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Texte
Tagebuch des Erwachens |
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Und wieder geht es weiter...
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| März 2004 |
Soweit war ich nun gekommen! Ich war
in einer Klinik für psychisch Kranke. Also in einer Psychiatrie.
Aber egal. So wie es mir seit Januar ging konnte es nicht
weitergehen. Diese ständigen Flashbacks, die mich immer wieder
überfielen kosteten mich die letzten Kraftreserven. Ich bekam ein
Einzelzimmer, wie ich es am Telefon schon abgesprochen hatte. Am
zweiten Tag ging es mir schon ein wenig besser. Ich hatte die
ganze Nacht durchgeschlafen, wachte allerdings um 5 Uhr in der
frühe auf. |
| Behandlungen |
In der Klinik wurden verschiedene
Therapien angeboten. Neben zwei Einzelgesprächen von jeweils
einer halben Stunde in der Woche gab es Gruppentherapien und
Seminare, z.B. Info Seminare über Psychosen, Depressionsgruppen,
Wanderungen und Ergotherapie (Töpfern und Seidenmalerei). Ich
selber durfte an keiner körperbetonter Therapie teilnehmen. Die
Chefärztin war wohl zu recht der Ansicht, dass mir das nicht gut
tut. |
| Probleme in der
Klinik |
Leider gab es mehrere Probleme
während des Aufenthaltes. Das eine war, dass ich auf das erste
Medikament negativ ansprach. Sie gaben mir Risperdal, ein
Medikament, dass man gerne in Krisensituationen gibt. Nur
verstärkte es bei mir innerhalb einer Woche meine Flashs
dermaßen, dass ich oft mehrere Zusammenbrüche am Tag hatte.
Später stellten Sie auf Zyprexa um. Nach einiger zeit entwickelte
ich auch dagegen eine starke Allergie. Also noch mal umgestellt,
diesmal auf Atosil. Und das nehme ich heute noch.
Dann gab es eine Entspannungstherapie. Es ist
eine Art Autosuggestion. Das ging bei mir absolut schief. Ich
verlief mich in den Vorstellungen immer wieder in schlimme
Situationen und musste dann weinen und von Entspannung keine Spur.
Z.B. sollten wir uns vorstellen, dass wir auf einen Baum zugehen.
Hab ich gemacht. Nur ich ging ganz auf ihn zu und hab ihn umarmt.
So wie ich es früher als kleiner Junge gemacht habe in unserem
Garten. Ich spürte wieder diese absolute Einsamkeit in mir, die
ich damals auch oft empfunden hatte. Und schon weinte ich. Meine
Thera setzte daraufhin diese Therapie ab.
Massagen waren auch ein Problem. Es war nun
wirklich ein netter und guter Masseur. Aber kaum kam er an
bestimmte stellen verkrampfte ich mich dermaßen, dass der ganze
Sinn und Zweck der Massage auf den Kopf gestellt wurde. Also auch
nichts.
Entspannungsbad... Das war das schlimmste. Seit
Jahren bin ich schon nicht mehr in einer Badewanne gewesen. Ich
habe mich immer irgendwie in Badewannen unwohl gefühlt, ohne zu
wissen warum. Ich sah mir die Wanne an. Es war so eine große
Wanne. Ich hoffte hier keine Probleme zu bekommen. Ich wusste ja
seit ca. November 2003 dass auch in der Wanne immer wieder mal
etwas passiert war. Beim 2. Bad kam es dann zu einem heftigen
Flash. Und meine starke Antipathie gegen Badewannen erklärte sich
auf schlimme weise. Ich und er kämpften in der Wanne. Ich hatte
mich gewehrt! Und dann kamen die ganz schlimmen Bilder. Er
drückte mich unter Wasser und hielt mich fest. Ganz kurz bevor
ich ertrank ließ er mich los. Er hätte mich fast ermordet. Ich
saß zitternd in der Wanne und konnte mich nicht mehr rühren. Es
ist somit das letzte, was ich noch nicht gewusst hatte. Bei jedem
weiteren Bad kam es nun zu diesen Flashs.
Während des Aufenthaltes kam es auch immer
wieder zu schlimmen Flashbacks, auch zu SVV. Ich habe aber
inzwischen gelernt, offen darüber zu reden. Ich saß mehrfach im
Schwesternzimmer. Besonders leid taten mir die beiden jungen vom
Pflegepersonal. Das war ein Praktikant, der mich zwei mal in
voller Fahrt erlebte und einmal eine junge Pflegerin (25 so rum).
Ich konnte dann oft nur noch schreien. Besonders ein älterer
Pfleger aus Ungarn schaffte es immer wieder, mich zurückzuholen.
Er hat mich z.B. bei einem der grausamen Flashs, der mich in die
Folter- und Gewalterlebnisse zurück führte, sehr gut
zurückgeholt. |
| Mitpatienten |
Wir waren ein bunt gemischter Haufen.
70 % Frauen. Viele mit Depressionen. Hier lag auch der Schwerpunkt
in der Klinik. Daneben gab es auch zwei Borderliner und 3, die zur
Entzugsnachbehandlung (Drogen) da waren. Zu einigen entwickelte
ich in kurzer zeit einen intensiveren Kontakt. Ich merkte auch
schnell, dass ich abgesehen von einer Mitpatientin der einzigste
zum Zeitpunkt der Einlieferung war, der wegen SMB da war. Zu
dieser Mitpatientin entwickelte sich schnell ein sehr intensives
Verhältnis. Sie war auch ähnlich alt wie ich und ein sehr lieber
Mensch. Leider ging unsere Beziehung nach der Klinik in dir
Brüche. Es scheiterte an meiner eigenen Problematik.
