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Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott
und die Welt |
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Monolog über Leben und Gewalt und etwas
übers Christentum |
Wohin treiben meine Gedanken bloß? Kann ich es denn
erfassen, was da in mir ist, was es ist, dass mich quält Tag
um Tag? Grau liegt der Morgen über den kahlen Bäumen, die
ich da durch mein Fenster sehe. Die Äste streben dem Himmel
entgegen, klagend erheben sie ihre düsteren und dürren
Ärmchen zum Himmel und künden von dem Tod ihrer Kinder.
Was ist Tod? Was ist Leben? Als was kann man Leben
definieren? Lebt ein Stein, lebt die Wolke, die vorüber
streicht? Sie wirken oft so lebendig, sind in Bewegung. Und
aus ihnen kommt das Wasser, dass unser Leben erst
ermöglicht. Also Leben sie? Meine Gedanken rasen an mir
selber vorbei und berühren mich in meinem Inneren kaum. Sind
das meine Gedanken, die da flüchtig an mir vorübereilen? Ich
kann sie kaum greifen, so schnell sind sie vorbei. Heißt
Leben Denken? Ich denke, also bin ich! Bin ich wirklich?
Diese graue Masse da in meinem Kopf, was macht sie? Es sind
doch alles nur biologische Vorgänge! Ein wenig Chemie, ein
wenig Physik. Und schon denke ich, schreibe diese Sätze,
kratze mich am Kopf, strecke meine Arme aus, laufe, gehe,
stehe, denke!
Was denke ich? Ich denke an das Leben, wie es entsteht, wann
es entstand. Ab wann ist Leben eigentlich Leben? Ist ein
Virus Leben? Viele sagen nein. Er kann sich selber nicht
reproduzieren. Kommt er aber in einen Körper, so zum
Beispiel in den meinen, dann lebt er doch! Und wie! So ein
Grippe-Virus entwickelt dafür, dass er kein Leben sein soll
ein ganz schönes Eigenleben. Sicher, er wird nicht denken
können. Aber was ist denn Denken? Der Mensch denkt, klar.
Tiere? Ein Hund, eine Katze, ein Vogel, auch sie denken. Ein
Wurm? Er ist sicher auch leben. Denkt ein Wurm? Hat ein
Regenwurm ein Gehirn, das denkt? Wann beginnt das Denken?
Pflanzen leben auch. Was denkt mein Gummibaum von mir, wenn
ich mal wieder vergessen habe, ihn zu gießen? Verflucht er
mich, weil ich so herzlos bin?
Was ist Leben? Tiere, Pflanzen, Insekten, Bakterien, alles
Leben, weil das Leben selber es so definiert. Der Mensch hat
bestimmt, was Leben ist. Drum lebt der Mensch, das Tier, der
Baum, der Stein ist tot! Ist das so? Empfindet der Stein
nichts, wenn ich auf ihn trete? Wer sagt mir das? Was ist
Leben? Wo beginnt Leben? Wie groß oder klein ist Leben. Lebt
ein Atom? Jenes Gebilde, über das sich schon die alten
Philosophen Gedanken machten. Es besteht aus noch viel
kleineren Teilen, hat man festgestellt. So klein, dass wir
auch schon so kleinen Menschen sie nie sehen werden.
Elektronen! Neutronen und Protonen! Alles so winzig und doch
bestehen auch sie aus noch viel kleineren Teilen. Quarks. So
heißen diese Teilchen, aus der unsere Welt gebaut ist. So
viele Teile, dazwischen einfach nichts! Unser Leben besteht
eigentlich aus Nichts und den Reaktionen, die da im Nichts
ablaufen zwischen dem Nichts. Doch wenn das so ist dann ist
doch das Leben Nichts! Oder ist gar das Atom selber schon
Leben. Lebt ein Quark? Hat es doch auch Ziele, es hat immer
das Bestreben, nicht allein zu sein. Wie der Mensch. Er will
doch auch nicht alleine sein. Wie das Quark strebt auch der
Mensch zum Menschen hin. Das Quark verbindet sich mit seines
Gleichen zu einem Größeren. Der Mensch tut dies doch auch!
