Texte
Aus meinem Leben

 

Leben wie ein Baum II.
Die Jugend

 


Mitten auf eine kleine Wiese hatte es das Bäumchen verschlagen. Frei von den alten Bäumen konnte es sich hier entfalten, brauchte nicht um Platz zu kämpfen. Doch wusste er das nicht. Er ahnte auch nicht von dem nahenden Unheil. Ein stampfendes Geräusch empfing unseren Baum an einem sonnigen Morgen im September. Und ein Blöken war zu hören. Der kleine Baum erschrak. Was hatte das zu bedeuten? Seltsame Töne hörte es nun, als wenn Viele Gras aus der Wiese rupfen würden. Aber er hatte ja keine Augen. Schafe waren auf der Wiese und eines dieser dummen Tiere näherte sich dem Bäumchen, das dort zitternd stand, das Unheil schon ahnend. Und richtig, ehe es sich versah, waren sämtliche jungen Blätter fort, die erst ausgetrieben waren. Nackt stand es jetzt auf seiner Wiese, die Schafe waren längst schon wieder fort. Hungrig und zitternd, es wusste nicht was ihm geschah. Ein ganz kleines Blatt hatten diese Untiere übersehen. Das war ihm geblieben von all der Pracht, die noch vor Stunden sein ganzer Stolz gewesen. 

Und er erinnerte sich an das Hindernis, dass ihm einst den Weg verwehrte. Und wie damals nahm es noch einmal alle Kraft zusammen, verdrängte den Schmerz, den ein dummes Tier ihm zugefügt. Mit letzter Kraft bildete er neue Triebe, so kurz bevor der Winter kam. Und der Winter kam mit Macht. Bedeckte mit seiner kalten Pracht alles Leben rundherum. Unser kleiner Baum verfiel wieder in seinen tiefen Schlaf, ohne zu wissen, ob es den Frühling wieder würde erleben. Seufzend versank es in seine Träume, die keine schönen waren. Das Trampeln, das ihn so erschreckt hatte, begleitete ihn in den Schlaf. 

Doch der Frühling kam und seine Blätter sprießten. Sein Wuchs war zwar jetzt krumm, doch störte er sich nicht daran. Voll stolz schob er sich dem Himmel näher, beachtete seinen krumm gewordnen Stamm, als wäre es so richtig. Egal, sein Ziel war Leben, sein Ziel war es immer noch, ein stolzer und großer Baum zu werden. Und das konnte er auch mit krummem Stamm erreichen. Weitere Jahre gingen ins Land. Es waren nun schon 14 an der Zahl. Noch immer stand er auf seiner Wiese, wohin konnte ein Baum auch gehen? Einen Baum verlangt es nicht nach Reisen. Ruhig und von anderen unbedrängt will er sein Leben leben an einem einzigen Ort nur, an seinem Platz, an dem er geboren. 

Doch wieder nahte Unheil. Ein Reh verlief sich auf die Wiese, fand das Bäumchen einfach süß, wie es dastand, so verführerisch. Es konnte nicht davon lassen. Immer wieder kam es knabbern an der jungen Rinde. Das arme Bäumchen krümmte sich vor Schmerzen, doch es half nichts. Ohne Mitleid fraß das Reh an ihm bis der Winter kam. Fast wäre unser Bäumchen gestorben, eingegangen an der Pein. Doch irgendwie hatte Gott erbarmen. Der Frühling kam und neue mit Narben übersäte Rinde wuchs an ihm und die Blätter sprießten wieder. 

So gingen die Jahre ins Land. Immer größer wurde unser Baum. Stolz rauchten die Blätter im Wind, man sah die vielen Narben kaum. Doch tief in ihm, da steckte nun ein  anderer Keim, einer von der bösen Sorte. Längst war alles vergessen, so schien es. Doch war sein Stamm seit damals ausgehöhlt an vielen Stellen, das hatte ihn lange nicht gestört. Nun nach so vielen Jahren aber merkte er es doch. Etwas stimmte nicht mit ihm. Etwas störte seinen Wuchs. Jetzt drohte sein Stamm zu zerbrechen, einfach mittendrin. Und nach und nach kamen ihm die Erinnerungen, die er lange hatte verdrängt. Harz lief an seinem Stamm herunter, tropfte aus den Narben Tränen gleich. Nun stand er einsam auf seiner Wiese und kämpfte um sein Leben, das von Anfang an von vielem war gestört.
 

Teil I. Teil II. Teil III.
 
 

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