Im Laufe des Aufenthaltes kamen dann aber noch 4
Patientinnen hinzu, die das selbe Problem hatten. Bei der einen
hatte ich es gleich vermutet. Aber erst einen Tag, bevor sie
wieder nach Hause fuhr, öffnete sie sich mir gegenüber. Es war
eine ganz schlimme Geschichte. Sie selber war gerade mal 22 Jahre
alt. Dann gab es da noch eine Frau, die so alt wie ich war. Sie
war wegen schweren Depressionen eingeliefert worden. Sie bekam am
Rande mit, welches Problem wir Beide hatten, da sie auch oft mit
uns zusammen war. Innerhalb ganz kurzer Zeit setzten bei ihr die
Erinnerungen ein. sie hatte einen ziemlich harten Zusammenbruch.
Bisher hat sie sich leider auch bei mir nicht mehr gemeldet. Dies
gilt auch für eine andere Mitpatientin. Sie war wegen
Angstpsychosen eingeliefert worden. Samstags morgens unterhielten
wir uns ziemlich intensiv. Im Laufe eines mehrstündigen
Gesprächs kamen bei ihr die Erinnerungen zurück. Am Abend war es
klar, woher ihre Ängste stammten. Auch sie war mehrfach
missbraucht worden. Wir haben noch oft über das Thema
geredet. |
| Erfolge/Misserfolge |
Der Haupterfolg in der Klinik war
wohl, dass ich wieder etwas zu mir kam und neue Perspektiven fand.
Daneben konnte ich im Rahmen der Ergotherapie auch viel
Kreativität entfalten. Die meisten Arbeiteten nach Vorlagen. Ich
töpferte einfach drauf los. Es entstand eine sehr schöne Vase
und ein spezieller Adventsleuchter. Daneben malte ich viel auf
meinem Zimmer und siehe da, auch da kam etwas heraus. Unter
anderem habe ich über 6 Blatt DIN A4 einen großen Baum gemalt.
Leider kann ich ihn so nicht einscannen. Sonst hätte ich ihn hier
veröffentlicht.
Als Misserfolg möchte ich bezeichnen, dass ich
nicht so intensiv über meine Geschichte reden konnte, wie ich
gewollt hätte. So bleibt noch vieles offen, was ich nun noch nach
und nach erledigen muss. |
| Depression |
Kaum aus der Klinik zurück
(7.5.2004) verfiel ich in eine extreme Depression. Der Auslöser
war das Haus, dass ich geerbt hatte. Leider ist es nicht
schuldenfrei. Und mein Konto war durch all das Chaos und dem
Klinikaufenthalt total überzogen. Es sah so aus, als ob ich das
Haus verlieren würde. Ich war nur noch am zittern, nahm 3 mal am
Tag Atosil, daneben noch ein Antidepressivum. Ich war am Ende. Ich
wusste nicht mehr, was aus mir wird. Ich zog mich aus allen Foren
zurück und verlor fast den Kontakt zur Außenwelt. Das ganze
dauerte ca. 2 Monate. Es war eine schreckliche Zeit. Ich dachte
ernsthaft über Selbstmord nach. Ich konnte einfach nicht mehr.
Die Vorstellung das Haus zu verlieren war grausam. Ich habe fast
mein ganzes Leben in ihm verbracht. Auch wenn hier der 3. SMB
stattfand, ich hänge sehr an dem Haus und dem Umfeld. Dies schien
ich nun zu verlieren.
Zum Glück löste sich das Problem. Ein Freund
suchte schon lange nach einer dauerhaften Bleibe. Und das haus ist
nun wirklich groß genug. Seit einiger zeit renovieren wir es
zusammen. Und gegen Ende des Jahres wird er wohl hier einziehen.
Er hilft mir jetzt schon bei der Rückzahlung der Raten für den
Kredit, der noch auf dem Haus ist. |
| Altes Eisen? |
Das zweite große Problem, dass die
Depression noch verstärkte, war meine Arbeitslosigkeit. Ich bin
mittlerweile 45 Jahre alt und der Arbeitsmarkt gibt nicht viel her
für Menschen in meinem Alter. Und dann das Gerede von Harz IV.
Doch ich hatte Glück. Seit dem 1.9. Habe ich eine neue Stellung.
Es gibt doch tatsächlich noch Firmen, die legen Wert auf einen
persönlichen Endruck und echte Befähigungen. Und die passten in
dem Fall nun wirklich. Also auch dieses Problem gelöst. |
| Zukunft |
Vor einigen Monaten sah es noch
schlimm aus. Heute arbeite ich wieder an meiner Zukunft und will
endlich mein Leben leben. Dazu gehörte leider auch die Trennung
von der Frau, die ich in der Klinik kennen gelernt hatte. Sie ist
zwar ein sehr lieber Mensch, aber ich merkte bei mir, wie ich mich
zurückzog. Das alte Schneckenhausproblem. Das erste mal in meinem
Leben habe ich mich dagegen aufgelehnt. Ich zog die bitteren
Konsequenzen und trennte mich von ihr. Es ging leider nicht
anders.
Was nun kommt? Ich weiß es nicht, aber ich
mache mir nicht mehr so viele Sorgen. Meine Leben geht weiter. Und
ich möchte irgendwann einmal wieder mit einer lieben Frau
zusammen leben. Das wäre einer meiner größten Wünsche. Denn
einsam war ich lange genug in meinem Leben, auch mitten in den
Beziehungen. |
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(C)
jetzt.trotz-allem.org 2004 |
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