Also lebt das Quark? Sollten wir dann nicht die Konsequenz
ziehen und die Wissenschaften neu ordnen. Nicht Physik,
Kernphysik darf es dann heißen, es müsste dann doch
Kernbiologie genannt werden. Das Atom, es lebt. Ohne das
Atom wäre das Leben gar nicht möglich! Jedenfalls nicht das
Leben, wie wir es kennen. Unser Leben wäre nie gewesen und
wir würden auch nie denken, dass was wir jetzt denken. Und
ohne das Denken gäb es die Definition auch nicht und gäb es
dann auch keine Leben, nur weil der Teil fehlt, der Denkt,
dass es Leben gibt? Die Bäume strecken immer noch ihre Äste
klagend in den Himmel! Wen klagen sie eigentlich an? Die
vorübereilenden Wolken sind an diesen Klagen
desinteressiert, die Sterne nicht zu sehen. Der Wind, nun,
der eilt auch vorbei und wird so nie wieder kommen. Der
Mensch eilt ebenso vorbei, an den Bäumen, an sich selber und
erst recht an andere seiner Art. Er achtet auch nicht auf
das Klagen.
Lebt das Leben um das Leben zu verachten, oder um das Leben
zu leben? Wie entsteht aus der Chemie ein neues Leben?
Betrachten wir doch einfach mal den Mensch. Die Natur hat es
so eingerichtet, dass es da Männlein und Weiblein gibt. Sie
können nun durch einen Akt sanfter Gewalt (welch schöne
Kombination!) neues Leben zeugen. Der Mann dringt in die
Frau, die Natur hat ihm dafür etwas mitgegeben, damit dies
auch funktioniert. Die Frau, im Normalfall dazu bereit, dies
über sich ergehen zu lassen, sogar durch chemische Vorgänge
in ihrem Hirn (man sagt es wären Stoffe im Spiel, die Drogen
ähnlich sind, man sollte nachsehen ob die auf der Liste der
verbotenen Stoffe stehen), wo war ich stehen geblieben? Ach
ja, sie Beide empfinden Freude an dem Spiel der Zeugung.
Nun, ich kann das durchaus nachempfinden. Das Leben hat es
geschafft, sich selber zu reproduzieren und das auf eine
freudige Art für das Leben selber. Und diese Freude ist es
dann wohl auch, die das Leben dazu treibt es zu übertreiben.
Sanfte Gewalt? So sagte ich vorhin. Das Leben dringt in das
Leben um zu Leben. Nur so entsteht neues Leben. Durch
Penetration! Penetrant! Ein gerne oft gebrauchtes Wort mit
einem negativen Beigeschmack. Warum nur? Erkennt das Leben
selber, dass es da etwas gibt, was nicht so schön ist? Warum
sonst würde es dann zulassen, dass dieses Wort negativ von
ihm selber gesehen wird? Wir denken, wir leben, wir leben um
das Leben zu verbreiten, neues Leben entstehen zu lassen.
Erst war es nur ein winziger Punkt in der Leere. Daraus
entstand in Milliarden Jahren ein ganzes Universum,
Galaxien, Sonnen, Planeten, Bakterien, Pflanzen, Tiere,
Menschen. Immer griff das eine sinnvoll in das andere, damit
das Leben weiterleben konnte. Es war wohl der göttliche
Plan, dass es so kommen musste. Und immer war Gewalt im
Spiel. Der Urknall! Eine gewaltige Explosion. Die Sonnen!
Gewaltige Fusionsmaschinen. Supernovae! Brutstätten für all
jene Stoffe, aus dem das Leben entstand, wie wir es
verstehen. Alle höheren Stoffe, die schwerer als Eisen sind,
können nur in solchen gewaltigen Explosionen entstehen.
Wieder Gewalt! Gewaltig scheinen auch die Kräfte, die die
Planeten entstehen ließen. Und dann die Theorie, dass Blitze
das erste Leben auf der Erde zeugten. Also wieder Gewalt.
