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Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott und die Welt

 


 

Wie ein Rohr im Wind


Ich denke, es ist so, dass man sich nicht gegen die eigene Vergangenheit stellen kann. Wie es so schön in eine Lied von Wolfsheim und in einem Gedicht von mir heißt: Es gibt kein Weg zurück. Was einst geschah, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden. Darum frag ich mich, wie kann man dagegen kämpfen? Gegen etwas kämpfen heißt ja, es besiegen, es eliminieren. Doch wie will ich etwas eliminieren, das nicht mehr zu ändern ist?

2003. Es war ein fast faszinierender Kampf den ich führte gegen mich selber. Deswegen faszinierend, weil ich all die Jahre ein Mensch war, der wenig Gefühle entwickelte. Nun änderte es sich, von heute auf morgen. Mit meinem ererbten Dickschädel kämpfte ich gegen das Unvermeidliche. In mir tobte das Chaos. Ich wehrte mich mit allem was ich hatte gegen die Vergangenheit. Ich suchte aber auch in mir in einer fast schizophrenen Art nach immer mehr Erinnerungsfetzen. Und ich fand fast nur grausame Erinnerungen. Trotz aller Bemühungen spürte ich keine Besserungen. Mal hatte ich für ein paar Tage Ruhe. So Kurz vor Weihnachten 2003. Es war eine kurze Zeit, in der ich wieder Kraft schöpfen konnte.

Doch dann griff das Grauen wieder nach mir. Ich fand Erinnerungen in mir, die aus den schlimmsten Horror-Romanen zu stammen schien. Einzelne Szenen sind so schlimm, dass ich sie wohl nie vergessen werde. Ich denke da an die Nächte, in denen ich als neunjähriger Junge frierend, von Ekel geschüttelt, im Urin meines Peinigers verbrachte. Oder an jene Szene mit ca. 3 Jahren. Ich hatte mich erdreistet, meinem Bruder Widerstand zu leisten, als er mich mal wieder in der Badewanne vergewaltigen wollte. Er drückte mich brutal unter Wasser bis ich fast ertrank. Solche Szenen brachten mich nach all den Jahren um den Verstand. In mir war ein extremer Widerstand gegen die Vergangenheit entstanden. Nur konnte ich machen was ich wollte. Immer wieder drangen die Erinnerungen zu mir vor, überdeckten das normale Denken und ließen mir keine Chance. Flashback um Flashback brachte mir die Vergangenheit zurück und ich kämpfte oft mir letzter Kraft dagegen an.

Für mich war es ein aussichtsloser Kampf. Wie sollte ich die Bilder vergessen, die ich im Kopf hatte, das Gefühl vergessen, dass ich hatte, wie ich auf dem Bauch lag, gefesselt auf einem großen Bett, das Gesicht auf einem Kissen, in das ich vor Schmerzen biss, um nicht zu schreien, als er in mich eindrang. Hätte ich geschrieen, hätte er mich geschlagen. Also biss ich in das Kissen und weinte lautlos da hinein. So was vergisst man nie, auch wenn das Wissen für lange Zeit verdeckt war. Es ging mittlerweile soweit zurück, dass ich Bruchstücke aus meinen ersten Monaten meines Lebens fand. Nichts davon kann ich ändern. Jeder Sekunde von damals ist und bleibt so, wie es war.

Nur eines kann ich ändern. Das was die Zukunft mir bringt, kann ich beeinflussen. Über Jahre hatte ich nur geringen Einfluss darauf. Denn ich kannte die Gründe für mein zum Teil seltsames Handeln nicht. Nun habe ich sehr viel über mich gelernt. Und ich habe noch etwas anderes gelernt. Anfangs wehrte ich mich instinktiv gegen die Vergangenheit. Es führt mich bis in eine Psychiatrie. Nach und nach besserte ich aber dann mein Befinden, die Flashs ließen nach und haben heute fast ganz aufgehört. Wie kam es aber dazu?

Eine scheinbar einfach Frage aber eine sehr schwere Antwort und vielleicht noch viel schwerer zu realisieren, was ich da seit Mitte 2004 erkannte. Das erste, was mir auffiel war der Umstand, dass die Flachs nachließen. Und ich merkte, dass die Vergangenheit nicht mehr soviel Raum einnahm in meinem Leben. Von 2003 bis Mitte 2004 bestimmte sie mein Leben, nahm fast den gesamten Raum meines Lebens ein, wahrscheinlich auch in den Träumen.

