Texte
Tagebuch des Erwachens

 

 

Was ist weiterhin passiert
 

6.8.2003 - 12.8.2003 Auszug einer Woche (Mittwoch bis Dienstag)
 

6.8.2003 Habe heute meinen ersten therapeutischen Termin, leider nur am Telefon. Das Männerzentrum Würzburg will mich zurückrufen. Ich weiß noch nicht, was auf mich zukommt. Es ist aber für mich sehr gut. Ich kann mit dem Mann am anderen Ende schon einiges bereden. Unser Gespräch dauert über eine Stunde. Er bittet mich, am Donnerstag die Notruf-Nummer von Schotterblume anzurufen. Ich werde es tun.
7.8.2003 Gegen 16 Uhr rufe ich Schotterblume an. Am anderen Ende ist Ralf, den ich schon von den Eisbrechern her kenne. Ich hatte vorher bei www.Schotterblume.de nachgesehen, wer auf der anderen Seite sein wird. Das fand ich sehr gut, da ich mir ein Bild von meinem Gesprächspartner machen konnte. Ich merke ziemlich schnell, dass ich mit Ralf ein gutes Gespräch aufbauen kann.

Es wurde leider durch meinen Chef unterbrochen. Ich bespreche mit ihm das weitere berufliche Vorgehen. Wir vereinbaren u. a. dass ich meine Führerschein machen werde (mit 44, jetzt kann ich, die Ängste davor sind so gut wie weck). Nach dem wir alle Probleme aus den letzten Monaten besprochen haben, kläre ich ihn über meine Situation auf (wir sind befreundet). Sicherlich ist er verblüfft. Er hört mir eine ganze Weile ruhig zu, kein einziges Anzeichen von Zweifel, dafür kennt er mich auch zu genau. Er unterbricht mich nur für kurze Zwischenfragen. Abschließend gebe ich ihm noch diese Webadresse mit.

Zu Hause rufe ich Ralf wieder an und wir setzen unser Gespräch fort. Ein schönes Gespräch, in dem ich nur einmal ein kleines Problem hatte.

8.8.2003 Kleine Grillparty mit eingeweihten Freunden, war richtig schön und lang.
9.8.2003 In meinem Stammlokal muss ich leider vor einer sehr netten Frau ausreißen, ich hatte einfach keine Mut.
10.8.2003 Ein schöner, ruhiger Sonntag. Gegen 16 Uhr besuche ich einen Freund und rede mit ihm über alles mögliche, aber auch über mich.

Abend telefoniere ich 3 Stunden mit einer Verwandten, die auch zu dem Kreis der Betroffenen gehört. Wir können uns sehr gut austauschen. Nach 3 Stunden muss ich das Gespräch unterbrechen. Ich hab einfach Hunger. Und es reich auch für heute.

11.8.2003 Der Montag beginnt ruhig. Gegen 17 Uhr merke ich aber doch starke Müdigkeit (habe den ganzen Tag über einiges getan). Will mich einfach für 1/2 Stunde aufs Ohr hauen.

Daraus wird aber nichts. Kaum sind die Augen zu, kommt der erste Flashback. Ich schreie sofort, kann mich aber schnell wieder beruhigen. Kurz drauf kommt die zweite Attacke, die schon länger dauert. Danach kommt die Dritte. Sie ist die schlimmste und flaut kaum ab. Wie immer krampfe ich  mich sehr zusammen. Es ist schrecklich. Wie immer sind Blutergüsse die Folgen (vom krampfartigen Festhalten). Nach fast 1 Stunde ist es scheinbar vorbei.

Ich gehe in die Küche, um etwas zum Trinken zu holen. Im Rundfunk sind gerade Nachrichten. Sie geben durch, das in Straßburg Eltern ihren Sohn zu Tode gefoltert haben. Ich breche sofort wieder zusammen und heule nur noch. Das hält bis fast 23 Uhr an. Vor Erschöpfung schlafe ich ein. Zwischen durch habe ich schnell meinen Aktionsraum (Achtung: Trigger-Gefahr) eingerichtet und zwei Gedichte geschrieben. Das schönere werde ich demnächst hier veröffentlichen, das andere ist für alle Täter!

12.8.2003 Heute rufe ich wieder Ralf an. Das Gespräch dauert 2 Stunden. Habe 2 Anfälle in dieser Zeit, kann sie aber fast kontrollieren. Es war ein gutes Gespräch. Werde nächste Woche wieder anrufen.
   