Doch betrachtet man die Kette dieser Gewalt, dann wird man
merken, dass die Gewalt abnimmt. Immer weniger ist von
Nöten, um das Leben zu ermöglichen. Was ist ein Blitz
gegenüber dem Urknall? Nichts!
Und so geht es weiter. Heute reicht sanfte Gewalt, ein
leichtes Eindringen um Leben zu erzeugen. Der göttliche Plan
scheint sich zu erfüllen. Der Mensch scheint das Ziel all
dieser Bemühungen gewesen zu sein. Doch gerät der Plan nicht
grade am Ziel ins Wanken?
Irrt hier das Leben nicht immer wieder und kehrt zurück zu
der alten Gewalt vom Anbeginn der Zeiten. Geht das Leben
hier nicht wieder zurück und versucht sich selber zu
zerstören. Kriege, Hungersnöte, Dürren zerstören das Leben
oft, ehe es richtig begann. Diese Krönung der Schöpfung, übt
sie jetzt wieder jene Gewalt gegen sich selber aus, die es
eigentlich überwunden haben sollte? Christen wollen ja
eigentlich ihren Nächsten lieben wie sich selbst. Die Juden,
aus denen die Christen hervorgegangen sind, haben die 10
Gebote geliefert, nach dem sich jeder Christ, jeder Jude
richten sollte. Du sollst nicht töten! Schönes Gebot, aber
ohne jeden Wert, wie es scheint. Ohne dass es die lieben
Christen gemerkt haben, hat sich die Gewalt in ihre Religion
manifestiert.
Wer hat die Bibel gelesen? Das alte Testament, das neue
Testament? Wer von euch unterwirft sich den christlichen
Regeln? Salomon, er war doch der weiseste von allen! Nun,
wer so leben will, der sollte sich damit abfinden, dass er
seine Kinder prügeln muss. Wenn sich das rum spricht, dann
sollte ich ein Laden für Ruten und Peitschen aufmachen. Das
wäre eine gute Idee. Denn Kinder brauchen jeden Tag ihr
Prügel. Salomon hat es doch schon so gesagt. Ihr glaubt es
nicht? Nun, hier nur mal ein Passage aus den Sprüchen dieses
prügelnden Weisen:
Züchtige deinen Sohn, so wird er dir Verdruss ersparen / und
deinem Herzen Freude machen. (Spr 29,17)
Rute und Rüge verleihen Weisheit, / ein zügelloser Knabe
macht seiner Mutter Schande. (Spr 29,15)
Also, worauf wartet ihr noch? Ihr wollt weitere Sprüche?
Nun, hier, es gibt so viele Stellen in der guten Bibel:
Wie Musik zur Trauer ist eine Rede zur falschen Zeit, /
Schläge und Zucht aber zeugen stets von Weisheit. (Sir 22,6)
Oder noch mal unser prügelnder Freund Salomon:
Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, / wer ihn liebt,
nimmt ihn früh in Zucht. (Spr 13,24)
Ach so, das ist ja alles altes Testament (habe übrigens die
schlimmsten Passagen weggelassen). Nun, dann bemühe ich für
euch Oberchristen mal das Neue Testament:
Der Brief an die Hebräer / Die Züchtigung als Zeichen
väterlicher Liebe:
Mein Sohn, verachte nicht die Zucht des Herrn, / verzage
nicht, wenn er dich zurechtweist. Denn wen der Herr liebt,
den züchtigt er; / er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den
er gern hat. Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet. Gott
behandelt euch wie Söhne. Denn wo ist ein Sohn, den sein
Vater nicht züchtigt? Würdet ihr nicht gezüchtigt, wie es
doch bisher allen ergangen ist, dann wäret ihr nicht
wirklich seine Kinder, ihr wäret nicht seine Söhne. Ferner:
An unseren leiblichen Vätern hatten wir harte Erzieher und
wir achteten sie. Sollen wir uns dann nicht erst recht dem
