Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott und die Welt

 


 

Prävention, aber wie?


Es wird viel geredet darüber, dass sich was ändern muss, dass Täter härter bestraft werden müssen um in Zukunft Taten zu verhindern, dass man nicht mehr so leichtfertig mit der Entlassung von Tätern umgehen darf. Alles sicher richtig. All zu oft kommt es zu Wiederholungstaten.

Immer wieder wird darüber diskutiert, wie man seine Kinder schützen kann. Wie kann ich mein Kind darauf vorbereiten? Es gibt inzwischen viele gute Ansätze in dem Bereich. Zum einen wird in Schulen schon Aufklärungsarbeit betrieben, es gibt Kurse für Kinder, die ihnen zeigen, wie man sich im Ernstfall wehrt. Ab einem bestimmten Alter kann man auch mit den Kindern über SMB reden, kann ihnen aufzeigen, wie sie ihre Grenzen setzen können, was sie tun können, wenn diese überschritten werden. Eltern könne sich informieren, es gibt jede Menge Material von den unterschiedlichsten Institutionen.

Alles gut und schön. Nur frage ich mich, was ist mit den Fällen, die innerhalb der Familie stattfinden. Und das sind bei weitem mehr Fälle als jene, bei denen der SMB durch Dritte stattfindet. Und natürlich darf dabei nicht vergessen werden, dass es neben SMB auch anderen MB gibt mit sehr ähnlichen Folgen. Grobe Vernachlässigung, Gewalt und ähnliches haben auch Traumata zu Folge.

Was kann ein Kind tun, wenn die Gefahr von der Familie ausgeht? Ich weiß noch genau, wie ich dahinter stieg, dass mein eigener Bruder mich vergewaltigt hatte. Neben der Tatsache, dass ich schon so früh so etwas erleben musste, haben mich zwei Dinge sehr erheblich zusätzlich belastet. Zum einen der Umstand, dass der Täter aus dem inneren Kreis der Familie stammte und zum anderen, das es Inzest war, was er da mit mir gemacht hatte.

Familien sind der innere Schutzwall für ein Kind. Es muss sich auf den Schutz verlassen, denn Kinder sind vielen Dingen des realen Lebens gegenüber hilflos. Aufgabe einer intakten Familie ist also der Schutz des Kindes soweit das geht. Dazu gehören auch die Geschwister. Tief in jedem normalen Menschen ist es auch verankert, dass er in der Regel auch nie sexuelle Gefühle gegenüber seinen nächsten Angehörigen hat. Und genauso hat ein Kind von der Geburt an ein besonderes Verhältnis zu der Mutter und zu allen Personen, die zum engsten Kreis gehören, also Vater, Geschwister, Oma, Opa, Onkel, Tante usw. Es bildet sich das so genannte familiäre Band aus. Ein Kind, dass nun in ein Umfeld geboren wird, in dem einzelne oder mehrere diesen Schutzraum dazu nutzen, um unerkannt oft grausame Taten zu begehen, hat sehr wenig Chancen, sich zu schützen, Hilfe zu bekommen usw. Gerade diese Band ist es, dass das Kind gnadenlos den Tätern und Mittätern ausliefert.

Und diese Täter wissen das. Oft blenden sie den Rest der Familie und es kann soweit kommen, dass dem Kind kein Glauben geschenkt wird. Selbst in Fällen in dem der Täter klar Verurteilt wurde, kann es dazu kommen. Da werden sich mehr Gedanken über den Täter gemacht als über das Opfer. Und diese Bestien nutzen auch das gnadenlos aus. Leider ist das noch keine Straftat. Ich habe das Glück (ich muss es so bezeichnen) dass zumindest meinem Täter klar vom Rest der Familie gesagt wurde, dass er nicht mehr dazu gehört. Keiner will mehr etwas von ihm wissen. Doch das ist die Ausnahme.

