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Texte
Gedanken -
Über mich, über andere, über Gott
und die Welt |
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Was interessiert es mich? |
Ich hab den Kopf so voll. Das sind 1000 Gedanken drin, 1000
Dinge, die geregelt werden wollen. Was kaufe ich morgen, was
esse ich morgen, was ziehe ich an, wie wird das Wetter, muss
ich Abwaschen oder hat es noch einen Tag zeit, reichen die
Unterhosen noch oder muss ich noch eine Maschine Wäsche
machen, wann habe ich die nächste Schicht, warum juckt mein
Ohr, wie viel Deo habe ich noch, wie lange reicht die
Zahnpasta...
Was interessiert es mich, was es für schlimme Dinge gibt in
der Welt? Ich hab meine Probleme, und davon genug. Der
Fernseher läuft im Hintergrund, ein paar Bilder von
Hungernden in Somalia, ein paar Bilder vom Krieg, zu
Abrundung ein paar aus einem Erdbebengebiet, weit weg,
irgendwo in Pakistan. Wo liegt das eigentlich? Was
interessiert es mich? Ich hab genügend Sorgen. Wie viel Geld
hab ich noch auf dem Konto, wie viele Socken noch im
Schrank? Da juckt was an den Füßen? Hab ich etwa Fußpilz?
Egal, ich hab nur noch 3 Scheiben Käse, muss ich auch noch
neuen Kaufen, Salat ist auch alle, Essig ist genug da, für
die nächsten Wochen. Und dann die anderen Dinge, die mich
beschäftigen. Wie wird das Frühjahr, wie der Sommer? Schaffe
ich es dieses Jahr mein Schlafzimmer zu renovieren? Werde
ich im Job so weiter kommen wie bisher?
1000 Dinge beschäftigen mich, tag ein, tag aus. Was
interessiert es mich, wenn andere leiden? Weil ich mich dann
mit etwas anderem beschäftigen müsste als mit mir, nämlich
mit mir! Das ist kein Widerspruch, im Gegenteil. Denn so war
es all die Jahre. Ich war so sehr mit mir selber
beschäftigt, dass ich mich selber vergaß. Ich war damit
beschäftigt mich hinter alle dem zu verstecken, versteckte
mich vor mir selber, wollte mich nicht sehen. Mir ging es
doch gut! Ich hatte ein Bett, hatte genug zu essen, konnte
Lachen. Ich hatte sogar jemanden gefunden, der das Leben, so
wie es war, mit mir teilte. Was will man mehr?
Und dann kam mehr, schneller als mir lieb. Und das Mehr
zerstörte erst mal das, was war. Ich konnte nicht mehr
sagen: Was interessiert es mich? Dazu war es zu spät. Wie
die Büchse der Pandora kam ich mir vor. Schön anzuschauen
von Außen, aber wehe jemand hob den Deckel an. Ich tat das.
Ich selber war es, der den Deckel hob und ihn dann nicht
mehr zubekam. Wie soll ich es beschreiben, diese Zeit, die
auf mich zukam? Grausam? Schönes Wort, aber zu harmlos. Wie
soll man einen Zustand beschreiben mit Worten, den man kaum
mit seinen Sinnen erfassen kann, weil die Sinne es selber
nicht mehr ertrugen und anfingen zu verwirren. Wer kennt
nicht die Bilder nach dem Tsunami. So sah es in meinem Kopf
aus. Das reinste Chaos, kaum ein klarer Gedanke mehr da.
Weiter oben, da habe ich einiges von dem beschrieben, was
einen normalen Menschen interessiert. Was interessierte es
mich zu der Zeit? Alles war egal geworden. Wichtig war jetzt
nur noch eines: Ich! Das was da in mir war. An Bildern,
unterdrückten Gefühlen, Erinnerungen, die in direktem Wege
aus der Hölle stammen mussten. Das wurde zu meinem
Lebensmittelpunkt. Und darüber vergaß ich wieder eines:
Mich!
43 Jahre Leben, oder waren es 43 Jahre Tod, zogen an mir
vorbei. Es war Leben, aber was für eines? Zumindest die
ersten 16 Jahre bieten Stoff für Horrorromane der bitteren
Art. Gespickt mit dramarturgisch gut gewählten Ruhephasen,
in der jeder Leser hofft, das der Hauptakteur zur Ruhe kommt
und um dann um so grausamer in die Wirklichkeit
zurückgeführt zu werden. Was Menschen mit Menschen machen,
das weiß ich nun aus eigener Erfahrung. Gewusst habe ich es
schon immer. Aber so genau wollte ich es nicht wissen und
musste es dann doch hinnehmen, denn mich hat keiner gefragt.
Sie haben es einfach getan. Ich lernte, dass Kinder nichts
wert sind.
Ein Kind, was ist das schon? Gar ein kleines Kind, ein Baby.
