explodierte, ein Glas in der Hand zerdrückte und mir die Hand zerschnitt, etwas zerschlagen musste, damit der Druck in mir nach ließ. Alles normal, so empfand ich. Nichts war normal. Heute erst weiß ich das. Heute weiß ich woher meine Unfähigkeit kam, mich fallen zu lassen, anderen Menschen so zu vertrauen, dass ich mein Schneckenhaus verlassen konnte. Ich hatte es nie gelernt. Ich wollte vertrauen, musste vertrauen, damit ich leben konnte und doch wurde dieses Vertrauen gebrochen, der eine missachtete alle Regeln, die die Natur vorschrieb, die anderen hörten mein Weinen nicht und ignorierten meine hilflosen, stummen Schreie. Gesehen hatte man es, das haben sie mir inzwischen bestätigt. Ich war ein Sonderling, immer ein Einzelgänger, schon als kleiner Junge von keinen 6 Jahren. In der Klinik wurde mir noch mal bewusst, wen ich mir als Freund ausgesucht hatte. Es stand stumm in unserem Garten, ein alter, knorriger Kirschbaum war es gewesen. Er steht heute noch in dem Garten. Ihn hatte ich umarmt, ihm vertraute ich. Und mein alter, kleiner zerzauster Teddy. Was hat es alles sehen müssen? Wie oft war er über mich hergefallen und der Teddy hat zugesehen, ohne etwas machen zu können? Ich weiß es nicht mehr und werde es nie erfahren. Es war aber sicher mehr als nur ein paar mal. Nach meinem Gefühl war es sehr oft.

Dann kam die Zeit, in der ich vielleicht meinem Schneckenhaus entfliehen hätte können. Ich hatte Ruhe, kam in die Schule, lernte viele neue Menschen kennen. Normalität? Es schien so. Nur ganz war das nicht so. Ich weiß ja, welches Verhältnis mein Täter zu gewissen Dingen hatte. Nämlich zu Kot. Schon als kleiner Junge muss er ihn fasziniert haben. Das weiß ich aus einem Bericht meiner Mutter. Mein Gefühl sagt mir heute, dass er auch etwas mit mir auf dem Wickeltisch tat, ein unheimliches Gefühl, dass ich heute habe, sagt mir das. Ich kann mich an einen Vorfall erinnern, den ich erst nicht zeitlich einordnen konnte. Heute weiß ich, dass ich ca. 7 Jahre alt war. Unsere Klassenlehrerin hatte einen Wochenausflug geplant für uns. Eine Superidee. Wir wohnten in einer Jugendherberge, machten Ausflüge in die Umgebung. So auch zu einer Burg. Die Ärmste blamierte sich fürchterlich. Denn die Burg Bestand nur noch aus einem Haufen Steine. Aber als Kind nimmt man das nicht krumm, es war einfach schön. Nur ich hatte ein Wahnsinns Problem. Die Toiletten rochen streng. Und ich ekelte mich dermaßen davor, dass ich nur einmal dahin ging und fluchtartig den Raum sofort wieder verließ. Da ich gewohnt war, auf eine saubere Toilette zu gehen, fiel mir auch nicht ein, einfach im Wald bei den Spaziergängen zu erleichtern, zu mindest was die Blase anging. 3 Tage hielt ich es zurück, dann passierte ein Unglück. Es lief einfach heraus. Zum Glück hatte es keiner gesehen. Das große Geschäft verkniff ich mir für die gesamten 6 Tage. Erst zu Hause konnte ich dann. Ich war fast am Platzen. Erst heute verstehe ich meinen Widerwillen, den ich bis heute habe. Selbst zu Hause versuche ich mich zu beeilen. Der Grund liegt also noch vor den späteren Vorfällen, die ich als Folter bezeichnen muss und auch mit Fäkalien zu tun haben. Um so schlimmer waren diese Vorfälle für mich. In diesen 6 Wochen durchlebte ich die Hölle nach dem ich fast 6 Jahre Ruhe hatte, soweit ich heute weiß. In diesen 6 Wochen perfektionierte ich mein Schneckenhaus, damit ich überlebte. Der alte Bock, der mich mit ca. 14 befummelte für über ein Jahr schloss nur den Deckel nur noch ein Stück fester, so fest, dass er bis zu meinem 44 Lebensjahr hielt.

Es ist ein verdammt enger Lebensraum, so ein Schneckenhaus. Man ist einsam dort drin, verdammt einsam. Ich spürte zwar die Fesseln in dem Sinne nicht, aber sie waren da. Immer hielten sie mich gefangen, so wie der kleine Junge in mir, den ich als erstes fand. Gefesselt, weinend, schreiend und um sich schlagend und tretend fand ich ihn, fand ich mich selber. Es war jener ganz kleiner Junge, auf den nie jemand gehört hatte, wenn er weinte, dessen wunden Po man übersah. Er lebte tief in mir drin und hatte für über 40 Jahre geweint, dort drin in mir, wo ihn niemand hören musste. Es hätte ja doch niemand interessiert. Er weinte für uns beide. So sehe ich das heute. Darum weinte ich so selten. Auch als mein Vater starb, konnte ich nicht weinen. Es hätte ja doch niemand interessiert. Nur der Kleine in mir, der hatte wohl dann doch noch ein wenig mehr geweint. Er weinte für mich mit, da tief in mir drin im Schneckenhaus.