Ich gebe zu, es ist für die Mutter schwer, den Sohn zu verstoßen. Auch meine Mutter tat sich damit sehr schwer. Es war um 1982 rum, genau weiß ich es nicht mehr. Er lebte in der DDR. Wir besorgten einen Attest, der bescheinigte, dass mein Vater todkrank ist. Damit wollten wir ihm helfen, die DDR zu verlassen. Er kam dann auch. Mich beachtete er nicht. Zu der zeit war zufällig der Bruder meiner Mutter auch anwesend (auch aus der DDR, Rentner). Es muss zu einer sehr heftigen Auseinandersetzung gekommen sein die mit einem Rauswurf endete. Erst viel später erfuhr ich den wahren Grund dafür. Es ging um mich. Sie wird ihm gesagt haben, was sie wusste. Daraufhin hat er sie tätlich angegriffen. Mein Onkel hat ihn dann kurzerhand rausgeworfen. Jetzt beim Schreiben fällt mir gerade auf, dass er es auch wusste. Wieder einer mehr. Und darum war er so lieb und nett zu mir.

Jedenfalls wollten wir ihn eigentlich aus der DDR rausholen damit. Familie hatte er zu der Zeit nicht. Er zog es vor zurück zugehen, zu seinem Staat, dem er ja so treu diente. Jedenfalls zeigt es mir wieder, wie schwer es ihr viel, ihn zu verstoßen. Erst danach wurde er von meinen Eltern enterbt.

Wie also hier in dem Bereich des Missbrauchs in der Familie Prävention betreiben? Im Grunde eine sehr schwere Frage. Dazu muss man wohl oder übel Ursachenforschung und Verhaltensforschung betreiben. Auch die Erforschung der sozialen Strukturen gehört hier dazu. Wie kommt ein Täter dazu, seiner krankhaften Leidenschaft zu frönen? Ist es die reine Bequemlichkeit, die ihn/sie dazu bringt. Ich hab schon von Fällen gehört, in denen die Mutter wegsah, weil sie froh war, Ruhe zu haben. Oder gar mitgemacht hatte. Im gleichen Raum vergriff sich die Mutter am Sohn, der Vater an der Tochter. In einem Fall ging es soweit, dass in einem kleinen Ort die Kinder untereinander getauscht wurden. Welche Chancen hatten diese Kinder gehabt? Überhaupt keine Chancen! Und das ist kein Fall aus der Neuzeit, er liegt fast 60 Jahre zurück.

Wo kann hier eine Prävention ansetzen? Sie kann nur von Außen kommen. Sie muss damit beginnen, dass jedem Menschen klar wird, dass so was in seinem engsten Kreis passieren kann. Keine Familie ist davon ausgenommen. Weder die des Herrn Bundespräsidenten, die eines Verfassungsrichters, eines Polizisten, eines Arbeiters, eines Arbeitslosen. Alle sind in irgendeiner Form betroffen. SMB setzt früh an. Er kann alleine schon durch Worte stattfinden. Schon des Satz: "Wo willst du denn mit dem Fummel hin, auf den Strich etwa?" Ist eine klare Grenzüberschreitung. Auch das achtlose aufbewahren von Pornos oder die bewusst offene Ausübung der eigenen Sexualität ist schon MB. Und so was kommt verdammt oft vor. Von da an ist der Weg zu Berührungen du klaren Missbrauchshandlungen nicht mehr weit. Jedem Menschen muss klar sein, dass so was auch in seinem Umfeld passieren kann. Der abartige Satz: "In unserer Familie doch nicht" finde ich absolut sträflich. Es ist schön, wenn in einer Familie so was nie passiert und sicher gibt es Familien, in denen passiert so was nicht. Doch muss eine verantwortungsvolle Mutter auf Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder reagieren. Aber oft wird so was dann auf Pubertät abgeschoben oder ähnliche Gründe einfach in den Raum gestellt.

Leider sind es gerade die Eltern, um die es geht, alles andere als Verantwortungsvoll. Und da kann ich Broschüren drucken wie ich will, kann mir den Mund fusselig reden, sie merken es nicht oder wollen es nicht merken. Selbst wenn sie daneben stehen, schauen sie oft noch weg. Was also machen?