Vater der Geister unterwerfen und so das Leben haben? (Hebr
12,5-9)
Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude
zu bringen, sondern Schmerz; später aber schenkt sie denen,
die durch diese Schule gegangen sind, als Frucht den Frieden
und die Gerechtigkeit. (Hebr 12,11)
Also! Dann legt mal los. Raus mit den Ruten und drauf auf
die Kinder, solange bis sie richtig gefügig sind. Wie? Ihr
wollt nicht. Aber es steht doch in der Bibel! Und so was
nennt sich Christen. Auf nach Hause, die Kinder prügeln, wie
es in der Bibel steht. Wie, ihr wollt dieses nicht? Es wäre
Gewalt? Nun, dann stimme ich euch zu. Kinder brauchen Liebe
und keine Gewalt. Sicher, sie dürfen nicht alles, man muss
sie auch vor sich selber schützen und ihnen zeigen, was sich
gehört und was man im Zusammenleben mit anderen Menschen
beachten sollte. Dafür sind wir Erwachsenen ja da. Und das
ohne Gewalt bitte. Gut, soweit haben wir nun eine Einigung
erzielt. Oder nicht? Oder sind hier etwa „Menschen“
anwesend, die die Gewalt als legitim ansehen gegenüber
Schwächeren, explizit Kindern gegenüber. Wieweit ist es
eigentlich von einer Ohrfeige hin zu härteren Dingen? So ein
Klaps auf den Blanken schadet ja nie. Wer weiß wozu der gut
ist. Da muss ich doch an was denken. Gibt schon lustige
Spielchen, die die Großen da haben. Ziel ist es wohl, einem
kleine Jungen die Hose herunterzuziehen und ihm auf den
nackten, kleinen und ach so süßen Po zu hauen. Macht doch
Spaß, oder? Wenn der so richtig rot wird, der Po. Und ist ja
auch durch die Bibel abgedeckt. Schöne Bibel, gutes Buch.
Muss ich nur grade so daran denken. Kenne da einen Menschen,
der wohl so gedacht haben muss. Der Po war meiner. Lustig?
Nicht wirklich! Zurück zur Bibel und dem christlichen
Abendland. Das Wort passt. Abend! Guten Abend, gute Nacht!
Kann ich da nur sagen. Steht ja in der Bibel, dass Gewalt
gegenüber Kindern legitim ist. Dann kann man ja beruhigt
wegsehen als gläubiger Christ. Christen sind groß im
Ignorieren der Gewalt, ja, sie gehen soweit, dass sie große
Gewalttäter Heilig sprechen! Der heilige Bernhard von
Clairvaux, er sammelte marodierende Söldner der Christenheit
um sich, die dann loszogen mit dem Segen der Kirche.
Mordend, plündernd, vergewaltigend zogen sie auch durch
christliche Länder, erstürmten einer der Festungen des
Christentums, Byzanz mit Namen. Ein heiliger Krieg, bestimmt
durch tödliche Gewalt! Und dann die Inquisition! Toll!
Menschen gefoltert, verbrannt, gequält in Namen des
Christentums. Was ist eigentlich Folter? Warum wird Folter
angewandt? Weil man sonst nicht das erhalten würde, was man
sich wünscht. Wen kann man Foltern? Darf man Foltern? Um
Leben zu retten? Wann ist Leben in Gefahr? Wer bestimmt, ob
Folter legitim ist? Irgendwie würde ich gerne etwas von dem
zurückgeben was ich erleben musste. Das wäre dann auch
Folter. Wäre dies legitim? Wäre es legitim, wenn ich mich
rächen würde an jenen, die mich gefoltert haben. Wenn ja,
müsste ich sehr geschickt vorgehen. Er soll ja dann es mit
gleicher Münze zurückbezahlt bekommen. Zahn und Zahn, Auge
um Auge, so steht es doch in der Bibel. Und er war ja auch
geschickt. Nicht mit nackter Gewalt, mit Schlägen oder mit
Geräten, wie Messer oder Zigaretten, nein, das hätte man ja