Irgendwann klopfte eine junge Frau an meinem Schneckenhaus. Für kurze Zeit vergaß ich es. Es war eine kurze Zeit, in der ich frei zu sein schien. Aber mehr war es auch nicht. Ein Jahr brauchte ich, um ihr schüchtern zu sagen, dass ich sie liebte. Jene 3 Worte, die mir so schwer fielen: Ich liebe dich! Ihre Reaktion fiel hart aus. Sie lachte mich fast resigniert aus. Es wäre eine verdammt späte Einsicht. Aus ihrer Sicht hatte sie natürlich Recht. Sie konnte ja nicht ahnen, was dieser Satz für mich bedeutete, wie viel Überwindung es mich gekostet hatte. Es kam was kommen musste. Es ging schief. Wie sollte sie auch mit mir klar kommen, wo ich es doch selber nicht konnte. Schwer geschädigt. Ja, das war ich. Unfähig meine Gefühle zu äußern wie es ein normaler Mann gekonnt hätte. Verschreckt zog ich mich wieder zurück in mein Schneckenhaus um die Verletzung zu überstehen. Sie konnte nichts dafür. Wie sollte eine gerade 20 Jährige Frau auch verstehen, was da los war.

2 Jahre später kam eine andere Frau. Sie hatte ein großes Aushaltvermögen. 15 Jahre hielt sie es neben meiner Seite aus, an der Seite des großen Schweigers, der nie über sich reden konnte. Der immer alle hinnahm, egal was war, der genügsam das Wenige als schön empfand, was er bekam. Erst kamen die Anderen, dann erst ich. Und jede Verletzung nahm ich klaglos hin und lebte einfach und steckte alles weg. Nur einmal wehrte ich mich dagegen. Es half für einige Wochen, dann war es wie immer. Ich konnte einfach nicht darüber reden, was mich störte. Ich fügte mich dem Schicksal, war froh, dass mich überhaupt jemand liebte und mein Schweigen hinnahm. Aber auch dass musste scheitern. Unfähig zu einer Beziehung war ich, ich vertraute nur noch mir. Ich war der einzigste dem ich noch vertraute. Nähe zu anderen Menschen, auch zu meiner Lebensgefährtin wurde immer unmöglicher, tat sogar förmlich weh. Und noch immer hielt ich alles für normal. Hielt mich für normal. Die ersten Paranoias stellten sich ein. Eine Art kleiner Verfolgungswahn überkam mich in den letzten Jahren meiner Beziehung. Ich empfand, dass sie einige Dinge absichtlich machte, dass sie Sachen von mir versteckte, damit ich sie nicht mehr fand. Nur dass in Wirklichkeit das Chaos um uns herum ausgebrochen war übersah ich. Sie hatte ein Ordnungsproblem, ich selber war in der Beziehung etwas nachlässig. Und wehren konnte ich mich schon lange nicht mehr dagegen, zu tief war ich schon gefangen in meinem Schneckenhaus. Meine ganze Gegenwehr bestand darin, dass ich auch nichts mehr machte und die Unordnung extreme Ausmaße annahm. Es tat mir unheimlich weh, ich konnte aber nichts dagegen machen.

Heute erkenne ich warum es so war. Heute weiß ich, was anders hätte laufen können. Nur heute ist es zu spät. Ich kann nur noch versuchen, diesen alten Schutzmechanismen zu überwinden. Gelernt hatte ich es einfach zu früh, dass Reden nicht hilft und nur die Flucht einen Sinn macht. Alle die Wut und der Zorn in mir war auch nicht hilfreich. Sie fügte nur mir Schmerzen zu. Ich strafte mich für die Taten der anderen. Ich konnte nicht anders. Bis heute passiert es mir immer noch. Die Schläge treffen mich, aber zerstören nicht die harte Schale um mich herum. Ich kann nur hoffen, dass ich es schaffe, mein Schneckenhaus endlich zu verlassen und mich nicht mehr zu strafen. Ich will heute mein Leben leben, will fühlen, will lieben. Einiges habe ich schon gelernt, vieles muss ich noch lernen. Ich spüre immer wieder, dass ich noch nicht ganz raus bin aus dem Schneckenhaus. Noch immer schrecke ich zurück, ziehe immer mal wieder meine Fühler wieder ein. Doch ganz so schreckhaft bin ich nicht mehr. Ich erinnere mich daran, dass ich immer floh, wenn es ging. Vor allen realen und unrealen Gefahren. Ab und zu half es, einmal wäre es fast in einer Katastrophe geendet. Heute bräuchte ich nicht mehr zu flüchten, tue es aber trotzdem ab und zu noch, kann einfach nicht anders. Aber ich hoffe, dass ich auch das noch überwinden kann.

Schneckenhaus, heute hast du doch eigentlich ausgedient! Irgendwie, irgendwann werde ich dich nicht mehr brauchen, weil ich mich dann kenne und verstehe und mit mir umgehen kann. Weil ich dann endlich ich bin, jener Mensch, dem man früh verbot, er selber zu sein. Heute darf ich es wieder sein.

Sascha 3.3.2005

 
 

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