27.10.2003 bis
2.11.2003

Auszug aus einem Forumsbeitrag:

So eine Woche! Oje, die hatte es in sich!

Am Montag begann alles ja ganz normal. Aufstehen, Frühstück usw. Dann ein wenig gearbeitet. Gegen Mittag hoch und eine Tasse Kaffee gemacht. Fernseher an, Nachrichten gekuckt. Also ganz normal.

Und dann ging’s los. Ich merkte, wie die Unruhe in mir zunahm. Erst ein leichtes Zittern. Ich wusste, du musst sofort ins Bett. Sonst passiert Schlimmes. Kaum war ich im Bett, ging’s los. Wie sagt man so schön: Panik!

Angst überschwemmte mich. Hab im ersten Moment laut aufgeschrieen. Aber diesmal nur ein einziger Schrei. Dann konnte ich nicht mehr schreien. Nur noch Schmerzen. Und keine Tränen. Ist mir hinterher erst aufgefallen. Ich weine sonst oft. Diesmal ging es nicht. Schreien? Keine Chance. Ich habe nur noch gezittert, mich zusammengerollt und gekrampft. Es wurde immer schlimmer. Immer tiefer ging’s hinab. Ich muss so 1, 2 Stunden so auf dem Bett gelegen haben. Ab und zu kam noch ein Wimmern, sonst nichts mehr. Der ach so starke Mann war fertig und alle.

Dann klingelte das Telefon. Mit viel Mühe konnte ich den Hörer abnehmen und hab irgendwas gesagt. Eine liebe Freundin war dran, die weiß, was mit mir los ist. Und sie kennt sich aus. Nach einer halben Stunde so rum hatte sie mich so weit. Die Attacke war vorbei.

Am nächsten Tag hatte ich Therapie. Habe ihm auch davon erzählt. Auch von dem Telfontherapeuten habe ich ihm erzählt und dass dieser mich auf so was vorbereitet hatte. Er konnte ihm nur zustimmen. Die Phase, in der die Gefühle von damals hochkommen, ist voll im Gange. Und sie ist schlimm.

Ich habe dann die Freundin besucht. Sie arbeitet direkt gegenüber. Ich musste auf sie warten. Während ich so gewartet habe, rekapitulierte ich noch mal das Gespräch und den gestrigen Tag. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Man ist ja Meister im Verdrängen, wenn man dass 41 Jahre praktiziert hatte. Ich hatte einfach bis gestern die ganze Tragweite des 1. MB’s nicht realisiert. Ich konnte und wollte bis zu diesem Moment die reine Gewaltkomponente nicht annehmen. Habe nur die Bilder aufgenommen, die Tatsache an sich und meine Gefühle von heute gegenüber allen 3 Taten. Aber die reine Gewalt besonders im 1. Fall habe ich einfach verdrängt. Und diese Gewalt hatte mich gestern überschwemmt. Daher war meine Angst gekommen. Kein Wunder. Was muss ich damals für eine Angst mit 2 Jahren gehabt haben vor dieser rohen Gewalt. Spüre jetzt noch seine Hand auf meiner Schulter. Sie ist riesig. Und Schläge gab es. Reichlich. Immer an den Kopf. Die reinen Schmerzen der Vergew. hatte mir der kleine schon vermittelt, dies muss für ihn aber fast noch schlimmer gewesen sein, dass er jetzt erst damit rausrückt.

Die Woche über wurde mir immer klarer, was da für Gewalt im Spiel war. Auch die Gewaltszenen mit 9 kamen noch mal hoch. Ich wusste auch, dass das vom Montag nur ein Vorgeschmack ist auf das Kommende. Es waren nur diffuse FB’s gewesen. Aus Erfahrung weiß ich inzwischen, dass da selbst aus der frühen Phase klare Bilder kommen.