vielleicht gesehen. Und solche Gewaltmenschen sind ja im
Grunde ihres Herzens feige Menschen. Sie stehen in keinster
Weise zu ihren Taten. Also mussten bessere Methoden her um
einen neunjährigen Knaben zu zerstören, um seine Seele zu
töten. Da müsste ich mir eine Entgegnung gut überlegen. Wie
kann man einem heute 50 jährigen Mann solche Schmerzen
zufügen, wie er damals mir? Will ich dass überhaupt? Ich
müsste ihn aufs grausamste Foltern, sein soziales Umfeld
zerstören, sofern er überhaupt je ein solches hatte, was man
als gut bezeichnen könnte. Wer einen neunjährigen Knaben
anal vergewaltigt, der ist doch schwul. Und unsere
Gesellschaft ist ja so intolerant, jedenfalls damals, dass
er sicher Schwierigkeiten bekommen hat. Ausnahmsweise
begrüße ich diese Intoleranz, die ich selber an mir nicht
finden kann. Dieselbe Intoleranz und Teilnahmslosigkeit, die
mich so schmerzt fügt ihm jene Schmerzen zu, die ich ihm von
Herzen gönne. Dann hat ja diese unmögliche Haltung in der
Gesellschaft wenigstens ein Gutes. Jetzt bin ich glatt
abgewichen und habe mich in einem Wunschtraum verlaufen. Die
Frage ist ja, ob ich gewillt bin, jene Gewalt fortzusetzen,
die mich heut dazu bringt, diese Sätze zu schreiben. Nein!
Ich will kein guter Christ sein und um mich schlagen, was
das Zeug hergibt. Und ich will auch nicht morden um der
Gerechtigkeit Willen. Diese Untiere verrecken sowieso.
Christen! Ja, da waren wir ja eigentlich stehen geblieben.
Und bei der Gewalt, bei der Frage nach dem Leben, bei der
Zeugung von neuem Leben durch „sanfte Gewalt“. Und dann
kommen wir zu den Irrungen des Lebens, bei dem Leben dass
das ganze wohl falsch verstanden hat. Dass nicht akzeptiert,
dass das Leben einen eigenen Willen hat, das Andere nicht
dazu da sind, um nur für den zu leben, der anderes Leben als
sein Eigentum ansieht. Es gibt Leben, dass sieht nur sich
und seine Bedürfnisse. Und diese Leben hat im Allgemeinen
nur einen Namen: Mensch! Es gibt Menschen, die sehen
schwächere, und es müssen deutlich schwächere Menschen sein,
als Dinge an, die dafür da sind, um den eigenen Bedürfnissen
zu dienen. Je nach Laune benutzt man sie, ja, es gibt jene,
die erzeugen aus sich selbst heraus nur zum Zwecke der
eigenen Befriedigung neues Leben. Es wird dann solange
genutzt wie’s geht und dann weggeworfen. Wir sind ja eine
Wegwerfgesellschaft. Also Einwegspielzeug sozusagen, egal ob
Mädchen oder Knaben. Brauchen, wegwerfen. Fertig. Und wehe
das Spielzeug ist widerspenstig. Ja, dann muss man was tun.
Steht ja auch in der Bibel. Einfach zuschlagen, das hilft.
Und zur Not einfach töten, steht auch in der Bibel. Nein?
Doch, es steht:
Misshandlung der Eltern:
Wer seinen Vater oder Mutter schlägt, wird mit dem Tode
bestraft. (Ex 21,15)
Entehrung der Eltern:
Wer seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird mit dem
Tod bestraft. (Ex 21,17)
Die Verfluchung der Eltern:
Jeder, der seinen Vater oder seine Mutter verflucht, wird
mit dem Tod bestraft. Da er seinen Vater oder seine Mutter
verflucht hat, soll sein Blut auf ihn kommen. (Lev 20,9)
Also hat ein misshandeltes Kind keine Chance, wenn es Christ
ist. Es wird dann einfach getötet. Ist ja durch die Kirche
abgesegnet. Oder?
