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Texte
Tagebuch des Erwachens |
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Erwachen
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9.6.2003
(Pfingstmontag) |
5 Minuten nach dem Aufwachen (gegen 7 Uhr) erwache
ich. Der Vorhang geht hoch vor dem, was mir mit 9 Jahren passiert
ist. Noch bin ich nicht weiter aufgeregt, spüre aber, das was
passieren muss! Ich bereite mir in aller Ruhe ein Frühstück zu und
setzte mich damit in den Garten. Danach schreibe ich einige
Gedichte. Mir fällt auch dabei wieder ein, dass ich schon am 2.6.
ein kurzes Erwachen hatte. Ich wollte damals aber meinem Bruder A
nicht zumuten, an seinem Geburtstag darüber zu reden. Also hab ich
es einfach wieder vergessen. Heute geht das nicht mehr. Es ist da.
In Gedanken gehe ich meinen Freundeskreis durch. Ich suche den
Menschen, mit dem ich darüber reden kann. Als beste Lösung fällt mir
meine Freundin G ein. Ich weiß, dass sie
mit dieser Thematik sehr gut umgehen kann. Ich rufe sie an und
lade sie einfach unverbindlich zum Kaffee ein. Sie sagt zu. Später
gesteht sie mir, dass sie sofort gemerkt hatte, dass was nicht
stimmt.
Sie kommt gegen 14 Uhr. Leider kommt dann aber auch noch ein
guter Freund hinzu. Ich muss warten, bis dieser wieder weg ist.
Gegen 15 Uhr geht er. G wäre fast auch gegangen, ich hätte sie aber
zurückgehalten. Zur Vorbereitung hatte ich für G und mich ein
traumhaftes Dessert gezaubert (süße Seelennahrung hilft mir oft) aus
Eierpfannkuchen und frischen Erdbeeren. Dazu gibt's erste,
unverfängliche Gedichte. Dann aber das erste, schon klarere. Es ist
das Gedicht C'est la vie.
Ich habe es hier zum Ausdrucken hinterlegt. Und dann kommt, was
kommen muss. Mit sehr leiser Stimme, immer wieder unterbrochen von
heftigen Krämpfen, erzähle ich ihr, was ich bisher weiß.
Rührend kümmert sie sich um mich. Meine Entscheidung war richtig.
Sie sagt mir die Worte, die ich jetzt brauche, gibt mir die Wärme,
die jetzt hilft. Wir sprechen 3 Stunden miteinander. Danach
muss sie fahren.
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| 10.6.2003 |
Ich schicke an meinen Bruder A, der leider etwas
weit weg wohnt, einen Brief. In diesem kündige ich ihm an, dass ich
ihn anrufen werde. Ich lege das Gedicht C'est la vie dazu.
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| 11.6.2003 |
Ich schreibe weitere Gedichte. H, eine weitere gute
Freundin ruft mich auf der Arbeit an und will mich abholen. Ich
stimme zu. Zu Hause zeige ich ihr Jugendbilder von mir. Ich kann sie
mir ansehen und nicht wie früher. Ich wollte sie früher nie sehen.
Ich sage ihr beim Abschied, dass wir demnächst mal miteinander reden
müssten. Danach teste ich etwas! Seit meinem 15 Lebensjahr habe
ich Höhenangst. Schon am 2.6.2003 war mir aufgefallen, dass diese
nicht mehr akut zu sein scheint. Ich hole ein große Leiter, stelle
sie gegen die Hauswand und beginne hinaufzusteigen. Es geht! Hurra,
mein Höhenangst ist weg.
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| 12.6.2003 |
Ich schicke vorbereitend ein weiteres Gedichte per
Mail zu meinem Bruder (Es
kommen Zeiten) Gegen 20 Uhr erreiche ich ihn. Post ist da, aber
Mails noch nicht abgerufen. Ich bitte dies vorher zu tun. Ich rufe
ihn 30 Minuten später wieder an. Wie schon am Montag beginne ich mit
leiser Stimme und stockend mit meiner Geschichte. Natürlich war
meine Angst unbegründet. Er redet sehr verständnisvoll mit mir. Ich
höre heraus, dass auch er weint. Ich verspreche ihm, mich sofort zu
melden, wenn ich Probleme habe.