Ein schreiendes Etwas das nichts zu melden hat. Ein
Gegenstand, den man nach belieben benutzen kann. Das war
ich. Und so ging es weiter. Ich weiß nicht genau, was in den
Jahren 4 bis 9 alles war, sind ja nur 5 Jahre von fast 50
mittlerweile. Also was soll’s. Was interessiert es mich?
Verdammt viel, muss ich sagen. Nur fehlt da leider noch
viel. Es scheinen aber doch halbwegs ruhige Jahre gewesen.
Und wenn nicht, dann reicht mir das, was ich weiß, um mich
durch die Hölle zu schicken. Und von da komme ich gerade
zurück. Wir haben 2006. Vor zwei Jahren, zu selben Zeit war
ich gerade kurz vor diesem Ziel. Kurz davor, endgültig die
Hölle zu betreten.
Jetzt bin ich immer noch auf dem Rückweg. Ich schlage mich
immer noch mit Dingen herum, die ich nie als normal
bezeichnen werde, mit Folter, mit sexuellem Missbrauch,
Vergewaltigung, Schläge, Prügel, Misshandlungen. Und es sind
das alles Dinge, die mich betreffen. Es ist eine „schöne“
Liste geworden. Ich wache immer noch manchmal schweißgebadet
auf, mit Schmerzen, weil ich Nachts im Schlaf irgendwas
getan haben muss, was geträumt habe, an das ich mich zum
Glück nicht erinnere. Ich bin genügsam geworden. Ich freue
mich auf jeden Morgen, an dem ich erwache und spüre, es war
eine gute Nacht.
Ich höre Nachrichten. Und wieder Bilder vom Krieg, von
Hungernden, von Mord und Totschlag. Was interessiert es
mich? Sehr viel! Denn ich weiß, wie sich das alles anfühlt.
Und ich möchte ein winziges Stück dazu beitragen, dass es
aufhört. Auch wenn es nur ein einziges Kind weniger ist, das
leidet. Das reicht.
Sascha 11.2.2006
Hallo Sanne,
es ist wohl müßig, darüber zu spekulieren. Es ist fast so,
als würde man zwei unterschiedliche Dinge vergleichen.
Damals waren es reale Vorgänge. Auf Aktion folgte Reaktion
von uns, also Verdrängung zum Beispiel. Wir taten sicher
alles mögliche, um die grausamen Situationen so gut als
möglich zu überstehen. Flucht war fast unmöglich auf einem
normalen Weg. Es blieb nur die Flucht nach innen. Was wir
als Kinder fast gar nicht konnten, war die Bewertung der
Vorgänge. Das ist so, als wenn man sich eine komplizierte
Formel anschaut. Man versteht sie nicht und steckt den
Zettel einfach in die Tasche und vergisst ihn. Jahre später
findet man den Zettel wieder und beginnt, die Formel zu
verstehen.
Und das ist die Aufgabe, die uns heute gestellt wird. Der
Zettel sind die Flashbacks. Nur das es mehr eine geistige
Memokassette ist, die da in uns ruhte und alles noch mal
durchleben lässt. Nur diesmal sind wir anders stark wie
damals. Als Kind leisteten wir die Vorarbeit und bespielten
diese Kassette und verwahrten sie in uns. Heute fangen wir
an, sie abzuspielen und auch zu verstehen. Nur sind es
diesmal Vorgänge, die nur in unserem Kopf vorgehen. Sehr
viel schwieriger wird es, hier eine angemessene Reaktion zu
finden, weil die Aktion mit nichts mehr zu beeinflussen ist.
Hier liegen die Probleme. Das finden der richtigen Reaktion
auf all das. Ich beobachte immer wieder an mir und bei
anderen diese extreme Suchen nach einer angemessenen
Reaktion, die wir als Kinder nicht ausführen konnten. Es ist
ein Lernprozess, bei dem wir als Erwachsene von heute mit
den unterschiedlichsten Versuchen ein Weg finden wollen.
Ängste, Panik, Wut, Hass, viele Reaktionen, die sich damals
verboten wegen der direkten Gefahr sind heute zulässig. Also
werden sie auch als Reaktion ausprobiert.
Es ist und bleibt eine Suche nach uns selber. Wir selber
waren es auch, die uns versteckt haben, verstecken mussten.
Beides ist wichtig gewesen, ist wichtig heute. Das
Verstecken ebenso wie das wieder finden. Denn auf dem Zettel
steht unser wahres Ich neben all dem, was es verdeckte.
Heute erst können wir diese Formel auflösen die wir in
unserer kindlichen Art dort niederschrieben wie sie kam. Das
Ergebnis kennen wir im Grunde auch schon: Ich!
Wir müssen nur alles, was ein negatives Vorzeichen hat durch
positive Dinge auf Null bringen. Was dann übrig bleibt sind
wir. Ohne dieses Negative...
20.2.06
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(C)
jetzt.trotz-allem.org 2006 |
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