Man habe ich Glück gehabt! Doch, ein riesiges Glück, würde
ich sagen. Bin ich doch christlich erzogen worden, lebe ich
doch in einer christlichen Umgebung. Und habe ich nicht
Glück gehabt, dass nicht mein Vater in mich drang, sonder
dass es mein Bruder war. Drum habe ich wohl überlebt und
durfte das ganze Überleben. Ja, hätte ich meine Eltern
verfluchen müssen, dann wäre ich als gläubiger und guter
Christ ja getötet worden. Ja, Glück muss der Mensch haben.
Ist doch besser vom Bruder als vom Vater oder der Mutter
vergewaltigt zu werden als Christ. Man, bin ich ein
glücklicher Mensch, ich könnt ja fast platzen vor Glück.
Mein Glück geht so weit, dass ich es nicht fassen kann und
schreiend und zitternd vor Angst am Boden liege. So wie ich
damals sicher auch geschrieen habe und mich keiner außer
einem gehört hatte. Ob ihm meine Schreie und mein Heulen
gefallen hatte? Vielleicht stand er drauf und sein Orgasmus
war dann perfekt? Was tut man nicht alles, um seinem Bruder
etwas Gutes zu tun. Ach ich vergaß, er konnte mich ja gar
nicht fragen, ob ich das auch wollte. Ja, das ist ja solange
her, ich weiß es ja auch nicht mehr. Vielleicht hatte er
mich gefragt, bevor er mir die Hose herunterzog. Ich hätte
ja was sagen können, wenn ich das nicht gewollt hätte.
Also bin ich es selber schuld! Klar, jetzt erkenne ich es
erst. Man du dummer alter Junge. Habe den Satz doch schon
oft gehört. Die hat es doch selber provoziert.
Wahrscheinlich habe ich mit meinem süßen kleinen Arsch
gewackelt und ihn dazu aufgefordert. Du böser Junge du.
Musste sie denn auch einen Minirock anziehen mit 14. Das ist
doch eine klare Aufforderung. Hatte ich mit 9 eigentlich
einen Minirock? Glaube nicht, wer weiß? Also, wenn ich klare
Signale bekomme, darf ich jeden Mensch vergewaltigen! Da
muss ich doch glatt mal wieder in der Bibel nachsehen.
Vielleicht gibt es da noch einige passende Stellen dazu.
Oder im Grundgesetz, Paragraph sowieso, Absatz xyz: Wer mit
dem Arsch wackelt oder sich aufreizend anzieht, darf von
jedermann/frau jederzeit und jederorts ohne dessen
Einverständnis gefickt werden egal welchen Alters die zu
fickende Person ist. Na, das wäre doch mal ein Vorschlag.
Entspräche doch dem Denken von so vielen Mensche hier. War
doch selber schuld, ist doch eine Nutte oder so. Also dann
das ganze doch gleich im Gesetzt festlegen, und dazu, da wir
ja alle Christen sind, gleich noch ein Prügelparagrafen,
damit auch dem guten Salomon genüge getan wird.
Jetzt bin ich aber leicht vom Thema abgewichen. Es ging um
Leben. Es ging um die Bäume hinter meinem Haus, um die
klagenden Äste, die ihre Kinder, die gestorbenen Blätter,
beweinen. In mir ist es auch Herbst. Meine Blätter fielen
aber schon zum Jahresbeginn, in den allerersten
Frühlingstagen meines Lebens. Nur hatte ich nicht das Glück,
dass mich einer so gesehen hatte wie ich heute Morgen die
Bäume. Sicher habe auch ich geklagt, meine Arme zum Himmel
gestreckt und nach etwas gesucht, von dem ich nicht wusste,
was es sein wird. Liebe vielleicht. Wer weiß? Schutz habe
ich in mir selber gefunden. Mein Vertrauen in andere hatte
ich schnell verloren. Derjenige, der mich schützen sollte,
hatte mich zu seinem Vergnügen benutzt, hat das volle
Spektrum der Gewalt über mich entleert. Seit dem konnte ich
niemanden mehr vertrauen außer mir selber. Heute mache ich
es den Bäumen nach, strecke anklagend meine Arme in den
Himmel und hoffe wie die Bäume auf den neuen Frühling. Und
er wird kommen.
Michael Sascha
2.11.2003
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(C)
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