Hier kann nur die Gesellschaft insgesamt etwas bewirken. Gefordert ist die gesamte Gesellschaft. Zum einen muss eine klare Ächtung ausgesprochen werden. Es muss jedem Täter, jeder Täterin klar sein, dass die Gesellschaft es nicht duldet. Die Gesellschaft muss klar machen, dass es nicht mehr eine familiäre Angelegenheit ist. Das erfordert insgesamt ein Umdenken. Was ich höre ist Entsetzen, wenn so ein Fall aufgedeckt wird. Aber wo bleibt die Ächtung? Das ist eine sehr starke Waffe gegen MB. Wenn dem Täter schon das Schuldbewusstsein fehlt, dann sollte ihm zumindest klar sein, dass alle ihn verachten werden.

Die Schule ist gefordert. In jeder Schule müsste eine Vertrauenslehrerin sitzen, die gerade in dem Bereich eine zusätzliche Ausbildung erhält oder bei Verdacht sofort selber Hilfe durch eine übergeordnete Instanz bekommt. Auch die Jugendämter sind hier klar gefordert. Was ich da schon an Horrorgeschichten gehört habe, ist geeignet, die Schuldigen lebenslang einzusperren. Bei klaren Verstößen müsste hier auch das Strafrecht greifen. Was soll denn ein Kind tun, das den Weg zum Amt findet und dann in die Hölle zurück geschickt wird.

Und hier käme auch schon der nächste Ansatz. Jugendämter und andere Instanzen tun sich oft schwer, weil ihnen einfach die Möglichkeiten fehlen. Hier ist wieder Staat und Gesetzesgeber gefordert. Denn oft genug stehen die Mütter oder Angehörigen sehr alleine da und wissen sich nicht zu helfen. Es gibt definitiv zu wenig Stellen, die Hilfe leisten können. In meinem Bundesland gibt es eine ganze Anlaufstelle für Mädchen. Jungs gehen leer aus. Ich habe nach dem Erwachen 2003 auch verzweifelt jemanden gesucht. Ich fand niemanden hier. Die nächste Stelle wäre 300 km weg gewesen. Ich wendete mich dann an Tauwetter in Berlin, 800 km weit weg. Diese eine Anlaufstelle bot mir als Mann tatsächlich ein Gespräch an, weil sie wussten, dass ich hier keine Chance habe. Und ich bin ein erwachsener Mensch, was macht ein Junge? Nichts! Er muss es erdulden. Das darf nicht sein!

Es müssen mehr auch staatlich geförderte Beratungsstellen für alle Opfer, also Kinder und Erwachsene, Jungs wie Mädchen, Frauen wie Männer, her. Wenn ich weiß, ich kann mich melden, ohne viel Aufwand und möglichst anonym, dann könnte schon sehr viel passieren. Denn jeder Mensch, besonders Kinder, die einmal reden konnten, werden sich lösen können. Aber wir Opfer haben enorme Ängste, besonders wenn es in der Familie passiert. Besonders Kinder sind dann bis in ihr Innerstes erschüttert. Nicht umsonst sagen wir, unsere Seelen wurden getötet. Wenn nun diese tote Seele Hilfe sucht und spürt, dass es keine gibt, dann verkriecht sie sich endgültig. So wie ich es tat. Wie anders wäre es verlaufen, wenn ich mit 9 oder 14 jemanden hätte ansprechen können? Wie anders wäre es verlaufen, wenn meine Mutter 1962 gewusst hätte, sie bekommt adäquate Hilfe? Das ist selbst heute noch sehr, sehr schwer.

Aber wenn die Gesellschaft endlich umdenkt, nicht mit den Fingern auf die Opfer zeigt sondern Hilft, dann kann sich was ändern, auch in den Familien.

2.3.2006 – Sascha
 
 

(C) jetzt.trotz-allem.org 2006