Freitag war ich ein wenig unterwegs. Samstag auch. Ich habe früher viel Alkohol getrunken. Das hat sich zum Glück fast seit dem Tag X geändert. Trinke fast gar nichts mehr (das ist gut!). Dann kam der Sonntagmorgen. 6:30 bin ich wach geworden. Habe sofort meine Unruhe gespürt. Und richtig. Es ging fast übergangslos ab. Zittern, schreien (diesmal ging’s), weinen usw. Habe dann krampfhaft aus dem Fenster gestarrt und versucht, diese Flut an Angst und Schmerzen zu bändigen. Langsam lösten sich die Krämpfe. Ich habe dann angefangen in Gedanken einen Monolog zu führen. Ich habe einfach mir einem imaginären Publikum gesprochen. Habe dem Publikum meine Gedanken mitgeteilt, meine Pein, meine Angst. Das hat geholfen. Gegen 8 Uhr konnte ich dann aufstehen. Kaffee, Frühstück. Dann runter an den PC, Mails abgerufen und den Monolog von vorhin aus dem Gedächtnis so gut es ging aufgeschrieben. Das ganze hat dann bis 13 Uhr gedauert (mit kleine Unterbrechungen).

Um 13:30 kam ein guter Freund vorbei. Wir trinken immer Kaffe sonntags und reden miteinander. Dabei bekommt er auch meist meine neuesten Werke. Ich gab ihm den Monolog zu lesen. Ich wies ihn aber darauf hin, dass es starker Tobak ist. Während er ihn las, habe ich ihn beobachtet und bin selber in Gedanken den Monolog durchgegangen. Meine Unruhe stieg sofort wieder an. Zittern und so. Er war noch nicht fertig, da setzte sich der Anfall von heute morgen fort. Musste mich wahnsinnig zusammenreißen. Konnte aber nicht verhindern, dass ich zitterte wie Espenlaub und mir die Tränen herunter liefen. Er war sehr bleich. Das musst du veröffentlichen, sagte er nur. Damit die Menschen wissen, was los ist. Ich konnte nur noch Nicken und weinen. Ich konnte mich dann wieder etwas beruhigen. Nach einer Stunde musste er wieder gehen. Er gibt Nachhilfeunterricht und hatte einen Termin. Hätte ich was gesagt, wäre er auch geblieben. Aber ich wollte allein sein.

Kaum war er weg, ging’s weiter. Schaffte es grade noch bis zum Sessel. Dann ging die Reise in die Vergangenheit weiter. Schreien, Zittern, Weinen. Mein Blick fiel auf einen Gürtel, den ich mir letzte Woche gekauft hatte. Angst kam in mir hoch. Ich konnte wieder nicht Schreien. Nur noch Angst. Was ist nur mit diesem verdammten Gürtel, dachte ich. Irgendwie habe ich es geschafft, ihn in irgendeine Ecke zu werfen, wo ich ihn nicht mehr so sehen musste. Nach 2 Stunden habe ich es endlich geschafft, meine Freundin anzurufen, die mich schon seit den ersten Tagen begleitet. Sie schaffte es dann wieder mal mich auf den Teppich zu bringen. Hat so ein halbe Stunde gedauert.

Hab natürlich wieder ein paar Blaue Flecken mehr an den Armen, aber die gehen weg. Ich war danach fertig und müde. Also ab ins Bett. Einfach etwas entspannen. Aber eigentlich hätte ich es wissen müssen. Kaum lag ich da, begannen die FB’s. Erst die üblichen Gefühle. Schmerzen und so. Hände überall. Und dann kam was Neues. Hatte ja den  Verdacht, dass der Gürtel irgendwas mit Schlägen zu tun hatte. War aber nicht so! Ich bekam auf einmal fast keine Luft mehr und ich konnte meine Arme nicht mehr bewegen. Ich war gefesselt. Ich lag da, konnte mich kaum bewegen, der Gürtel schnürte mir die Luft ab und er tat das übliche mit mir.

Damit war das Rätsel um den Gürtel gelöst. Es hört sich schlimm an, aber ich war irgendwie erleichtert. Ich wusste wieder ein Detail mehr, der Anfall war vorüber. Bin dann glaube ich so gegen 17 Uhr runter und bin durch die Foren (bin in 4 Foren). Dann habe ich mir noch den Beitrag in Mona Lisa angesehen und bin nicht zusammengeklappt (wenn auch nicht viel gefehlt hätte). Es war erste Mal seit dem Tag X dass ich mir so einen Beitrag bewusst angesehen habe. Ich habe sie bisher vermieden. Sie triggern mich nun mal sehr.

Das war eine schöne Woche! Wie in einem Lehrbuch für unsere Therapeuten. Aber man kann sie überstehen. Darum habe ich es aufgeschrieben. Für mich und auch für euch. Ich bin nicht stärker wie ihr alle. Wir können es schaffen! Ich will es schaffen. Solche Monster können und dürfen nicht siegen!

 

 

 

(C) jetzt.trotz-allem.org 2004