Texte
Tagebuch des Erwachens

 

 

Immer noch keine Ende?
 

Und wieder ein fast totaler Zusammenbruch am 25.1.2004
 

Vorher Seit Ende Juli 2003 weiß ich, dass mich der Täter Nummer 2 gefoltert hat. Es war eine psychische Folter, weniger eine körperliche. Also ähnlich als würde man einer Mutter drohen, ihrem Kind wehzutun. Jede gute Mutter ist damit erpressbar. Nach einiger zeit konnte ich mit meinem Telefontherapeuten darüber reden. Nach der Schilderung des Vorfalls war auch er der Ansicht, dass es sich hierbei um Folter handelte. Anders könne man sein tun auch nicht beschreiben. In der Folgezeit versuchte ich immer wieder mit dieser Tatsache klar zukommen. Selbst heute habe ich damit immer noch viele Probleme.
Sylvester 2003 Ich habe Sylvester in meiner alten Heimat Berlin verbracht. Seit einigen Tagen (ab Anfang Dezember so rum) war ich unruhig. Mir war so, als fehlte mir noch was. Aber es steckte wohl zu tief in mir. Aber alleine die Unruhe führte zu mehreren Nervenzusammenbrüchen.
20.1.2004/21.1.2004 Ich erinnere mich noch mal, dass ich irgendwann bei Pflegeeltern war. War es das, was mich so beunruhigt hatte? Rückfrage bei meinem Bruder ergab, dass ich mit 4 Jahren für 12 Wochen bei den Pflegeeltern war. Ich habe aber keinerlei Erinnerungen daran. Aber es stellt sich auch kein ungutes Gefühl ein.
25.1.2004 Ich beginne morgens damit, den letzten Teil (die Folter) aufzuschreiben. Ich komme gut voran. Es stellt sich zwar eine gewisse Nervosität ein, aber das wundert mich nicht. Das Thema ist nicht einfach. Ich unterbreche das ganze Mittags. Ein guter Freund besucht mich am Nachmittag zum Kaffee. Wir reden ein wenig und ich gebe ihm noch einen schwierigen Text zu lesen. Ich bin reichlich nervös. So gegen 16 Uhr geh ich an mein Computer um meine Foren abzuklappern. An einem Beitrag bleibe ich kleben. Er handelt von dem Verhalten eines anderen Opfers bei einer Misshandlung. Er hatte sich total in sich verkrochen. Das rief eine Erinnerung in mir wach. Und dann kam der große Knall. Es war doch noch was gewesen. Ein Detail der Folter hatte ich einfach noch nicht wahrhaben wollen und total verdrängt. Ein sehr heftiger Nervenzusammenbruch war die Folge. Zum Glück griff meine Notrufkette und ich konnte gegen 18 Uhr meinen Bruder erreichen. Ihm konnte ich mehr stammelnd und durch Schreie unterbrochen die Vorkommnisse schildern. Mein Kopf platzte fast, so schmerzte er. In dieser Nacht kam ich fast nicht zur Ruhe.
26.1.2004 Der Zusammenbruch ging weiter, direkt nach dem Aufstehen. Nur ein Gedanke beherrschte mich. Immer und immer wieder überschwemmte er mein Denken. Bis gegen 16 Uhr hielt es an. Ich schrieb schlimme Gedichte, schrie meine Schmerzen immer und immer wieder hinaus. Gestern konnte ich fast nicht mehr weinen. Heute kamen dann die ersten Tränen wieder. Ich bekam mittlerweile viel Zuspruch in meinen Foren. Sie halfen mir so gut sie konnten. Gegen 16 Uhr merkte ich, dass ich ruhiger wurde. Ich hätte es auch nicht lange mehr mitmachen können. Ich versuchte mich abzulenken. TV, Kaffee, Zigaretten. gegen 18 Uhr ging es dann tatsächlich wieder und ich merkte, dass ich Hunger hatte. Inzwischen achte ich dann auch darauf und habe mir was zu essen gemacht. Hab dann noch ein wenig in meinen Foren geschrieben. Kurz vor 22 Uhr bin ich ins Bett. Ich hatte mir etwas vorgenommen. Früher habe ich ab und zu mal meditiert. Einfach so, ohne Anleitung.  Ich mache mir dann eine sanfte Musik an (Klassik ohne Gesang) und lege mich hin. Ich versuche mich dann zu entspannen. Das habe ich dann gemacht. Zum einen wollte ich meine Kopfschmerzen bekämpfen, zum anderen wollte ich mir über etwas klar werden. Beides klappte so nach einer Stunde. Ich wusste, dass ich mich auf keinen Fall klein kriegen lassen wollte von diesem sehr unschönen Detail. Ich nahm mir fest vor, es am nächsten Tag aufzuschreiben und in mein Foren zu setzen. Und siehe da, die Kopfschmerzen ließen nach. Ich kann schlafen.
27.1.2004 Gegen 6 Uhr bin ich wach und stehe auf. Kaffee, Katze füttern, Bürgersteig räumen (es hatte stark geschneit). Und dann beginne ich es aufzuschreiben. Zeile für Zeile, Wort für Wort. Ich muss mir Zeit lassen. Gegen 10 Uhr bin ich fertig. Und ich setze die Geschichte vorerst in zwei meiner Foren. Ich bin erleichtert. Vorgestern war die Hoffnung fast in mir gestorben, heute st sie wieder da. Ich werde es schaffen. Aber nur mit der Hilfe anderer.
   
