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9.6.2003 -26.12.2003 - 200 Tage des Wahnsinns……
Am 26.12.2003 sind sie vorbei, die ersten 200 Tage meines Wachseins, meines Wissens um das was wirklich war. Ich sitze heute hier und versuche meine Gedanken zu sammeln und ein wenig diese Zeit zu erfassen, die ich durchlebte und durchleben musste.
Es war die schlimmste Zeit meines Erwachsenenlebens. Ich hätte mir selber nie träumen lassen, was unser Gehirn für Sprünge machen kann. Zu welchen Leitungen es fähig ist und was es alles abspeichern kann schon in jungen Jahren. Und doch war alles gelöscht, nichts schien zu verraten, was für Gewalterlebnisse in mir schlummerten und nur auf den Tag warteten, an dem sie endlich wieder nach oben kommen konnten.
Die ersten kleinen Erinnerungen schienen harmlos und doch war ich sofort außer Gefecht. 7:30 morgens am 9.6. ging der Vorhang hoch. Ich lag noch im Bett. Pfingstmontag 2003. Ich dachte nur: Nein, dass kann nicht sein. Du träumst noch. Doch die Bilder verschwanden nicht. Meine Gedanken kreisten nur um diesen einen Punkt: Missbrauch! War es wirklich so gewesen? Ja! Es war.
Die Erkenntnis war da. Nur die Konsequenzen waren noch nicht so richtig zu erkennen. Um ca. 15:30 brach ich dann mein Schweigen. Das erste Mal in meinem Leben begann ich wirklich über mich zu reden. Ich erzählte einer lieben Freundin all meinen Kummer, all mein Leid, das tief aus mir hervorgebrochen war. Ich wusste morgens schon, dass ich alleine niemals damit fertig werden würde. 3 Stunden saß ich da, fast nicht mehr dazu in der Lage mich zu bewegen, fast nur noch am Schreien, Zittern und Weinen. Ich, ein 44 Jähriger Mann war nur noch ein Bündel aus Schmerzen.
Die nächsten 3 Wochen stellte ich fast komplett die Nahrungsaufnahme ein. Ich wog gerade so noch 62 kg. An Schlaf war nicht zu denken. Ich schrieb und schrieb. Tagebuch, Gedichte, alles was mich bewegte, wurde von mir in Worte gefasst. Anfänglicher Hoffnung wisch schnell der absoluten Panik und Angst, vor dem, was auf mich einstürmte. Es wurde immer schlimmer. Fast 2 Monate habe ich nachts vielleicht 1, 2 Stunden vor mich hingedämmert, unterstützt von Medikamenten. Und immer wieder kamen neue Erinnerungen hoch.
Mal hatte ich die Hoffnung, es ist vorbei, du weißt jetzt das Wichtigste. Brachte meine Hoffnung zum Ausdruck und hätte manchmal schon Stunden später die Worte am liebsten zerrissen. Nach und nach unterrichtete ich alle die Menschen, die es wissen sollten, was mit mir los ist. Und jedes Mal wurde die Geschichte länger. Mit einer der letzten Menschen, den ich es erzählte, war meine frühere Lebensgefährtin Claudia und ihrem Mann Volker. Sie mussten sich schon die gesamte Geschichte anhören, wie sie sich jetzt darstellt.
Aus Missbrauch wurde Vergewaltigung, es kam Folter hinzu, es kamen Schläge hinzu, sexuelle Praktiken aller Art. Aus einem Fall wurden 3. Aus 6 Wochen wurden 3 Jahre, aus dem Alter 9 wurde das Alter 2. Alles in mir zerbrach. Nichts war gewesen wie es schien. Meine Kindheit wurde Stück für Stück zerstört und neu erkannt und erfasst. Mittlerweile habe ich drei innere Kinder gefunden. Sie erzählen mir viel, von dem was war. Sie haben mich all die Jahre beschützt, das Wissen für mich aufbewahrt. Vieles fehlt mir noch. Wieder kann ich nur hoffen, dass es mit nichts zusammenhängt, was das Ganze um weitere schlimme Faktoren ergänzt. Es scheint mir zwar unwahrscheinlich, aber das hätte ich vor einiger Zeit zu jeder der einzelnen Episoden auch gesagt.
Nun sitze ich hier, schreibe diese Zeilen, denke wieder daran, wie oft ich dem Wahnsinn nahe war, wie oft es so dunkel um mich war, dass ich fast gegangen wäre, weil ich es einfach nicht mehr ertrug.
Und dann denke ich aber auch an alle die Menschen, die mir in dieser Zeit geholfen haben, jeder auf seine Art. Und dann geht es mir wieder besser. Jeder gab etwas von sich her, um mir großen Jungen zu helfen. Und das hat mir den Glauben an die Menschheit bewahrt. Vielen meiner Leidensgenossen und Leidensgenossinnen hatten nicht das Glück, so viele liebe Menschen zu treffen. Man nennt das ganze wohl Glück im Unglück.
Ob im realen Leben oder in der virtuellen Welt des Internets, ob selber Opfer oder einfach nur mitfühlender Mensch, viele haben mir geholfen, damit ich diese finsteren Tage überstehe. Ich weiß jetzt noch nicht, was mir die Zukunft bringt, meine Reise ist noch nicht zu ende. Gerade die letzten Wochen haben mir dies ganz deutlich gezeigt. Meine Gefühlswelt ist immer noch in hellem Aufruhr und findet immer noch Neues, was mich vor Monaten noch zerstört hätte. Aber heute weiß ich, dass ich es schaffe, aber nicht alleine.
Danke dass ihr da seid……
Michael Sascha
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