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Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott und die Welt

 


 

Vor 40 Jahren...



... vor 40 Jahren stand ich am Bahnhof. Da stand sie, meine Mutter. Freute sie sich drauf, ihren Jungen wieder zu sehen? Sie hatte ihn vor 6 Wochen in den Zug gesetzt, in die Obhut einer Frau gegeben, die ihn zusammen mit ein paar anderen Jungs zum Kurheim begleiten sollte.

Nun war ich zurück. In mir nur noch einen Wunsch. In mein Zimmer, in jene 4 Wände, in denen ich geschützt war. Nur dort konnte ich Schutz finden. Nicht bei ihr, nicht bei jemand anderem. Erwachsene kümmern sich nicht um kleine Jungs. Ihnen ist es egal, was ihnen passiert. Wir sind unnötig auf der Welt. Und nur wir selber können uns vor alle dem Bösen da draußen schützen.

Sagte sie was zu mir? Sagte ich was zu ihr? Nein, ich denke nicht. Ich weiß auch nicht mehr, wie wir zurückfuhren? Mit dem Bus? Oder mit einem Taxi? Es liegt im Dunkel. Ich weiß nur eines: Ich wollte weg vom Zug, weg vom Bahnhof. Nach Hause, in mein Bett.

Damals passierte es endgültig. Ich verlor den Kontakt zu ihr. Ich hatte vor allem Angst. Zu Hause angekommen wollte ich das tun, was mir schon mal half: Verstecken. Und da es so nicht ging, versteckte ich das, was in mir brodelte vor allen anderen im Haus. Ich lachte nach außen, wie es sich für ein Kind von 9 Jahren gehörte. Nur würde ich nie wieder weinen. Warum auch? Weinen macht doch nur Sinn, wenn jemand kam und einen festhielt. Doch das war ja nicht so, das machte keiner. Also zog ich mich zurück, wurde ein Kind, das gerne alleine war. Und es war ja auch kein Problem. Alle gingen ihre Wege, also konnte und musste ich das auch machen.

Heute erfuhr ich, dass sie in eine tiefe Depression damals fiel. Über 3 Jahre hielt diese an. Und das deckt sich mit dem, was ich erinnere. Ich war also 12 oder 13 so rum, als dies langsam zu Ende ging. Niemand war im Haus, der den kleinen Jungen beachtete. Der wurde älter, hatte sein Zimmer, dass er sich durch Chaos zu seinem Refugium gemacht hatte. Ich wusste, wo was war. Es war eine Art der Ordnung, die niemand verstehen konnte. Ich fing an, mir meine Welt zu schaffen, eine Welt, in der nur ich war. Ich weiß, dass ich schon vorher eine leichte Tendenz dazu hatte. Nun wurde das aber zu meinem Leben.

Damals war es auch, als dieser eine Alptraum begann. Ich hab ihn schon oft geschildert. Vor kurzem fiel mir wieder ein dass ich später öfter eine andere Art Alptraum hatte. Ich kam in irgendwelche schlimme oder peinliche Situationen und konnte mich nicht rühren, wie gelähmt. Und wenn ich dann vor Angst wach wurde hielt diese Lähmung noch einige Minuten an. Ich lag dann mit aufgerissenen Augen im Bett, unfähig mich zu bewegen. Vielleicht mit ein Grund warum ich heute sehr schnell wach werde und voll da bin.

Wir waren damals 4 Kinder und zwei Erwachsene im Haus. Mein Bruder bezeichnet es treffend: Wir waren einsam in einem Haus voller Menschen. Und ich war der Jüngste. Und hatte gar keine Chance vorerst dem Ganzen zu entkommen.

Das kam erst mit 16. Ich kam in die höhere Schule. Und damit auch raus für einige Stunden aus dem Einflussbereich des Elternhauses und auch der typischen Dorflehrer. Leider lernte ich dann auch viel zu schnell die Wirkung von Alkohol kennen. Zum Glück kam es nicht zu direkten Problemen, da ich in mir auch immer noch das sehr starke Bedürfnis nach Kontrolle in mir hatte. Dies war wohl meine Rettung. Ab 17 trank ich regelmäßig. Oft sehr, sehr viel, damit ich die Mauern in mir nicht so spürte, auch um irgendwie die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Es lagen Jahre hinter mir, die ich irgendwie überstand. Sicher, in der Schule hatte ich ein paar lose Freunde, Mitschüler, die wie ich zu einer Art Randgruppe gehörten. Ich wollte es aber auch kaum anders. Ich hatte schon feste Methoden entwickelt, um mit alle dem klar zu kommen. Und ich wollte es ja auch nicht anders. Mädchen interessierten mich kaum, nur die eine, die damals zu uns kam. Ich war ca. 14 Jahre alt. Sie dürfte ein Jahr jünger gewesen sein. Meine Mutter hatte ja zwei Ponys gekauft. Und ich war sehr stolz darauf, mit ihnen auszureiten. Das hört sich großartig an. So fühlte ich mich ja auch. Nur war ja der Grund ein anderer, dienten doch die Ponys mehr dem Zweck, unseren Vater an uns zu binden.

Vielleicht wollte sie auch damit was gut machen? Wer weiß? Ich sehe es heute mit sehr gemischten Gefühlen, noch dazu führte es den 3. Täter ins Haus.

2003 schloss sich ein Kreis. Damals, 1968, kam ich verstört, zerstört aus der Kur zurück. Seit dem habe ich sie nie wieder umarmt. Erst auf dem Sterbebett tat ich es wieder. Und ich spürte in mir zwar Trauer, aber sonst nur Leere. Es wurde ein Abschied für immer. Kurz drauf fing ich an mich zu erinnern. An die Einsamkeit, an meine Hilflosigkeit. An mich, den kleinen Jungen, der vor 40 Jahren den Zug verließ. Ein einsamer, kleiner Junge, seelisch tot, voller Angst, voller Trauer, die so groß war, das er sie verstecken musste. Ich hätte sonst die folgenden 40 Jahre nicht überlebt. Erst mit 44 Jahren fing ich wieder an, es zuzulassen. Es war die Hölle....

Sascha 10.9.2007
 

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