9.2.2004 Ohne es genau zu registrieren beschäftigte ich mich schon seit einiger Zeit mit einer ganz bestimmten Frage: Wann war eigentlich meine Kindheit zu Ende? Wann kam er auf die Idee, es zum ersten Mal zu versuchen? Ich begann damit mir Argumente aufzuschreiben. Es kamen einige für einen sehr frühen Missbrauch zusammen. 
11.2.2004 Ich postete meine Überlegungen in einigen Foren. Ich wollte einfach wissen, was andere davon hielten.
12.2.2004 Ich schrieb morgens wieder Mal Gedanken über meine Leben auf. Es wurde eine Generalabrechnung mit allen drei Tätern. Es war eine Vorbereitung auf das Kommende.

Am späten Nachmittag rief ich meinen Telefontherapeuten an. Bewusst steuerte ich das Gespräch auf meine Überlegungen. Punkt für Punkt führte ich meine Indizien auf. Er konnte sie nur bestätigen. Er sagte mir auch, dass 99 % aller Fälle frühen Missbrauchs innerhalb der Familie praktisch direkt nach der Geburt anfangen. Bisher hatte ich immer noch gehofft, dass ich die ersten zwei Jahre eine normale Kindheit verbringen durfte. aber das war Wunschdenken. Es wird sehr früh zu der ersten Vergewaltigung gekommen sein.

13.2.2004 Heute ist eines klar: Ich bin am Nullpunkt angekommen. Meine schreckliche Reise in die Vergangenheit ist zu Ende. ab heute kann ich endlich wirklich nach vorne schauen und mein Leben neu beginnen. Endlich!
16.2.2004 - 2.3.2004 Zu früh gefreut! Leider! Heftige Flashbacks überfallen mich jetzt in immer kürzeren Abständen. Meine Gedanken rutschen immer schneller ab und eine Panikattacke nach der anderen Folgt.
2.3.2004 Ich habe einen Termin bei meinem Therapeuten. Seit Sonntag war es mir absolut klar. Ich will in eine entsprechende Klinik. Ich schaffe es nicht mehr so. Alle Mittel, die vorher noch halfen (Therapie, Gespräche mit Freunden etc.) helfen nicht mehr. Auf dem Weg zu meinem Therapeuten (20 min. Fußweg) habe ich einen Flashback nach dem anderen. Ich breche fast zusammen auf dem Weg zu ihm. Er versucht mich irgendwie noch zu beruhigen. Ich sitze bei ihm im Sessel und weine und schreie nur noch. Er wird sofort aktiv, sucht eine entsprechende Akut-Klinik heraus und ruft dort an. Nächsten Dienstag kann ich dort hin.
3.3.2004 Ich besorge mir vom Hausarzt die Einweisung. Diagnose: PTBS
3.3.2004 - 8.3.2004 Ich packe für die Klinik. Ich mache gleich am 3.3. eine Rundruf und sage allen Bescheid, dass ich in eine Klinik gehe. Nach und nach verabschieden sich alle von mir. Am Freitag bin ich noch auf einem schönen Konzert eingeladen. Ich nehme vorher ein Beruhigungsmittel, denn ich bin jetzt schon sehr nervös. Jede Stunde, in der die Abreise näher rückt, werde ich immer nervöser. Eine liebe Freundin erkennt es richtig: Ich hatte einfach Angst, meine inneren Kinder waren in heller Aufruhr. Kein Wunder. Das letzte Mal, als ich solch eine Reise antrat, war ich neun Jahre alt und landete ich in der Hölle. Bis zum Abend des 8.3. war ich endgültig fertig mit den Nerven. Die letzten Nächte hatte ich eigentlich nicht mehr schlafen können
9.3.2004 Abreise in den Schwarzwald. Ich kam sozusagen auf dem Zahnfleisch dort an. Während der Anfahrt ging es noch. Als ich endlich die Taschen abstellen konnte brach ich fast zusammen. Der Arzt verordnete mir daraufhin ein "Hammer-Medikament". Das war so gegen 16 Uhr. Um 17 Uhr gab es Abendessen. Ich bekam es kaum noch mit. Ich wankte danach in den oberen Stock und legte mich schlafen. Gegen 5 Uhr am nächsten Morgen erwachte ich. Es ging wieder ein wenig besser. Ich war endlich in der Klinik und hoffte hier etwas zur Ruhe zu kommen.
 

 

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