Langsam erkannte ich immer mehr Details, die meine Verarbeitung betraf, erkannte die Änderungen, die sich eingestellt hatten. Und es fiel mir ein guter Vergleich aus der Natur ein. Alle Pflanzen in freier Natur sind Wind und Wetter ausgesetzt. Sicher, nicht alle Pflanzen überstehen den Unbill des Wetters. Doch keine Pflanze käme auf die Idee, so zu wachsen, dass sie sich dem Sturm entgegenstellen würde. Im Gegenteil, sie beugen sich dem Sturm. Sie nehmen das Wetter an, akzeptieren das, was ist. Keine Kornpflanze wächst gegen den Sturm, sondern mit dem Wind, beugt sich seiner Kraft. Kaum lässt der Druck nach, richtet sie sich wieder auf und streckt sich zur Sonne. Und so fing ich an zu reagieren, instinktiv nutzte ich das Wissen der Natur. Ich kämpfte nicht mehr gegen die Vergangenheit, ich fing an mich ihr zu beugen, ich fing an, sie anzunehmen.

Dazu gehörte auch, dass ich mich selber respektierte und akzeptierte, so wie ich war. Das ist sicher nicht einfach. Dazu gehörte zu verstehen, warum ich so reagierte, wie ich früher reagierte. Warum ich kaum einen Menschen an mich heran ließ, extreme Beziehungsprobleme habe und bis heute bei zu großer Nähe zurück schrecke. Ich habe mich sicher gegen über früher schon sehr geöffnet, sage eher, wenn mich etwas stört, aber ich bin trotz dem immer noch ziemlich in mir zurückgezogen und suche hier nach Antworten. Nur kämpfe ich nicht mehr gegen die Vergangenheit. Ich fange an, sie anzunehmen. Wie ein Grashalm beuge ich mich nun dem Druck der Vergangenheit. Ändern kann ich sie nicht mehr. Jede Sekunde, die seit meiner Geburt mein Leben bis heute ausgemacht hat, ist geschehen. Selbst dieser Text hier wird schon Vergangenheit sein, wenn ihr ihn lest. Nichts kann ich ändern, aber ich kann mich beugen, kann die Vergangenheit über mich hinwegwehen lassen und mich dann wieder aufrichten, nach vorne schauen und in die Zukunft gehen, ohne all das mitzunehmen. Denn es ist über mich hinweggeweht.

Ich habe es deswegen geschafft, weil ich mich nicht mehr gegen die Vergangenheit gestellt habe. Nichts hätte ich ändern können. Das was vor teilweise über 40 Jahren passiert ist, kann niemand mehr ändern. Auch die negativen Folgen kann ich nur langsam revidieren. Ich muss es akzeptieren, dass ich auf meine Art schüchtern bin, vor Nähe zurückschrecke, mich leider immer noch selber verletze. Auch die Krankheiten, die eindeutig auf den MB zurückzuführen sind, muss ich akzeptieren. Nach und nach gehe ich voran, kann wieder in den Spiegel schauen, respektiere mich selber. Ich fange an, mich aufzurichten, der Sturm der Vergangenheit fängt an sich zu legen, sie verliert ihre Macht.

Ich hatte gewonnen, weil ich nicht mehr kämpfte. Aber ich hatte nicht aufgegeben. So wie man sich duckt, wenn einem etwas bedroht, hatte ich mich geduckt, mich nicht mehr dem ganzen entgegenstellt, sondern das ganze angenommen. Nur so konnte ich es schaffen. Der Weg war hart, viele Steine, Felsen lagen auf dem Weg. Ein extremer Sturm blies mir entgegen und ich stellte mich ihm entgegen. Eiskalt blies er mir ins Gesicht, warf mich um, drückte mich auf den Boden. Erst als ich dahinter kam, dass ich mich ihm nicht mehr entgegenstellen durfte, fingen die positiven Veränderungen an. Ich wurde zum Grashalm, bog mich und entging so den schrecklichen Erinnerungen. Da sind sie noch, sie werden mich immer begleiten. Doch Macht haben sie so gut wie keine mehr über mich. Ich werde sie mitnehmen in die Zukunft, werde sie nach und nach zurücklassen am Wegesrand.

Und sollten sie ab und zu noch mal versuchen mich zu zerstören, werde ich ihnen widerstehen können. Denn sie werden von mir abprallen. Ich habe es verstanden, dass ich es akzeptieren muss. So akzeptieren, wie ich es akzeptieren muss, dass ich ich bin, das ich mein Äußeres hinnehme, die einsetzenden grauen Haare, meine Plattfüße, meine Rückenschmerzen und und und...

Ich breche auf in eine neue Zukunft, ich will meine Leben leben, nicht mehr an das denken, was es bis vor kurzem noch so sehr bestimmt hatte. Auch meine Fehler nehme ich mit. Denn sie gehören zu mir, sie sind ein Teil meines Ichs. Und ich bin stolz auf das, was ich geschafft habe und stolz darauf, dass ich es gerne mit so vielen Menschen teile denen es so geht wie mir, egal wer es ist.

5.1.2006 – Sascha

 
 

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