|
Langsam nässte der Regen den noch
frostigen Boden. Es war März, ein kalter Winter hatte das Land gefangen
gehalten gehabt. Unbarmherzig Kälte zerstörte viel von dem jungen Leben,
das im Boden auf die wärmende Frühjahrssonne gewartet hatte. Zulange war
der Winter gewesen. Doch lange nicht alles war ausgelöscht. Fleißige
Helfer hatten in den beginnenden Herbsttagen des letzten Jahres sich
unermüdlich mit Vorräte für die weiße Jahreszeit eingedeckt. Sie hatten
soviel zusammengetragen, dass sie nicht alles verbrauchten. Zum Teil
vergaßen sie sogar, wo überall sie ihre Läger eingerichtet hatten.
Tief im Boden, versteckt vor allem
Unbill der Witterung wartete ein Samenkorn einer der großen Buchen auf
seine Chance. Groß wollte es werden, wenn es gänge sogar für Jahrhunderte
leben auf der Mutter Erde. So klein es auch war, ein mächtiger Baum konnte
aus ihm entstehen. Ein Lebewesen, das jeder Witterung trotzen konnte,
jedem Sturm, jedem Regen. Ja, gerade bei Regen fühlt sich so ein Wesen
erst richtig wohl. Und nun fielen dicke Tropfen auf den Boden, unter dem
das Samenkorn lag. Erst noch floss das Wasser noch ab, aber es war schon
warm und begann den Boden zu erweichen. Erste Feuchtigkeit drang zu dem
kleinen Keim da im Boden.
Erst merkte es nichts von der
Veränderung, die da in ihm vorging. Zu langsam war der Prozess, den die
Feuchtigkeit da in Gang gesetzt hatte. Doch nach 2 Wochen spürte es die
Veränderungen. Seine äußerste Hülle platzte auf. Ein junger Keim drückte
gegen den allgegenwärtigen Erdboden, von dem der Samen umgeben war. Und
der noch winzige Trieb, der da entstand, strebte ohne zu wissen warum,
nach oben, als ob es wie durch eine Röntgenbrille die Sonne sehen könnte,
die nun schon mit Kraft den Boden erwärmte.
Erst Millimeter um Millimeter schob
sich der Trieb voran, der Keim genoss seine Aufgabe nach den Monaten der
Ruhe. Langsam sandte er auch kleine Wurzeln in die entgegengesetzte
Richtung, um die langsam schwindenden Vorräte an Nährstoffen aufzufüllen.
Instinktiv saugten die Wurzeln durch ihre Poren jene Stoffe auf, die nun
dringend benötigt wurden, damit der Trieb die Oberfläche erreichen konnte.
Durch einige kleine Ritzen im Boden hätte der Trieb die Sonne schon sehen
können, hätte er Augen besessen. Er würde aber auch den Stein gesehen
haben, der sich da ihm unvermutet in den Weg legte. Der Trieb drückte
lange gegen diesen Stein, aber es geschah nichts. Nur krümmte sich jetzt
schon der Wuchs in seiner Jugend. Das war das ganze Ergebnis seines
Bemühens. Ohne zu verstehen, was mit ihm geschah, wollte er nur einfach
weiter, der Sonne entgegen. Es war schier zum verzweifeln, Das Hindernis
wollte nicht weichen. Irgendwann, er wusste nicht mehr zu sagen, wann es
war, hatte er sich genug gekrümmt und wuchs an dem Hindernis vorbei. Doch
nicht wie gewöhnlich grade und stark aus dem Boden zu sprießen, wuchs der
Trieb nun schräg am Hindernis vorbei in die Sonne hinein.
Doch was sollte ihn das stören?
Vergessen waren die Tage der Mühe, Sonne, ich komme, war sein ganzer
Gedanke. Herrliche, freie Luft umströmten seine winzigen Blätter, kaum
hatten sie sich entfaltet. Nun konnte ihn nichts mehr aufhalten, auf dem
Weg zu einem mächtigen und stolzen Baum. Der Sommer war gnädig zu dem noch
jungen Pflänzchen, das sich da entfaltet hatte. Genügend Wärme, aber auch
genügend Regen bekam es ab. Grade so die richtige Mischung, wohlbehütet
von Mutter Natur. Der nächste Winter kam, Schnee bedeckte ihn. Aber das
machte ihm schon nichts mehr aus. Seine Wurzeln waren tief genug im Boden,
der winzige Stamm von der Natur gewappnet gegen die Kälte, die ihn umgab.
Er schlief einfach ein wenig, bis zum nächsten Frühjahr hinein. Schön war
das Erwachen. Eine strahlende Frühlingssonne spielte einen guten Wecker
nach dem langen Schlaf. |