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| 13.6.2003 - 22.6.2003 |
Nach und nach unterrichte ich meinen innersten
Freundeskreis über meine ersten Erkenntnisse. Alle sind sie sehr
lieb zu mir. Jeder (!) unterstützt mich, so gut er kann.
Bruder A
unterrichtet in diesem Zeitraum meinen Bruder B. Dieser ist schon
etwas älter und kann teilweise mit solchen Tatsachen nicht sehr gut
umgehen (er ist etwas unbeholfen darin). Aber auch er unterstützt
mich auf seine Weise.
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Ich schreibe in dieser Zeit viele Gedichte. Sie
helfen mir, meine Schmerzen, meine Scham und allen Hass zu ertragen. |
| ...... |
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| 21.8.2003 |
Ich erhalte letzte Gewissheit über den Missbrauch
durch meinen Bruder. Nach schon ziemlich heftigen Flashbacks in den
vergangenen Wochen, einigen eigenen Überlegungen usw. erzählt mir
Bruder B., dass meine Mutter ihm im Alter von 17 die Geschichte
erzählt hatte, aber nur ungefähr. Bin ziemlich zerstört an diesem
Tag. |
| ... |
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| 26.8.2003 |
Ich rufe meine Schwester an. Will ihr endlich sagen,
warum ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr gemeldet habe. Kaum
bin ich meine Geschichte losgeworden, kommt der Hammer. Sie hatte es
auch gewusst, aber die ganzen Jahre über verdrängt. Sie weiß
Details. Meine Mutter erwischte ihn inflagrantie. Mitten in der
Vergewaltigung in der Küche. Ein Anruf bei einer anderen Bekannten,
bei der ich die Neuigkeit loswerden wollte, führt zur nächsten
schlimmen Überraschung. Sie weiß es auch! Meine Mutter hatte es ihr
vor ca. 7 Jahren erzählt, aber ihr das Versprechen abgenommen, nie
darüber zu reden. Daran hatte sie sich auch Schwerenherzens
gehalten. Ich konnte mich jetzt auch ihre Reaktionen erklären, die
sie vorher bei meiner Schilderung der ersten Flashbacks zeigte. Es
muss eine Riesenlast für sie gewesen sein. In den nächsten Stunden
brach ich dann haltlos zusammen. Ein Flashback jagte nun den
anderen. Der Bann war gebrochen und die Erinnerungen überfluteten
mich. Ein andere liebe Freundin kam dann so gegen 19 Uhr und hat
mich mind. 2 Stunden festgehalten. Es war der schlimmste
Zusammenbruch bisher. Aber es ist jetzt überstanden.
Ich schreibe diese Zeilen eine Woche später und weiß, die
Erkenntnisphase ist abgeschlossen. Was jetzt noch kommen kann, sind
nur kleinere Details. Und die kann ich jetzt verkraften. |
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| 8.9.2003 |
Ein intensiver Flashback straft den obigen Satz
Lügen. Es kommen nochmals sehr schlimme Details in mir hoch. Dazu
gesellt sich auch einige Suizid-Gedanken wegen der schlimmen
Details. Es sind aber nur kurze Momente, in denen ich einfach an mir
und meiner Geschichte verzweifle. Irgendwann ist es genug! Man will
dann nichts mehr hören und sehen! |
10.92003
11.9.2003 |
Um Mitternacht beginnen eine Reihe neuer Flashbacks.
Meine normalen Erinnerungen an die Kindheit kommen zurück. Zwei
Stunden lang kommen Ereignisse und Bilder zurück, wie sie jeder
normale Mensch hat. Erinnerungen an das Spielen im Sandkasten, an
Orte, an die vielen Tiere, die wir hatten. An die Schule usw.
Jetzt erst kann die Zukunft beginnen!
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(C)
jetzt.trotz-allem.org 2004 |
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